Die Sucht nach Geld

Der in Karlsruhe geborene Wolfram Fleischhauer begeistert seine Leser mit Spannung und anspruchsvoller Lektüre. Sein Roman "Die Frau mit den Regenhänden" wurde im Jahr 2000 mit dem dritten Platz des Deutschen Krimipreises geehrt. Für seinen neuen Roman "Torso" wechselt er erstmals ins Thrillergenre. Buchtips.net sprach mit ihm über Bankenskandale und Obdachlose.

Michael Krause: In "Torso" stehen Gier und Geschäfte im Blickpunkt. In wie weit hat Sie der Berliner Bankenskandal inspiriert?
Wolfram Fleischhauer: Nur am Rande. Die Mechanismen, die zu der gegenwärtigen Situation geführt haben, ähneln sich, daher hätte man auch die Krise von 2008 als Bühne wählen können. Für einen deutschen Autor ist aber Berlin naheliegender als Washington oder New York, daher habe ich den Roman dort angesiedelt.

MK: Mit Martin Zollanger und Elin Hilger haben Sie zwei interessante Figuren erdacht. Wie sind diese entstanden?
WF: Figuren sind immer die Antwort auf die dramatische Frage, die in einer Geschichte gestellt wird. Sie entstehen aus einer Art Kluft zwischen dem was sie sind und dem was sie wollen oder sollen. So entstand einerseits der resignierte Ermittler Zollanger, der auf wie ich finde sehr interessante Weise unter Druck gesetzt wird, und andererseits die völlig systemfremde Elin, die es mit Dingen zu tun bekommt, die sie völlig überfordern. Allerdings erfüllen Figuren nicht nur ein dramatische sondern auch ein allegorische, also die Sinnebene eines Romans betreffende Funktion. Auch diese fließt in die Gestaltung mit ein.

MK: Sie gewähren dem Leser Einblicke in die Welt der Obdachlosen und der Hacker. Wie intensiv waren Ihre Recherchen?
WF: In Berlin muss man nicht aufwendig recherchieren, um mit dieser Welt konfrontiert zu werden. Die Stadt befindet sich ja weithin sichtbar in einer sozialen Abwärtsspirale. Ich habe mit Leuten gesprochen, die in diesem sozialen Umfeld arbeiten und habe auch einige sehr erhellende Stadtführungen mitgemacht, wo man das Straßenbild ganz anders zu lesen beginnt als üblicherweise. Was die Hacker und Drogenköche angeht, so findet man auch hier in Berlin recht leicht Leute, die einem Auskunft geben können.

MK: Ist "Torso" vom Arbeitsablauf her anders entstanden, als Ihre bisherigen Romane?
WF: Nein. Der Ablauf ist immer weitgehend ähnlich. Ein bis zwei Jahre Vorbereitung, ein Jahr schreiben.

MK: War der Wechsel ins Thrillergenre ein einmaliger Ausflug?
WF: Ich schreibe lieber Bücher, bei denen ich das Ende vorher nicht kenne. Kommissare und Ermittler habe ich in meinen Büchern bisher immer gemieden, denn ich suche Figuren, die eine innere Motivierung antreibt, nicht irgendein Beruf. Die Wahl des Genres trifft man ja nicht willkürlich (jedenfalls ich tue das nicht). Es hängt vom Stoff ab. Diese Geschichte wäre anders schwer erzählbar gewesen, daher ist eben ein Thriller geworden. Aber eine Serie wird es auf keinen Fall und ich finde das Genre in seiner Reinform auch eher flach und nicht sehr originell.

MK: Sie stellen das Finanzgebärden der Entscheidungsträger sehr realistisch dar. Wie nah sind Sie der Realität gekommen?
WF: Na ja, so nah wie wir alle, die um ihre Ersparnisse und die Zukunft ihrer Kinder bangen. Mich wundert es eher, dass diesen Herbst nicht gleich zehn oder fünfzehn Romane zu diesem Thema erschienen sind.

MK: Sie gelten als detailversessen. Wie macht sich das in Ihrer Arbeit bemerkbar?
WF: Mit diesem Wort kann ich nicht viel anfangen. Das klingt nach Pedanterie. Ich bemühe mich, meine Stoffe professionell zu recherchieren und meine Geschichten plausibel zu komponieren. Ich denke, das versucht jeder, der das Schreiben ernst nimmt. Zugleich wird das immer schwieriger, denn in Zeiten des Internet hat man auch als noch so fleißiger Rechercheur kaum noch einen Informationsvorsprung vor dem Leser. Die verstaubten Archive, wo ich früher abseitige Informationen ausgegraben haben, sind heute per Mausklick für jedermann leicht erreichbar und natürlich auch nachprüfbar. Das macht die Arbeit zugleich leichter und schwieriger.

MK: Hat "Torso" eine Moral, die Sie dem Leser mitgeben möchten?
WF: Ich bin Erzähler. Nicht Pfarrer. Meine Aufgabe besteht darin, mein Publikum zu unterhalten, zu fesseln, und emotional und intellektuell zu stimulieren. Wenn nach der Lektüre der eine oder andere den Wunsch verspürt, zu den moralischen Fragen, die in jeder Geschichte eine Rolle spielen, seine eigene Position genauer zu bestimmen oder zu überdenken, dann freut mich das, denn aus dem gleichen Grund habe ich die Geschichte ja zunächst für mich selbst aufgeschrieben. Aber eine Botschaft kann ich leider nicht anbieten. Nur Fragen, zu denen sich jeder verhalten muss.

MK: Letzte Frage. Sie haben an der University of California an Creative-Writing-Kursen teilgenommen. Kann man durch einen Schreibkurs Schreiben lernen?
WF: Man kann Schreibtechniken erlernen. Aber nicht Schreiben. Genauso wie man ein Instrument lernen kann, aber eben nicht Musizieren. Und nur darum geht es wirklich: ums Musizieren. Wenn jemand eine Geschichte zu erzählen hat, dann wird er oder sie diese Geschichte irgendwann erzählen, mit oder ohne Schreibkurse.

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