Interview mit Andreas Brandhorst


"Ich habe mich viele Jahre heimatlos gefühlt."


Andreas Brandhorst hat sich vor allem einen Namen als Übersetzter und Autor von Science-Fiction-Romanen gemacht. Zuletzt war er mit dem "Kantaki"-Zyklus, einer episch angelegten Zukunftssaga, erfolgreich. Mit ÄON ist jetzt sein erster Thriller erschienen. Buchtips.net hat mit dem in Italien lebenden Autor über die Entstehung des Romans und der Bedeutung des Begriffes Heimat gesprochen.

Michael Krause: ÄON handelt von einer alten Macht, die sich anschickt, wieder die Herrschaft zu übernehmen. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?
Andreas Brandhorst: Kalabrien. Ich bin dort in den Bergen durch Dörfer gewandert, in denen die Zeit stillzustehen schien und ich das Gefühl hatte, in die Vergangenheit versetzt worden zu sein. Dieses sonderbare Gefühl, ein Wanderer in den Zeiten zu sein, hat meine Phantasie damals so richtig beflügelt. Hinzu kamen Geschichten von Wundern, die sich hier und dort ereignet haben sollen, oft verwoben mit historischen Ereignissen. Das alles hat sich dann irgendwann mit Fragen verbunden, die mich schon seit einer ganzen Weile beschäftigen und lauten: Und wenn wir Menschen gar nicht die erste intelligente Spezies auf diesem Planeten (gewesen) sind? Was wäre wenn die Welt viel größer ist als die, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen?

MK: Hat die Geschichte eine spezielle Moral?
AB: Ich schreibe nicht mit erhobenem Zeigefinger, aber in jedem meiner Romane, auch in Äon, gibt es so etwas wie persönliche Botschaften, und sie richten sich an den Leser, der sich davon angesprochen fühlt.

MK: ÄON überzeugt durch eine spannende Handlung und einer Menge kirchlicher Geschichte. Wie schwer war es, diese Geschichte in den Plot einzubauen?
AB: Es waren umfangreiche Recherchen notwendig, vor Ort in Kalabrien und auch in Hinsicht auf die historischen Fakten. Der Plot ist mit diesen Recherchen gewachsen. Der geschichtliche Hintergrund mit der katholischen Kirche und den Kinderkreuzzügen war von Anfang an dabei. Einige kleine, nebensächlich scheinende Dinge basieren auf Fakten und sind gut versteckt. Ich bin gespannt, ob der eine oder andere Leser darauf aufmerksam wird.

MK: Wie viel Zeit haben Sie bei ÄON von der Idee bis zur fertigen Umsetzung gebraucht?
AB: Von der anfänglichen Idee bis zum fertigen Roman sind vier bis fünf Jahre vergangen, wobei das eigentliche Schreiben, nachdem die Recherchen abgeschlossen waren, ein knappes Jahr gedauert hat.

MK: Sie haben bisher überwiegend im Fantasy- und Science-Fiction-Genre gearbeitet. Was hat Sie bewogen, mit ÄON eher in den Bereich Thriller zu wechseln?
AB: Ich wollte es einfach einmal mit einem Thriller versuchen. Gewissermaßen aus Freude an der Abwechselung. Thriller faszinieren mich schon seit einer ganzen Weile, denn sie erfordern eine andere Herangehensweise. Auch das Schreiben, die Art der Darstellungen und Schilderungen, ist anders. Ich stelle mich gern neuen Herausforderungen. Dabei lernt man hinzu.

MK: Ihre ersten Erzählungen haben Sie bereits in jungen Jahren geschrieben? Wie hat sich die Kreativität bei hnen bemerkbar gemacht?
AB: Ich schreibe, seit ich schreiben kann. Die ersten Geschichten habe ich mit 8 oder 9 Jahren verfasst und durfte in der Schule vorlesen. Das hat mich damals sehr stimuliert. Phantasie und Kreativität waren immer da; sie fühlen sich für mich normal an. Was wohl auch ein Elefant von seinem Rüssel sagen würde, wenn man ihn fragte, wie sich diese lange Nase anfühlt. Kreativität und Phantasie sind für mich wie die Farben in der Welt; ohne sie wäre alles grau.

MK: Sie haben eine Lehre als Industriekaufmann absolviert. Hatten Sie schon immer den Wunsch Schriftsteller zu werden?
AB: Ja, ich habe seit meinen ersten geschriebenen Geschichten davon geträumt, Schriftsteller zu werden. Es ist für mich mehr Berufung als Beruf. Ich bin Schriftsteller; es ist meine Identität, es prägt mein Selbst. Könnte ich nicht mehr schreiben, wäre ich eine andere Person.

MK: Neben Ihrer Autorentätigkeit arbeiten Sie auch als Übersetzer. Welche Aufgabe nimmt mehr Zeit in Anspruch?
AB: Leider hat über viele Jahre hinweg das Übersetzen mehr von meiner Zeit in Anspruch genommen, wegen des sichereren Einkommens, aber das hat sich inzwischen geändert.

MK: Sie leben in Italien. Was bedeutet Heimat für Sie?
AB: Schwierige Frage. Ich habe mich über viele Jahre hinweg heimatlos gefühlt, mehr als Europäer denn als Deutscher oder Italiener, aber erstaunlicherweise hat da in den letzten Monaten ein langsamer Wandel begonnen. Vielleicht ist es eine Frage des Alters: Obwohl ich den größten Teil meines Lebens als Erwachsener in Italien verbracht habe, spüre ich meine deutschen Wurzeln immer deutlicher.

MK: Gibt es Momente, wo Sie Deutschland vermissen?
AB: Ja, solche Momente gibt es, und aus irgendeinem Grund häufen sie sich. Ich habe von Alter gesprochen, und auch von Elefanten. Bleiben wir dabei: Ich hoffe, es ist nicht der Ruf zum Elefantenfriedhof.

MK: Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
AB: Er unterscheidet sich kaum von den anderen Tagen. Ich habe längst aufgehört, solche Unterscheidungen zu treffen. Ich schreibe jeden Tag, und ich beschäftige mich jeden Tag auch mit anderen Dingen. Die Arbeit ist nicht vom Rest meines Lebens getrennt, etwas, das erledigt werden muss, damit man das Leben führen kann, das man eigentlich führen möchte. Das Schreiben gehört dazu, wo und wann auch immer. Ich empfinde das als großes Privileg.

MK: An welchem Projekt arbeiten Sie zurzeit?
AB: Ich bin dabei, einen neuen Roman vorzubereiten. Es ist ein sehr ehrgeiziges Projekt, zu dem ich noch nichts verraten möchte.

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