"Die Welt der Blinden ist nicht so dunkel, wie man sich das vorstellt"

Buchtips hatte auf der Frankfurter Buchmesse Gelegenheit, mit Sebastian Fitzek über die Fortsetzung seines Bestsellers "Der Augensammler" und über die anstehende Verfilmung seines Romans "Das Kind" zu reden.

Michael Krause: Erstmals haben Sie mit "Der Augenjäger" eine direkte Fortsetzung geschrieben. War dies geplant, als Sie den Augensammler in Angriff genommen haben?
Sebastian Fitzek: Als ich mit der Grundidee beschäftigt war noch nicht. Beim Schreiben hat sich das dann jedoch sehr früh ergeben. Ich habe seinerzeit auf meiner Homepage und bei Facebook einen Kommentar hinterlassen, dass ich über eine blinde Physiotherapeutin schreiben möchte und daraufhin von Blinden Post bekommen, was mich sehr erstaunt hat. Ich war überrascht, dass sie sich meine Homepage vorlesen lassen oder mit einer Brailletastatur selbst lesen. Und, was noch erfreulicher war, sie haben mir ihre Hilfe angeboten.

MK: Wie sah diese Hilfe aus?
SF: Die sehbehinderten Menschen haben mir Einblicke in ihre Welt gegeben, die gar nicht so dunkel ist, wie man sich das vorstellt. Sie haben mir gezeigt, wie Blinde träumen, wie sie mit einem Blindenhund auch in unwirklichen Gegenden vorankommen. Ich wusste, dass die Figur der Blinden mich beschäftigen wird und dass es keine Fortsetzung im klassischen Sinne geben, dass jedoch die Figur eine Fortsetzung erfahren wird.

MK: Wie vertraut ist Ihnen die Welt der Blinden dadurch geworden, zumal Sie auch zahlreiche blinde Testhörer hatten?
SF: Sehr vertraut. Eine sehende Leserin hat sich bereit erklärt, dass Buch in einem Telefonchat vorzulesen, so dass meine blinden oder sehbehinderten Hörer es beurteilen konnten. Was Dunkelheit ausmacht, habe ich bei der Premiere des Augenjägers erfahren, die in kompletter Finsternis im Dunkelrestaurant in Berlin stattfand. Ich habe zwei Stunden bei absoluter Dunkelheit moderiert. Wenn man dann wieder ans Licht kommt, ist man heilfroh, dass man den Sehsinn noch hat. Meine Hochachtung vor Menschen, die beim Einkaufen beispielsweise blind das Geld abzählen müssen, ist weiter gewachsen. Man ist geneigt zu glauben, dass man nur die Augen zumachen müsse, um zu wissen, was Blindheit bedeutet. Das ist natürlich nicht so. Psychologisch damit klar zu kommen, dass man nie wieder etwas sehen wird, ist schon eine besondere Situation. Und wie die Betroffenen damit umgehen, verdient allerhöchsten Respekt.

MK: Im Vorwort schreiben Sie, dass "Der Augenjäger" der zweite Roman einer Reihe ist, von der Sie selbst nicht wissen, wie lang sie einmal wird. Sind Sie mit dieser Frage schon ein wenig weiter gekommen?
SF: Ja, aber es wird nicht sofort ein Wiedersehen mit Alina Gregoriev geben. Ich bin nicht angetreten, um eine Reihe zu schreiben, ich will Geschichten schreiben, die ich selber gerne lese. Und da ist mir eine andere Geschichte eingefallen, über die ich augenblicklich jedoch nicht reden darf.

MK: Sie sagen von sich, dass Sie beim Schreiben oft einen Durchhänger haben. Wie überwinden Sie diesen?
SF: Schreiben! Wie beim Sport ist Gegendruck gut. Gegen Seitenstechen kann man Atmen und Gegenlaufen. Ich kann daher nur empfehlen zu schreiben. Auch wenn man merkt, dass es der größte Blödsinn ist. Hauptsache man überwindet die Blockade. Und ich sortiere am nächsten Tag lieber zehn Seiten aus, als dass ich immer noch auf den blinkenden Cursor starre.

MK: Sie arbeiten als Thrillerautor mit Gewalt und Tod. Was schockiert Sie im alltäglichen Leben an Gewalt?
SF: Mich schockiert generell, dass Gewaltdelikte nicht so hart bestraft werden, wie Vermögensdelikte. Das mag im Einzelfall sicher anders sein, aber wenn jemand seine Steuern hinterzieht kann er bis zu zehn, fünfzehn Jahre in Haft kommen. Und dann gibt es Menschen, die haben unzählige Male ihr Kind misshandelt und kommen auf Bewährung frei oder sind maximal zwei, drei Jahre in Haft. In der Gesellschaft wird leider zu wenig wert auf die Opfer gelegt. Ich bin ein absoluter Gegner der Todesstrafe, bin aber dennoch der Meinung, dass sich das Strafmaß nach dem Leid der Opfer zu richten hat. Solange das Opfer unter den Folgen der Tat leidet, sollte der Täter bestraft werden.

MK: Wie intensiv waren Sie an den Dreharbeiten beteiligt?
SF: Am Anfang hieß es, dass ich nur die Rechte abgeben muss. Dann hat das Ganze aber eine unheimliche Dynamik bekommen. Auf einmal meldeten sich Filmstarts aus Hollywood wie Eric Roberts (der Bruder von Julia Roberts, Anmerkung der Redaktion) und zahlreiche Ton- und Kameraleute und dann wollte ich auch dabei sein. Da es Probleme mit der Finanzierung gab, bin ich mit Geld eingestiegen. Leider gibt es bei der Filmförderung immer noch Vorbehalte gegen deutsche Psychothriller.

MK: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?
SF: Wie alle Dinge im Leben, die ich relativ planlos angegangen bin, wurde es sehr schön. Am Ende ist ein richtig guter Kinofilm entstanden. Zwar nur mit dem Budget eines Fernsehfilms, aber mit jeder Menge Herzblut.

MK: Letzte Frage. Würde es Sie reizen ein Drehbuch zu schreiben?
SF: Ich habe große Hochachtung vor den Drehbuchautoren. Denn dieser Job bedeutet in Deutschland, dass zwanzig Leute bei deiner Arbeit mitreden. Das ist der Grund, warum mich dies überhaupt nicht reizt. Beim Roman ist man Herr seiner eigenen Welt, die man gestalten kann.

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