"In wenigen Sätzen viel sagen"

Regina Schleheck ist in vielen Bereichen aktiv. Sie schreibt Kurzgeschichten und Hörspielskripte, veranstaltet Lesungen und leitet Hörspielkurse, in denen Hörspiele realisiert werden. Im Cenarius-Verlag ist jetzt Ihre Kurzgeschichtensammlung "Klappe zu – balg tot" neu aufgelegt worden. Buchtips.net sprach mit der sympathischen Rheinländerin über ihre Liebe zur Shortstory und über die Arbeit für die SF-Serie Mark Brandis.

Michael Krause: Welche Botschaft möchten Sie mit "Klappe zu - Balg tot" vermitteln?
Regina Schleheck: Es gab eine Ausschreibung zum Thema "Frost". Just um die Zeit, nämlich unmittelbar nach Weihnachten, wurde ein Neugeborenes erfroren vor einer Babyklappe aufgefunden, die klemmte. Ein Bloggerkommentar dazu lautete: "Gibt es etwas Grausameres als diesen Mord an dem Kind? Nein, darum sollte es die Todesstrafe geben. Solche Kreaturen haben ihr Leben verspielt und kein Recht darauf." - Gemeint war die Mutter des Kindes, und mit seinem Urteil war er in guter Gesellschaft. Man liest ja mit schöner Regelmäßigkeit von Rabenmüttern, die unerwünschte Schwangerschaften verheimlichen, um Kinder hinterhältig auf Toiletten zu entbinden, während der ahnungslose Gatte im Nebenzimmer den "Tatort" guckt oder der böswillig verlassene One-Night-Stand allein durchs Leben schmachten muss. Vor vier Wochen hieß es gerade noch in allen Nachrichten und Zeitungsmeldungen: "Auf einer Raststätte wurde ein toter Säugling gefunden." So weit, so schrecklich. Der nächste Satz lautete dann – und das in allen seriösen Medien: "Von der Mutter bisher keine Spur." Dieser zweite Satz kondensiert auf verblüffend entlarvende Weise die Verlogenheit unserer Gesellschaft hinsichtlich der behaupteten Geschlechter-Gleichheit samt der daraus resultierenden Probleme.

MK: Haben Sie eine Lieblingsgeschichte?
RS: Nein. Jede Geschichte erzählt von Dingen, die mich bewegen. Der Grad und die Art der Aufmerksamkeit, die manche der Geschichten bekommen, beeinflusst natürlich im Nachhinein meine persönliche Wahrnehmung. Aber dadurch sind die anderen nicht weniger bedeutsam – mir zumindest. Ganz egal, ob es um Themen, Blickwinkel, Erzählweisen oder Entstehungsgeschichten geht.

MK: Über welchen Zeitraum sind die 24 Geschichten entstanden?
RS: Es war eine Auswahl aus damals an die hundert Storys, die ich über mehrere Jahre verfasst hatte. Der Plan war dabei nie, einen Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen. Das war die Idee des Verlegers Ernst Wurdack, der damit auf mich zutrat.

MK: Fertigen Sie für Ihre Kurzgeschichten ein Handlungsgerüst oder Steckbriefe für die Figuren an?
RS: Nein. Bei Kurzgeschichten schreibe ich drauflos.

MK: Wie lange schreiben Sie an einer Kurzgeschichte?
RS: Es gab schon Geschichten, an denen ich zwei oder drei Tage lang gesessen habe, wenn es viel zu recherchieren oder viele Unterbrechungen gab. Aber in der Regel schreibe ich eine Story innerhalb weniger Stunden. Mein Rekord sind vier Geschichten an einem Tag - an dem ich keine anderen Verpflichtungen hatte.

MK: Was macht für Sie den Reiz dieser Literaturart aus?
RS: In wenigen Sätzen viel zu sagen. Wer Menschen zum Nachdenken bringen will, sollte sie nicht zuschwallen.

MK: Neben Kurzgeschichten haben Sie auch Skripte für die SF-Hörspielserie Mark Brandis geschrieben. Welches Genre macht Ihnen am meisten Spaß?
RS: Hörspielskripte sind Kurzgeschichten insofern nahe verwandt, weil sie szenisch arbeiten und Leerstellen lassen - die anspruchsvolle fiktionale Literatur ja erst konstituieren. Von daher sind mir beide teuer. Sie sind ein Angebot an den mündigen Leser bzw. Hörer mit Imaginationskraft und Welterfahrung sich etwas zu eigen zu machen, kein Vortrag und schon gar keine Aufforderung zu entschlüsseln, was der Autor ihm jetzt genau sagen will.

MK: Gibt es für Sie ein Tabuthema?
RS: Nö. Es gibt Dinge, die mich überhaupt nicht interessieren. Die sind für mich tot. Aber keineswegs tabu.

MK: Wie schwer war es, die Romane von Nikolai von Michalewsky in ein Drehbuch umzuwandeln?
RS: Auch wenn Nikolai von Michalewsky nicht nur ein großartiger, sondern insbesondere ein ausgesprochener Epiker ist, von dessen Text ich bis auf wenige Sätze fast nichts übernehmen konnte, erzählt er doch in Szenen, was es wiederum leicht macht, die Geschichte neu, nämlich rein akustisch-dialogisch zu erzählen – ohne jeglichen Erzähler. Reinhild von Michalewsky, seine Witwe, hat die Arbeit von Anfang an sehr konstruktiv begleitet. Am schwierigsten war eigentlich die Gratwanderung zwischen dem Wahren der Vorlage und einer behutsamen Modernisierung in Hinsicht auf inhaltliche Details und neu zu erschließende Rezipientenschichten. Die wirklich beeindruckende Alt-Fan-Gemeinde hat das nicht immer goutiert. Aber den Produzenten Balthasar von Weymarn und Jochim Redeker ist das Kunststück gelungen, alte und viele neue Fans nachhaltig zu begeistern.

MK: Wie hat sich Ihre Kreativität bemerkbar gemacht?
RS: Meine Mutter hat mir vor einigen Jahren einmal kleine Bücher gegeben, die ich als Kind angefertigt hatte, nachdem ich bei meinen Geschwistern gerade ein paar Buchstaben abgeguckt hatte. Mir selbst war das vollkomen entfallen. Tonnenweise Tagebücher, Briefe – zu Bündeln gepackt, verklebt, entsorgt, von meiner Mutter heimlich aus dem Mülleimer gefischt und aufbewahrt … Das Schreiben hat aber dann lange kaum eine Rolle gespielt. Studium, Kinder, Arbeit gingen vor. Allerdings ist mir selten etwas begegnet, was ich nicht gestaltet habe - Häuser und Gärten umgekrempelt, Möbel gebaut, mit Kindern, SchülerInnen, in der Erwachsenenbildung gebastelt, experimentiert, improvisiert, erfunden, gemalt, gesungen, Höraufnahmen gemacht, Theater gespielt ... Nur habe ich bis in die vierte Dekade meines Lebens keine Bücher geschrieben. Geschichten habe ich aber dauernd bewegt.

MK: Würde es Sie reizen, einen Roman zu schreiben?
RS: Jein. Natürlich sehr gerne. Aber das wäre nebenberuflich nicht zu schaffen, ohne dass ganz viel auf der Strecke bliebe. Ich bin jetzt schon absolut am Anschlag. Aber es gibt so viele tolle Dinge, die ich nicht aufgeben wollte: Kurzgeschichten, Hörspiele, Herausgeben, Lektorieren, Lesen, Jurieren, Mentorat, Kurse, Vorträge ... Es wäre nur machbar, wenn ich meinen Hauptberuf zurückfahren könnte. Aber das geht nun mal nicht, solange ich vier von fünf Kinder als einzige Unterhaltszahlerin noch durch Schule, Ausbildung und Studium bringen muss.

MK: Sie veranstalten viele Lesungen. Wie wichtig ist der Kontakt mit Ihren Lesern?
RS: Es ist die direkteste Art der Kommunikation AutorIn-LeserIn und neben den Rezensionen die einzige, bei der man auch mal mit mir spricht. Für Leser schreiben ist ja ansonsten sehr einseitig. Lesungen sind mir sehr wertvoll, zumal wenn ich sie mit der Begegnung mit tollen KollegInnen und wunderbaren VeranstalterInnen verbinden kann.

MK: Vielen Dank für das Gespräch!

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