Judy Blundell: Die Lügen, die wir erzählten

Die Lügen, die wir erzählten

Verlag: Ravensburger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-473-35330-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Brooklyn im Sommer 1947. Evie spürt schon das Ende des Sommers, die Zeit, in der sie und ihre Freundin Margie nach endlosen Ferienwochen zum ersten mal wieder an die Schule denken. Evie sehnt ihren 16. Geburtstag herbei; denn sie will endlich rauchen und einen Lippenstift benutzen dürfen. In Rückblenden erzählt die Fünfzehnjährige aus den Kriegsjahren, die die Zeit vor ihrem 13. Lebensjahr bestimmten. Joe, Evies Stiefvater, ist als einer der letzten amerikanischen Soldaten nach vier Jahren Militärdienst aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. Vier Jahre sind eine ewig lange Zeitspanne im Leben eines Mädchens, das erst 9 Jahre alt war als Joe Soldat wurde. Jahrelang mussten die Frauen während des Krieges allein zurechtkommen. Nun sind sie plötzlich wieder auf der Suche nach Rollenmodellen für das Zusammenleben mit einem Mann. Joe kündigt Frau und Tochter überraschend einen Ausflug nach Florida an. Wenn jemand, der mehrere Geschäfte gegründet und jedes Mal schnell wieder die Lust daran verloren hat, plötzlich seine Koffer packt, klingt das nach Flucht. Misstrauen schleicht sich ein, ob dieser Joe Spooner nicht nur ein Luftikus sein könnte.

Obwohl Joe seine Rolle als Vater sehr ernst nimmt, hat Evie sich stets nur wie ein Werbegeschenk gefühlt. Joe beachtet sie doch bloß, weil er ihre Mutter liebt. Mrs. Grayson, die die Spooners im Hotel in Florida kennlernen, sieht anders als die Eltern in Evie die heranwachsende Frau. Als Peter, ein Kriegskamerad Joes, überraschend auftaucht und Evie heftig umwirbt, reagieren ihre Eltern darauf entsetzt. Joe hat zudem mit Peter noch eine Geschichte aus ihrer Militärzeit in Europa zu klären. Warum in diesem Buch gelogen wird, sei besser nicht verraten. Am Ende wird Evie sich als die Härteste von allen erweisen und sich allein von Mrs. Grayson verstanden fühlen.

Die Autorin lässt die Atmosphäre der Nachkriegsjahre mit sparsamen Hinweisen lebendig werden. In wenigen Sätzen vermittelt sie ihren Lesern, was Krieg bedeutet und wie ein vaterlos aufwachsendes Kind empfindet. "Ich hatte mir immer einen Vater gewünscht. Irgendeinen. Einen strengen, einen lustigen, einen, der mir rosa Kleider kaufen würde, einen, der lieber gehabt hätte, wenn ich ein Junge geworden wäre. Einen, der herumreiste, einen der sich nie aus seinem Sessel erhob. Einen Arzt, einen Rechtsanwallt, einen Indianerhäuptling, ich wünschte mir Reste von Rasierschaum im Waschbecken und ein Pfeifen auf der Treppe.... Ich wollte meine Mutter hinter einer verschlossenen Tür lachen hören."

Blundell zeigt die USA von einer vielen unbekannten Seite; sie zeichnet ihre Haupt- und Nebenfiguren differenziert und glaubwürdig. Evies Gefühle, die sich von einem Tag auf den anderen als Frau fühlt, wie auch Joes verletzte Eitelkeit, als ausgerechnet Peter "seiner" Tochter nachstellt, sind hinreißend getroffen.
Fazit
Aus der Ausgangssituation - Evie verliebt sich in einen erheblich älteren Mann, mit dem ihr Stiefvater Geschäfte macht - entwickelt Judy Blundell eine mitreißende Krimi-Handlung, die mich verblüfft und berührt hat. "Die Lügen, die wir erzählten" wird jugendliche wie erwachsene Leser begeistern.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 23. Januar 2011

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