Mehr als Copacabana und Caipirinha

Vom 09. bis 13.Oktober war Frankfurt wieder einmal der Nabel der Bücherwelt. Bereits zum 65. Mal trafen sich Verleger, Autoren, Buchhändler, Stars und Sternchen, um Geschäfte zu machen, Neuheiten oder sich selbst zu präsentieren. Dabei hat die Messeleitung ein neues Konzept ausprobiert: Raus aus den Hallen! Der schönste Ort des Messegeländes, das zentrale Freiluftareal zwischen den Messehallen, wurde völlig neu konzipiert. Open Stage, Kids Bubble und Walk of Fame hießen die Anziehungspunkte, die den Besuchern ein abwechslungsreiches Programm boten: Kern war dabei die gut 700 Quadratmeter große Open Stage Veranstaltungsfläche, die Autoren und Verlagshäusern ganz neue Präsentationsmöglichkeiten bot. Dies galt auch für das weiße Kuppelzelt Kids Bubble, in dem alles zum Thema Kinder- und Jugendbuch präsentiert wurde. Mit dem Walk of Fame hielt dann ein wenig Hollywood Einzug nach Frankfurt, konnten sich hier doch die Fans mit ihren Buchidolen ablichten lassen. Leider hatte die Messeleitung vergessen, den diesjährigen Termin mit Petrus abzustimmen, da gerade an den Fachbesuchertagen viele Veranstaltungen in der Freiluftarea buchstäblich ins Wasser fielen.

Natürlich ist die Frankfurter Buchmesse gerade an den ersten drei Messetagen eine Geschäftsmesse. 7.300 Aussteller aus über 100 Ländern wollen Geschäfte, Abschlüsse und Verträge machen. Gerade die zunehmende Technologie war ein zentrales Thema der diesjährigen Messe. Messedirektor Jürgen Boos sprach gar von einer neuen Gründerzeit: "Technologische Standards prägen die Art wie wir lesen, was wir wissen – seien das Bezahlsysteme oder Suchalgorithmen. Sie beherrschen ganz allgemein den Zugang zu geistigen Gütern", sagte Boos bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse.

Ein wesentlicher Aspekt war auch die wirtschaftliche Lage der Verlage. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Tendenz, das immer mehr Titel im Self-Publishing veröffentlicht werden. Inzwischen erscheint bereits jeder vierte Titel nicht mehr in einem traditionellen Verlag – Tendenz steigend. Und so widmete sich in Halle 3.1 die Self-Publishing Area sehr ausführlich dieser Thematik. Wie komme ich in den Buchhandel, wie ins Feuilleton? Autoren, Dienstleister und Verlage erörtern diese Thematik in Workshops und Präsentationen. Bestsellerautoren wie Nele Neuhaus oder Marah Woolf berichteten über ihre Erfahrungen im Selbstverlag.

Natürlich ist auch das Thema Bildung ein zentraler Blickpunkt der Buchmesse. "Lernen in Bewegung" hieß das Motto, unter dem das Klassenzimmer der Zukunft vorgestellt wurde. Hier war es vor allem die neue Plattform we.learn.it, die Entdeckergeist und Kreativität in Schulprojekten fördert. Diese Plattform bietet für Schulklassen 15 Expeditionen an. Auf der Buchmesse wurden die Themen Regenwald, Tiefsee und Erde im Wandel umgesetzt, wobei Schülergruppen mit Hilfe von Smartphone und Tablets ihre Aufgaben selber lösen. Wichtig war auch die Thematisierung der Literacy Campaign, die in zahlreichen Veranstaltungen aufzeigte, das es in Deutschland derzeit noch unglaubliche 7,5 Millionen Analphabeten gibt.

Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war Brasilien. Abseits von Samba und Copacabana stellte sich ein Land mit vielen Stimmen vor. Sehr schnell merkten die Besucher, das die brasilianische Literatur mehr zu bieten hat, als den esoteriknahen Bestsellerautor Paulo Coelho. 90 mitgereiste Autoren wie Chico Buarque, Bernado Carvalho oder Daniel Galera präsentierten sich in Lesungen und Interviews und stellten ein Land vieler Facetten und Gegensätzlichkeiten vor. Herzstück des brasilianischen Messeauftritts war der Gastpavillion, in dem die Besucher ein Stück südamerikanische Lebensfreude vermittelt bekamen. Hier stellte auch die Autorin Andreá des Fuego ihren hochgelobten Roman "Geschwister des Wassers" vor, der in Brasilien mit dem angesehenen Premio Jose Saramago ausgezeichnet wurde. In dem Werk geht es um die Geschichte dreier Geschwister, die bei einem Blitzeinschlag ums Leben kamen. Am Ende der Messe zog auch Jürgen Boos ein positives Fazit, da Brasilien mit vielen Klischees gebrochen habe. "Es hat sich gezeigt, dass es manchmal an sich selbst verzweifelt, aber sich selbst durch seine Kreativität nach vorne treibt." Schließlich wurde der Stab an Iris Schwank, der Direktorin des Finnish Liteature Exchange (FILI) weitergegeben, die jetzt den Auftritt des Gastlandes Finnland im nächsten Jahr koordinieren wird.

So bunt und farbenfroh wie der Gastpavillion, waren auch die Stars und Sternchen, die sich in diesem Jahr in Frankfurt präsentierten. Aus allen Bereichen der Literatur - vom hohen Feuilleton bis hin zu den Niederungen des Boulevards - waren Vertreter nach Frankfurt gekommen. So stellte Pornostar Sasha Grey ihren Roman "Die Juliette Society" vor, Daniela Katzenberger präsentierte mit viel Brimborium ein Buch über die Liebe und Boris Becker sorgte zwischenzeitlich für verstopfte Messehallen, als er seine Biografie "Das Leben ist kein Spiel" vorstellte. Dutzende Fernsehteams drängelten sich am Stand des Herbig-Verlages, um Zeuge zu werden, wie sich ein Idol selbst demontiert. Becker nutze den Auftritt zur Selbstdarstellung und gefiel sich in der Rolle als Opfer der Medien. Wer es ein wenig anspruchsvoller wollte, konnte sich über Werke von Uwe Timm, Jana Simon oder Andreas Eschbach freuen. Gejubelt wurde auch beim S.Fischer Verlag, wurde dieser doch von der erfreulichen Nachricht überrascht, das Alice Munro in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird.

Am Wochenende konnten dann auch die Leser das Messegelände stürmen. Auch wenn in diesem Jahr kein so großer Renner wie die "Shades-of-Grey-Trilogie" am Start war, konnten sich die Besucher über zahlreiche Neuheiten freuen und Autoren wie Jussi Adler-Olsen, Wulf Dorn, Sina Beerwald oder Arno Strobel bewundern, die sich für ihre Leser jede Menge Zeit nahmen. Trotz eines leichten Bücherrückgangs, sowohl bei den Fachbesuchern, als auch an den Publikumstagen, zogen Messeleitung und Verleger ein positives Fazit. Durch den wachselnden eBook-Markt erschließt sich die Branche neue Leser, so dass man sehr erwartungsvoll in das neue Jahr geht.

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