Heiko Luge (Hrsg.): Grenzgänge. Liber amicorum für den nationalen Dissidenten Hans-Dietrich Sander

Grenzgänge. Liber amicorum für den nationalen Dissidenten Hans-Dietrich Sander

Verlag: Ares-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-902475-60-2

Preis: 29,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. September 2016]
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Hans-Dientrich Sander war ein besonderer Denker und Philosoph der deutschen Nachkriegszeit. Für ihn war die Bundesrepublik Deutschland nicht die Fortsetzung der politischen Einheiten in der Deutschen Geschichte, sondern sie ist für ihn bis heute eine Ausgeburt der Stunde Null, gezeugt von fremden Mächten. So kündigte sich für Sander das "Germaniam esse delendam" schon in den letzten Kriegsjahren an. Die Zerstörung deutscher Städte mit Flächenbombardements und die gewaltsame Vertreibung von Millionen aus den östlichen Gebieten waren in der Tat absolute Schrecken.

Das schriftstellerische Wirken Sanders war stets mutig von diesen Themen bestimmt, von denen her er ein Bild der Bundesrepublik zeichnete, wie es andere niemals sich zutrauten, was natürlich nicht an der Wahrheit hinter Sanders Ansatz zu rütteln vermag. Als nur einen Beweis von vielen betonte er couragiert die Absprache zwischen Roosevelt und Churchill 1943 in Quebec, nach der es keinen Friedensvertrag mit Deutschland geben sollte, sondern nur ein Abkommen der Sieger über die aufzuteilenden Reste. Stalin schloß sich an, obwohl er spätestens 1944 in Jalta merken mußte, daß der amerikanische Wirtschaftsimperialismus auch schon die Sowjetunion ins Visier nahm. Bringt man Sanders Forschung auf den Punkt: Mit der Niederwerfung des Deutschen Reiches erloschen de facto das Völkerrecht und die Hegung des Krieges, welche das Ius Publicum Europaeum, einzigartig in der Weltgeschichte, hervorgebracht hatte. Damit ist Sander ein besonderer Vertreter wissenschaftlicher Redlichkeit und geistiger Zivilcourage, was man ihm freilich niemals zugestand.

Anders dagegen das vorliegende Buch! Es gesteht ihm diese Rolle zu.

Sander, einer der profiliertesten nationalen Publizisten, ist 2008 80 Jahre alt geworden. Das vorliegende Werk ist eine Festgabe seiner Gefährten und Kollegen. Dazu gehören Beiträge u.a. von: Björn Clemens, Thor von Waldstein, Elke Sander, Günter Maschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Strauß, Günter Zehm, Peter Furth, Hans-Ulrich Kopp, Martin Lichtmesz, Franz Uhle-Wettler oder Ivan Denes. Gemäß den Schriften Sanders selbst verheißt diese Festschrift ein funkensprühendes thematisches Feuerwerk spannender Themen, das dem Jubilar dadurch gerecht wird, daß die enthaltenen Texte genau wie Sander die nachkriegsdemokratischen Mißstände klar benennen.

So wird wie bei Sander selbst darauf verwiesen, daß die Ubiquität der Technik, die nivellierenden Folgen der Industrialisierung und der entproblematisierende Anspruch der Rationalisierung die geschichtsbildenden Staaten, Reiche und Imperien zerstört haben. Das Besondere droht vom Allgemeinen more geometrico verschlungen zu werden. Es verfällt die transzendentale Apperzeptionskraft - Eigenschaft einer jeden korrumpierten Wissenschaft, die heute unkritisch immer noch davon ausgeht, Deutschland sei 1945 wirklich nur "befreit" worden, und dies ohne Hintergrundinteressen der Sieger von 1945. Andere Beiträge konzentrieren sich weiterhin darauf, wie ein Volksgeist sich nur im eigenen Raum, unter eigenen Bedingungen, durch eigene überlieferte Institutionen, durch sein Milieu im umfassenden Sinne reproduziert und damit die klassische Metapher des genius loci gilt: Nach dem Verfassungsrechtler Hermann Heller ein organischer naturhafter Kern jenseits zweckbewußter Interessenverbindung.

Ein besonderer Beitrag (128ff.) befasst sich in diesem Zusammenhang mit der griechischen Mythologie. Sie fand für diese elementare Konkordanz von Sein und Ort das sagenhafte Gleichnis von Antäos, dem Sohn des Meergotts Poseidon und der Erdgöttin Gäa. Antäos war unbesiegbar, solange er noch die erde berührte. Er war verloren, wenn er in der Luft hing. Er gewann seine Kraft wieder, wenn er seine Füße auf die erde zurücksetzen konnte. Das Gegengleichnis erfand die Judaistik. Die Verfallsprozesse lassen sich für Sander antäisch erklären. Sie gehen auf eine Störung des Raumgefühls zurück, die den Impetus der Erkenntnis und Selbsterkenntnis - einst Grundlage einer jeden deutschen Philosophie zur Grundlegung des Individuums überhaupt - zerstreut und die Energien der Selbstbehauptung zerreibt. Ergänzend ließe sich im Sinne Sanders sagen, daß auch eine Generation vor Max Weber schon der Geograph Friedrich Ratzel die Rolle des Lebensraumes für den Menschen mit dem Antäos-Motiv verknüpfte: Die Natur fordert für Ratzel von jedem Volk, das als Volk gedeihen soll, ein Wohnen auf zusammenhängendem Boden, auf dem es ruht, in dem seine Wurzeln sich zu Tausenden verflechten. Nur den zusammenhängend und geschlossen verbreiteten Völkern komme jene Kraft des Antäos zu, die aus dem festen Verhältnis zur eigenen Scholle entsteht.

Um zum eingangs beschriebenen Triumph der Sieger zurückzukehren, so war dieser für Sander ein Triumph der alten Mächte des Liberalismus und des Sozialismus über Deutschland. Er habe keines der wesentlichen Probleme gelöst, sondern jedes verschärft. So lag für Sander im Deutschen Gedankengut das Potential des Liberalismus und des Sozialismus zur Bewältigung der Aporien der Moderne bereit. Im Gegenzug - so beschreiben es weitere Essays dieser Festschrift - habe sich nach dem Krieg der ideologische Staatsschutz als "Verfassungsschutz" konstituiert, um alternatives Denken jenseits den Prämissen der "verordneten Demokratie" (Theo Pirker) von Beginn an zu ersticken. Durch die Abkehr vom rechtsstaatlichen Legalitätsprinzip - geahndet werden nicht rechtswidrige Handlungen, sondern das nachhaltige Verkünden illegitimer Überzeugungen - setze sich sogar das Bundesverfassungsgericht in Widerspruch zu den das Prinzip der Chancengleichheit aller politischen Parteien tragenden Verfassungselementen. Das Verfassungsprinzip der freien Bildung politischer Opposition, das den Hauptunterschied zwischen freier und totalitärer Verwirklichungsform von Demokratie markiert, ist für Sander immer noch nicht garantiert. Oder anders im Sinne Carl Schmitts: Legalität und Legitimität werden taktische Instrumente, deren sich der Parteienstaat "freiheitlich" bedient, um neue Parteien zu diskreditieren oder dem Verbotsverfahren preiszugeben.

Sander, dem das vorliegende Buch gewidmet ist, ist dem vom alten BRD-Nachkriegsballast wirklich befreiten und jungen Leser der Zukunft gerade durch dieses Werk um viele Schritte näher gebracht worden. Er erscheint vor dem Leser als ein schreibender Mensch, dem die bedeutendsten Erscheinungen in der Welt nicht irgendwelche Welteroberer wie Deutschlands Feinde waren, sondern dem der transzendentale Weltüberwinder und der denkende und freie Lebensmeisterer am philosophischen Herzen lag und liegt. Und genau jene absolut freie Grundhaltung des Meisterns des Lebens hatten die Deutschen philosophisch erkannt. Sie haben den Schleier der Maya durchschaut, haben ihn im Sinne von Novalis gehoben und erkannt, daß man dahinter - transzendierend - nur sich selbst sieht. Kurz: Freiheit des Geistes, des Denkens oder überhaupt das freie Leben ist kein Postulat des Politischen, d.h. des Staates, sondern eine Frage der subjektiven Einstellung, des Individuums selbst, eine Frage der inneren Freiheit. Diese ließ sich Sander niemals nehmen und so wird er als Kämpfer gegen das Verwaltetwerden, die Eindimensionalität, den Konsumismus und gegen das Zurückschrumpfen des Geistes mit seinem konsequenten "Nein" unvergessen bleiben.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 17. November 2009

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