Wolfgang Schühly (Hg.): Natursprache. Deutsche Naturdichter der Nachkriegszeit

Natursprache. Deutsche Naturdichter der Nachkriegszeit

Verlag: Arnshaugk Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Lyrik
ISBN-13 978-3-926370-37-2

Preis: 14,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Der humanistische Fortschritt wird von vielen Philosophen und Dichtern als Abkehr von der Archaik gesehen. In der modernen Welt spielen kaum noch Götter, metaphysische Mächte, Bünde, Opfer oder Dienste eine Rolle. Weder Leidenschaft noch Enthaltung begründen eine tiefere beseelte Weltschau. Zu den modernen Annehmlichkeiten gehört die Sekurität. Der Sinn für die Tragik, für die Natur erstirbt. Es werden Kümmerer großgezogen. Es ist aus Sicht der Philosophen der Hang dieser Zivilisation, die Charaktere, Nationalgeister einander anzugleichen und einen Weltenbrei anzurühren, in dem alle Nuancen verschwinden - Uniformität, Wüßten, Langeweile und der Mangel an originärer und vielseitiger Naturerfahrung.

Das Naturgedicht ist im Gegenzug ein Gedicht, in dessen Zentrum das Erleben von Naturerscheinungen steht. Noch bevor dieses Bewußtsein Allgemeingut wurde, empfanden Dichter die verletzte Harmonie zwischen Ich und Natur, erspürten die gestörte Idylle und die Nicht-Balance zwischen Natur und Zivilisation als Folge einer immer rasanter um sich greifenden Urbanisierung und technischer Zivilisation. Die philosophischen Auswüchse dieser Analyse werden mit Oswald Spengler, Hans Freyer oder José Ortega y Gasset markiert. Aber auch die Lyrik brachte vielseitige Meister hervor. Eine mißhandelte Natur verweigerte für sie die positive Sinneserfahrung. Mit der Aufwertung des Naturbegriffes durch den französischen Philosophen Jean Jacques Rousseau bzw. durch die Epoche des Sturm und Drang im deutschen Sprachraum - hier Johann Gottfried Herder - erfährt auch die Naturlyrik einen massiven Impetus.

Bei Goethe manifestieren sich die neuen Verknüpfungen von Natur und Mensch, von Liebe und Subjektivität, von Genie und von künstlerischem Verfahren. Für den Publizisten Gerhard Nebel etwa war der Waldgang in den anhaltinischen Wäldern ein Urerlebnis. Spengler und der Philosoph Arthur Schopenhauer machten Eindruck auf ihn. Die Naturbeobachtung war für ihn auch ein Mittel, sich als Verhöhner der gerade gängigen modischen Phraseologie zu positionieren. Der Historismus, der nicht fragt, wie man selbst zu den Dingen steht, sondern sie nur behandelt, hat Nebel als Art der gelehrten Feigheit betrachtet.

Das vorliegende Buch nun enthält Aufsätze von Bernhard Gajek, Andreas Müller, Klaus Gauger, Wolfgang Schühly und vielen mehr zu den prägenden Naturdichtern der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Unter ihnen, die sich selbst eine eigene - lyrische - Position zur Natur bildeten, gehören Johannes Bobrowski, Wilhelm Lehmann, Günter Eich, Peter Huchel, Helmut Bartuschek, Oda Schaefer oder Rolf Schilling und Uwe Lammla. Ihnen widmet sich das kleine Bändchen, das Natursprache als Sprache versteht, die sich, verdichtend im Reim, der Natur und ihren Lebewesen als Gegensatz zur Kultur stellt und diese in ästhetisch reflektierter Form wiedergibt. Erst spät habe der Mensch eine Naturlyrik entwickelt, die auf Beobachtung basiert und bei der persönliche, eigene Empfindungen in Lyrik überführt werden - man könnte ergänzen: in Abkehr der auch von Gerhard Nebel proklamierten Feigheit des Historismus.

Für die im Buch beschriebenen Dichter war die Haltung zentral, daß im technischen Zeitalter eine originäre Naturlyrik zu vertrocknen droht. Der Wald werde nicht als Kraftquelle, sondern als Ort der Holzverwertung gesehen. Viele der Dichter waren noch von dem Gegensatz Stadt-Land geprägt, andere von der Industrialisierung. Johannes Bobrowski etwa betonte, daß der Poet über Tatsachen und Gegensätze des Lebens verfügen könne und damit etwas Neues, Dichterisches erschaffe. Wilhelm Lehmann wiederum war der Überzeugung, ein gutes Gedicht könne in kunstfeindlichen Zeiten wie der Diestelsame überleben, um bei günstigeren Verhältnissen eine neue Naturlyrik zu entfachen.

Genau dieser Annahme fühlt sich auch das Buch verbunden. Neben Günther Eich ist insbesondere der Beitrag über Peter Huchel überaus interessant. Huchels Werk war geprägt von einem Dualismus: Das Individuum ist geformt durch soziale, geistige Überlieferung und persönliche Veranlagung. Die Funktionalisierung des Ästhetischen, der Lyrik, etwa durch Politik und Kulturindustrie, ist nicht vereinbar mit der subjektiv-geistigen Physiognomie eines freien Denkers und Dichters. Deshalb litt Huchel sehr unter der SED-Herrschaft. Was darin eindeutig zum Ausdruck kommt ist die kreative Spontanität des Künstlers im Gegensatz zur kollektivierenden Vorgabe. Das Werk Peter Huchels repräsentiert damit den im deutschen Idealismus als anthropologisches Grundmuster angelegten Zwiespalt: Das Bewußtsein kann nicht anders, als einen neuen Gegenstand von etwas Äußerem zu erfassen. Der Gegenstand - hier die Dichtung und die Natur in der subjektiven Wahrnehmung - ist für das Bewußtsein und den denkenden Schöpfer noch ein anderer, ein eigener, als der Gegensand wie er von anderen Menschen wahrgenommen wird. Das subjektive Erkennen Einzelner steht also der formalen Erwartung von außen entgegen. Sehr wichtig sind überdies die Beiträge über den Dichter Rolf Schilling, der die Naturschau als direkten Ratgeber und Weiser der Zukunft versteht. Der Dichter Uwe Lammla erstreitet zudem in seiner Lyrik erfolgreich einen Rückweg in die beseelte Welt und damit ein Menschenbild, das über das Materialistische hinausweist.

Insgesamt bedeutet in den Werken der vielen deutschen Naturdichter die Hinwendung zur Natur eine Neugewichtung derselben, eine Anerkennung der Aura des Heiligen in ihr. Die Absicht in allen formellen, politischen oder starren Systemen aber richtet sich auf die Unterbindung dieses metaphysischen Zustroms, auf Zähmung und Dressur im Sinne des Kollektivs. Im Menschen selbst aber fällt - folgen wir Ernst Jünger, Gerhard Nebel oder den vielen Naturdichtern - die Entscheidung zur Naturschau. Die Naturerspürer rekrutieren sich aus jenen, die auch in aussichtsloser Lage für die Freiheit zu kämpfen entschlossen sind. Das graue verstaubte - so lehrt es dieses Buch beispielhaft - haftet nur der Oberfläche an. Wer tiefer gräbt, erreicht in jeder Wüßte die fruchtbare Schicht.
Fazit
Und mit den Wassern steigt die neue Potenz der Natur herauf. Diesem Weg fühlt sich das vorliegende Buch mit seinen grundlegenden Essays verpflichtet.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 14. Februar 2010

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