Antje Wagner: Unland

Unland

Verlag: Berlin Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-8270-5339-8

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Der Bus fuhr durch Orte, deren Namen das Mädchen mit der Kappe noch nie gehört hatte. Sicher fingen die Postleitzahlen dieser Käffer alle mit einer 0 an. Die Leute im Bus glotzten - kein Wunder, hier passierte sonst wohl nichts. Franka ist aus Richtung Berlin unterwegs nach Waldburgen. Sie soll gemeinsam mit anderen Jugendlichen bei den Kämpfs in einem Wohnprojekt leben. Pflegeeltern, Kinder aus schwierigen Verhältnissen - bereits in den ersten Szenen deuten bedrohlich wirkende Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen, auf ein Problembuch für Jugendliche hin. Doch Franka ist keine Person, die sich mit Etiketten versehen lässt. Die 14-Jährige spielt bewusst mit den Erwartungen anderer, was als weiblich oder männlich anzusehen ist. Wird von allen ein Mädchen als neue Bewohnerin für Haus Eulenruh erwartet, kleidet Franka sich eben mal als Junge.

Die Kämpfs betreuen im sächsischen Waldburgen sieben Kinder, die alle sorgsam schlimme Erinnerungen in sich verschließen. Die Kinder aus dem Haus Eulenruh tragen im Dorf ein Etikett, ein Stigma. Man weiß ja, wie "solche" sind, darüber sind sich viele Dorfbewohner einig. Hier muß man damit leben, angestarrt zu werden; etwas das Franka nicht ausstehen kann. Die durchtriebenen Zwillinge Ann und Lizzy, Ricardo, der alle Träume seiner Mutter in seinem Namen trägt, Matthias, dem es völlig genügt, dass es Ameisen in seinen virtuellen Welten gibt, - und die beiden Kleinen, die nicht sprechen. Auch Franka muss Schlimmes hinter sich haben, wenn sie in ein besonderes Wohnprojekt vermittelt wird. Das Mädchen, dessen ganzes Leben in einer kleinen Reisetasche Platz findet, gewährt den Lesern in nur wenigen Momenten Einblick in die "Sache mit Martina", die Anlass für Frankas Umzug in das kleine Dorf war. Wer schon in so vielen Schulklassen war wie Franka, kennt das Prinzip Clique. Die Neue aus Berlin wahrt Distanz, beobachtet und zeigt dabei ihr messerscharfes, überaus realistisches Urteilsvermögen über andere Menschen. Mädchen wie Franka wissen genau, wie verletzbar sie ihre persönliche Geschichte macht, und haben immer noch einen Trumpf parat.

Aus Frankas Zimmerfenster im Haus Eulenruh fällt der Blick auf das Unland, eine rauchgeschwärzte Ruine, die sich hinter einem Elektrozaun verbirgt. Wie kann hinter einem solchen Zaun kein Geheimnis sein, fragt sich Franka, während sie aus dem Fenster nachts Nachbar Siemann beobachtet, der gerade sein Auto belädt. Außerhalb von Haus Eulenruh drohen unheimliche Schatten, der Wald, ein dunkler Tümpel. Man braucht noch nicht einmal so panisch auf Insekten zu reagieren wie Vera, um sich hier zu gruseln. Die Dorfbewohner scheinen geschlossen ein Geheimnis zu hüten, das sie vor den neugierigen Augen der Eulenruh-Bewohner sorgsam zu verbergen suchen. Klar, dass es für Franka, Ricardo und die Zwillinge Ehrensache ist, dem Geheimnis des düsteren Unland genauer auf den Grund zu gehen.

Antje Wagner legt für ihre Leser Köder aus, führt sie mit kurzen, beunruhigenden Einwürfen immer wieder auf Irrwege und spielt dabei mit vorgefassten Meinungen. Bosen der Förster, ist so eine verblüffende Wagnersche Figur - völlig anders als man sich einen Förster vorgestellt hat. Was sich "hinter dem Zaun" verbergen könnte, scheint plausibel - und doch könnte alles ganz anders sein. Das düstere Geheimnis enthüllt die Autorin allmählich in kleinsten Dosen; seine Auflösung wird nicht jedem Leser gefallen. Absolut begeistert bin ich von der empfindsamen, tatkräftigen Hauptfigur Franka und deren schrägem Humor. Frankas Auseinandersetzung mit ihrem Körper und ihrer Rolle als Frau schildert Antje Wagner mit beeindruckender Diskretion. Die Autorin versteht sich in Kinder einzufühlen, die sich niemandem mehr öffnen, weil sie in ihrem Leben zu selten verlässliche Beziehungen erfahren haben. Deutlich wird diese Eigenschaft hin und her geschobener Kinder in Frankas Urteil über ihre Pflegemutter. Wer Franka zuhört, könnte annehmen, Franka sei die Erwachsene und Vera die Jugendliche; eine Perspektive charakteristisch für Kinder, die zu früh ohne elterliche Fürsorge aufwachsen mussten. Die Beziehungen zwischen den traumatisierten Jugendlichen, die sich gegenseitig genauestens beobachten, eröffnet Wagner ihren Lesern angenehm unaufdringlich. Traumatische Erlebnisse, die die Jugendlichen ins Haus Eulenruh geführt haben, bleiben dabei dezent im Hintergrund und lassen den Blick frei auf die Gegenwart.
Fazit
In "Unland" lässt Antje Wagner ihre jugendlichen Helden ein Abenteuer mit unerwartetem Ausgang direkt vor der eigenen Haustür erleben. Die Autorin versteht es, ihre Leser selbst in alltäglichen Szenen mit unerwarteten Wendungen zu verblüffen und beeindruckt mit ihrem Einfühlungsvermögen in Kinder, die nicht in einer Familie aufwachsen können. Auf weitere Jugendbücher der Autorin kann man also gespannt sein.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 29. November 2009

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