Harald Müller: Amerika schlägt zurück: Die Weltordnung nach dem 11. September

Amerika schlägt zurück: Die Weltordnung nach dem 11. September

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-596-15774-7

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Harald Müller, Professor an der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, hat hier einen imposanten Beitrag über die Welt nach dem 11. September vorgelegt. Müller gehört der "liberalistischen" Schule in den Internationalen Beziehungen an und argumentiert in der Tradition seines Lehrers Czempiel, dessen Politikverständnis und -ansätze er teilt und dem er sich verpflichtet fühlt. Müller hat schon früher, etwa auf den Seiten der HSFK oder etwa in den von dieser Organisation jährlich herausgegebenen "Friedensgutachten" die Politik der USA kritisch beleuchtet. Hervorragend ist die kompetente und lesbare Darstellung sowie die Auswertung der Quellen. Müller hat in der Tat die wichtigsten Aufsätze aus den entscheidenden amerikanischen Fachzeitschriften gelesen und verwertet und weiß daher, wovon er spricht. Konservativen wie eher linksorientierten Autoren räumt er viel Platz ein. Wie wichtig und grundlegend dieses Buch ist, wird daran deutlich, dass die Bundeszentrale für politische Bildung den vorliegenden Band unter dem Titel "Supermacht in der Sackgasse: Die Weltordnung nach dem 11. September?" ebenfalls herausgegeben hat.

Was mich an dem vorliegenden Buch trotz allem stört, ist seine Einseitigkeit. Im Gegensatz zu der Analyse von Emmanuel Todd: "Weltmacht USA" sieht Müller die USA nicht im Niedergang und diagnostiziert Amerika ausdrücklich "wirtschaftliche Stärke" (S. 37). Das Konzept des Mulipolarismus, welches Rußlands früherer Außenminister Primakow prägte, sei ein Konzept der Nationalstaaten und damit der Vergangenheit. Trotzdem sei die amerikanische Tendenz zum Unilateralismus zu verurteilen: "Die erhoffte strategische Klugheit (in Anlehnung an Czempiels Werk "Kluge Macht") hat einer strammen Machtpolitik Platz gemacht, das Steuern über Völkerrecht und Regime im Großen und ganzen der einseitigen Durchsetzung von Amerikas Willen."

Diese Feststelung des Schlusswortes ist korrekt. Aber: mir fehlt bei Müller Verständnis für die amerikanische Reaktion nach dem 11. September. Man muss - dies möchte ich betonen - die amerikanische Politik nicht teilen und kann insbesondere die Administration von George W. Bush junior für ihre Handlungen verurteilen - wie ich dies auch tue oder etwa Carter. Aber man sollte auch erkennen, was der 11. September 2001 für die amerikanische Politik bedeutet hat (vgl. hierzu etwa Peter Rudolf: Wie der 11. September die amerikanische Außenpolitik verändert hat" in "Brandherd Irak". Hier auch die Thesen Müllers in Kurzform: Harald Müller, "Defensive Präemption und Raketenabwehr: Unilateralismus als Weltordnungspolitik", eine Kurzform der Thesen dieses Bandes). Sie bedeutete einen Verlust an Sicherheit. Aus diesem Sicherheitsdilemma sind amerikanische Reaktionen zu erklären, wie sie sehr deutlich auch Robert Kagan in seinem Buch "Macht und Ohnmacht: Amerika und Europa in der neuen Weltordnung" beispielhaft darstellt. Man kann die neue unilateralistische und neoimperialistische Politik Bushs selbstverständlich, wie Müller dies tut, als "hegemoniale Revolution" kennzeichnen und, wie er es auch in seinem Aufsatz "Anforderungen an die Weltordnung im 21. Jahrhundert" im "Friedensgutachten 2003" getan hat, als "strukturell verankerte ideologische Formation auf dem extremen rechten flügel des amerikanischen außen- und sicherheitspolitischen Denkens" aus der Schule von neokonservativen Denkschulen wie der Heritage Foundation oder des American Enterprise Institutes abtun. Doch warum bekam diese Außenpolitik nach dem 11. September "Oberwasser?" Liegt es tatsächlich lediglich am außenpolitischen Desinteresse der Amerikaner oder daran, dass sich die amerikanische Bevölkerung in Krisenzeiten eben hinter den Präsidenten stellt? Was der 11. September für die USA bedeutete, ein Verlust an Sicherheit und permanente Angst, dies kommt in Müllers Darstellung meines Erachtens zu kurz. Bei allem legitimen Interessen an "Pendelumschwüngen" in den USA oder einer "amerikanischen Zivilgesellschaft" ist auch klar: wenn Europa für die amerikanische Politik nicht mehr Verständnis entwickelt - bei aller notwendigen Kritik, so wird die transatlantische Kluft stärker. Eine wissenschaftliche Publikation wie die Müllers sollte auch ein Mindestmaß an Verständnis für die Position des Andersdenkenden - auch wenn man diese Meinung nicht teilt - mitbringen. Dies tut er nicht. Er geht keineswegs auf die amerikanischen Ängste ein. So verlangen die Amerikaner aufgrund der Tatsache, dass der Verteidigungshaushalt der USA so hoch ist wie jener der nächsten 13 Staaten mit den größten Militärausgaben zusammengenommen stärkere Ausgaben der Europäer auf diesem Gebiet, um militärisch gleichberechtigt mitzubestimmen. Die Weigerung der Europäer, dies zu tun, führt zu transatlantischen Verstimmungen - aus amerikanischer Sicht sicherlich verständlich. Ich möchte nicht missverstanden werden: auch die europäische Sicht der Dinge ist nachvollziehbar und verständlich, die neo-imperiale Politik Bushs löst hier berechtigte Ängste aus, die Müller auch gut darstellt (sein Kapitel "Der Rest der Welt: Russland, China, Indien, Südostasien, der Mittlere Osten, der Rest der Welt" gehört zu den besten im Buch). Etwas mehr Verständnis für die amerikanische Politik hätte dem Anliegen des Buches, die Weltordnung nach dem 11. September zu erklären, jedoch gut getan.
Fazit
Dennoch: ein enorm wichtiges und informatives Werk, sicherlich neben Czempiels "Weltpolitik im Umbruch: Die Pax Americana, der Terrorismus und die Zukunft der internationalen Beziehungen" das wichtigste Werk aus der "liberalistischen" Czempiel-Schule zu der US-Außenpolitik unter George W. Bush. Daher: unbedingt lesen!
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 14. Juni 2003

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