Interview mit Karl Olsberg


"Die Menschen haben sich nicht im Griff"


Mit seinem Wissenschaftsthriller Das System hat der in Hamburg lebende Schriftsteller Karl Olsberg ein rasantes Debüt im letzten Jahr vorgelegt. Jetzt liegt der nächste Roman Der Duft in den Läden und die Redaktion hatte Gelegenheit, mit Karl Olsberg über seine Arbeit zu sprechen.

Michael Krause: Wie ist die Idee zu "Der Duft" entstanden?
Karl Olsberg: Oft kann ich nicht konkret sagen, woher die Idee zu einer Geschichte kommt. Aber im Fall von "Der Duft" weiß ich es: Ich habe eines Abends, ich glaube auf 3Sat, einen Bericht über einen Duftforscher gesehen, der den Geruchssinn "den vergessenen Sinn" genannt hat. Es ging darum, wie Gerüche uns subtil beeinflussen, und dass sie eine größere Wirkung auf unser Leben haben, als wir glauben. Das hat mich interessiert, und schnell war die Idee da: Was wäre, wenn jemand diesen "vergessenen Sinn" manipuliert?

MK: Hat die Geschichte eine Moral? Und wenn ja, welche?
KO: Ich würde es nicht "Moral" nennen. Aber wenn es in "Das System" darum ging, dass wir die Technik nicht im Griff haben, dann ist diesmal das Thema, dass wir uns selbst nicht im Griff haben. Wir Menschen sind noch viel mehr instinktgetriebene Tiere, als wir wahrhaben wollen. Das sieht man an vielen Dingen, vor allem an unserer Brutalität im Umgang miteinander. Aber ich bin Optimist und glaube sowohl an das Gute im Menschen als auch an das Gute in der Technik.

MK: Innerhalb der Geschichte gibt es immer wieder Anspielungen auf "Das System". Wie ist es dazu gekommen?
KO: Das ist eigentlich mehr Spielerei. Ich habe mal ein Buch von Clive Cussler gelesen, in dem der Held von dem Autor selbst, der zufällig gerade mit seiner Segelyacht in der Nähe herumkreuzt, aus dem Ozean gerettet wird. Das fand ich witzig: Der Inhaber der Segelyacht, ein erfolgreicher Autor, der natürlich auch Clive Cussler heißt, "kennt" den Helden sehr gut, obwohl sie sich noch nie begegnet sind. Soweit würde ich in meinen Geschichten nicht gehen, aber in bisschen Selbstironie darf es schon sein.

MK: Mit "Der Duft" bewegen Sie sich auf internationalem Parkett. Wie schwer ist es gewesen, alle Informationen für diesen Roman zu bekommen?
KO: Dank des Internet ist so etwas heute nicht mehr so schwierig. Ich bin mindestens einmal täglich bei Wikipedia, und Google Maps ist auch unheimlich hilfreich, um z.B. herauszufinden, wie weit es mit dem Auto von einem Notaufnahmelager in Darfur bis nach Khartum ist. Außerdem lese ich natürlich immer mehrere Bücher zur Recherche. Bei "Der Duft" war das z.B. "Gorillas im Nebel" von der berühmten Dian Fossey, auf die ich mich im Buch ja auch beziehe. Von Andreas Eschbach, der eines meiner Vorbilder ist, habe ich aus seinem Buch "Ausgebrannt" einiges über die Verhältnisse in Saudi-Arabien gelernt. Trotzdem habe ich das Buch noch einmal von einem Afrika-Kenner, dem Tierfotografen Dieter Gandras, gegenlesen lassen. Er hat noch eine Menge Fehler und Ungereimtheiten gefunden. 

MK: Was fasziniert Sie am Thriller-Genre?
KO: Ich mag spannende Geschichten. Aber mir ist wichtig, dass meine Bücher eine Besonderheit haben, irgendeinen Dreh, der genau so noch nicht da war. Bei "Das System" war das weniger der intelligente Computer als vielmehr die Tatsache, dass jemand einen Mord begeht - aus Liebe zu einer Maschine. Bei "Der Duft" hatte ich natürlich von Anfang an das Problem, dass mit "Das Parfüm" bereits ein brillanter Roman zum Thema Kontrollverlust durch Düfte existierte. Aber ich denke, dass mein Thriller hinreichend verschieden von Süskinds Meisterwerk ist.

MK: Wie entsteht ein Roman von Ihnen?
KO: Ich beginne damit, auf etwa einer Seite eine Idee zu skizzieren - oft schon lange, bevor ich mit der eigentlichen Arbeit an dem Buch beginne. Das sammle ich dann in einer Datei namens "The Next Story", meiner Ideen-Datenbank sozusagen, die inzwischen mehr als 100 solcher Ideenskizzen enthält (ich muss also keine Angst haben, dass ich irgendwann nicht mehr weiß, was ich schreiben soll). Der erste richtige Schritt, wenn ich mit der Arbeit an einem Roman beginne, ist das Definieren der wichtigsten Figuren - Protagonist (Held), Antagonist (Bösewicht) sowie einige Nebenfiguren. Dann schreibe ich einen ersten möglichen Handlungsablauf auf ca. 5-10 Seiten. Der wird ein paar Mal überarbeitet, und dann beginne ich zu schreiben. Meistens hat die fertige Geschichte dann nur noch bedingt etwas mit dem ersten Entwurf zu tun, weil ich ihn während des Schreibens ein paar Mal überarbeite. Manchmal wollen die Figuren einfach nicht tun, was ich mir ausgedacht habe - dann merke ich, dass etwas am Entwurf nicht stimmt.

MK: Nehmen Sie sich jeden Tag ein bestimmtes Pensum vor?
KO: Ja. Da ich hauptberuflich Unternehmensberater bin, habe ich nicht allzu viel Zeit zum Schreiben - jeden Morgen genau eine Stunde, in der Regel von 6.00 bis 7.00 Uhr. In einer "Schreibphase" versuche ich, in dieser Zeit 1.000 Wörter zu schreiben. Manchmal schaffe ich nur 600, manchmal 1.200 - im Durchschnitt passt es meistens. So schaffe ich in 3-4 Monaten die erste Rohfassung für ein Buch. Dann kommt eine intensive Überarbeitungsphase, die etwa genau so lange dauert.

MK: Sie kommen aus der Welt von Zahlen und Bilanzen. Was hat Sie bewogen Schriftsteller zu werden?
KO: Ich habe schon früh versucht, zu schreiben - als 11jähriger habe ich mit meinem ersten Roman begonnen. Gekommen bin ich nur bis Seite 15 oder so. "Ernsthaft" schreibe ich seit 2003. Ehrlich gesagt finde ich Zahlen und Bilanzen eher langweilig. Was mich reizt, sind Menschen. Mit denen habe ich als Unternehmensberater täglich zu tun, und das inspiriert auch meine Geschichten.

MK: Wer ist Ihr erster Leser?
KO: Meine Frau Carolin liest meine Bücher als erste. Sie ist eine knallharte Kritikerin, und ich gebe sehr viel auf ihre Meinung, gerade weil sie normalerweise überhaupt keine Romane liest, schon gar keine Thriller. Wenn ihr etwas gefällt, dann ist es wirklich gut, wenn sie etwas stört, dann ändere ich es. Der nächste Leser ist mein Lektor beim Aufbau-Verlag. Er ist meistens sehr viel gnädiger in seinem Urteil und kann unglaublich gut konstruktive Kritik geben. Und dann suche ich mir je nach Thema noch ein paar Testleser, die mir mit ihrem Fachwissen helfen können, die gröbsten Fehler auszumerzen.

MK: Welche Autoren haben Sie beeinflusst?
KO: Ich lese natürlich gern Thriller, z.B. von Michael Crichton, Ken Follett, Andreas Eschbach oder Frank Schätzing. Aber mein Lesestoff ist sehr viel breiter - früher sehr viel Fantasy und Science Fiction, manchmal auch Anspruchsvolleres wie Kafka oder Daniel Kehlmann. So unterschiedliche Autoren wie Stanislav Lem, Philip K. Dick, Neil Gaiman, Douglas Adams, Michael Ende und Erich Kästner haben mich stark beeinflusst. Nicht zu vergessen natürlich auch die Sachbuch-Autoren, allen voran Richard Dawkins mit seinen brillanten Büchern über die Evolutionstheorie. Zurzeit lese ich ein Buch der französischen Krimiautorin Fred Vargas, die ich vor allem wegen ihrer originellen und witzigen Figuren sehr mag.

MK: Auf Ihrer Internetseite erzählen Sie relativ viel über sich. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt mit Ihren Lesern?
KO: Auf karlolsberg.twoday.net betreibe ich ein Blog, für das ich mindestens einmal wöchentlich einen Beitrag schreibe. Es ist für mich eine gute Kontaktbasis zu den Lesern, und ich bekomme durchaus Feedback. Mir geht es dabei weniger um mich selbst als Autor als um die Themen, die mir wichtig sind - primär die Unfähigkeit der Menschen, die Zukunft in den Griff zu bekommen, Naivität im Umgang mit der Technik und die Konsequenzen, die man daraus ziehen sollte. Außerdem bin ich gern auf Lesungen, weil ich den persönlichen Kontakt mit Lesern wertvoll finde.

MK: "Das System" wird gerade verfilmt. Waren Sie am Drehbuch beteiligt?
KO: Das Drehbuch ist noch in Arbeit. Ich habe keinen direkten Einfluss, habe aber den Autor Sönke Lars Neuwöhner kennen gelernt und sehr großes Vertrauen, dass er die Geschichte perfekt umsetzen wird. Normalerweise mögen es Produktionsfirmen nicht, wenn sich Autoren in die Drehbücher einmischen, weil die Autoren wiederum oft jede Abweichung vom Originaltext als Affront betrachten. Ich bin da etwas entspannter - Film und Buch sind sehr unterschiedliche Medien, die ganz andere Anforderungen an Geschichten stellen. Ich weiß das einerseits von der Adaption des Drehbuchs zum ZDF-Dreiteiler "2057 - Unser Leben in der Zukunft", für die ich an dem Buch zum Film mitgewirkt habe. Andererseits war ich einmal Manager beim Fernsehen und kenne die Spielregeln des Mediums. Ich werde also nicht sauer sein, wenn der Film in vielen Punkten vom Buch abweicht - dann gibt es immerhin noch genug Gründe, das Buch zu lesen, auch wenn man den Film gesehen hat. 

MK: Ist es Ihnen schwer gefallen, die Filmrechte an Ihrem Debütroman abzugeben?
KO: Das war überhaupt nicht schwer. Erstens ist es üblich, von vornherein in einem Verlagsvertrag die Filmrechte an den Verlag abzutreten, der sie dann über seine Lizenzabteilung weiterverkauft. Als Jungautor freut man sich über die Tatsache, dass man endlich einen Verlag gefunden hat, und geht über solche Klauseln meistens großzügig hinweg, weil man nicht glaubt, dass sie jemals wirksam werden. Aber ich werde von einer professionellen Agentin betreut, die dafür gesorgt hat, dass diese Rechte zu marktüblichen, fairen Konditionen verkauft wurden. Zweitens kann einem als Autor natürlich überhaupt nichts Besseres passieren, als wenn ein Buch verfilmt wird - erst recht das Debüt! Ich freue mich immer noch wie ein Schneekönig darüber.

MK: Was bedeutet Heimat für Sie?
KO: "Karl Olsberg" ist mein Pseudonym, Olsberg meine Heimatstadt im Sauerland. Dort habe ich inzwischen auch eine kleine Fangemeinde und freue mich, wenn ich dort Lesungen halten kann. Andererseits bin ich dank meiner Frau stark in Hamburg verwurzelt - ich liebe die Stadt sehr.

MK: Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
KO: Ausschlafen bis 6.00 Uhr oder 6.30 Uhr (statt wie sonst um 5.00 Uhr aufzustehen), dann zwei Stunden schreiben und danach ausgiebig frühstücken, wenn sich meine älteren Söhne endlich aus dem Bett bequemen (der Jüngste und meine Frau stehen ebenfalls gern früh auf). Der Rest des Tages gehört meiner Familie. 

MK: Auf was können sich die Leser als Nächstes freuen?
KO: Mein nächster Roman ist gerade in der Rohfassung fertig geworden. Meine Frau liest ihn zurzeit - ich bin schon sehr gespannt auf ihr Urteil. Wenn alles so klappt wie geplant, wird er zur Buchmesse 2009 erscheinen. Außerdem habe ich gerade ein Sachbuch zum Thema Evolution und Technik fertig gestellt, das die Themen aus "Das System" aufgreift. Ich hoffe, dass auch dieses Buch Ende 2009 erscheinen wird. Zusammen mit der Verfilmung von "Das System", deren Ausstrahlungstermin allerdings noch nicht feststeht, könnte 2009 also ein gutes Olsberg-Jahr werden. 

MK: Dann wünschen wir dazu alles Gute, viel Erfolg und bedanken uns für dieses Gespräch.

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