Max Scheler: Die Ursachen des Deutschenhasses. Eine nationalpädagogische Erörterung

Die Ursachen des Deutschenhasses. Eine nationalpädagogische Erörterung

Verlag: Superbia Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-937554-33-4

Preis: 12,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Der Philosoph Max Scheler hat in seinen 53 Lebensjahren ein großes Werk hinterlassen. In der Frühphase waren es Schriften zur Religionsphilosophie, die mit dem Hauptwerk "Probleme der Religion. Religiöse Erneuerung" (1921) ihren Höhepunkt finden. Der Erste Weltkrieg versetzte ihn in eine nationale Euphorie. In dieser Zeit legte er den Text "Die Ursachen des Deutschenhasses" (1917) vor. Der Text ist - wie man zunächst nicht vermutet - durchaus aktuell und vor allem aufgrund seines analytischen Umgangs mit der ihm gestellten Frage überaus informativ.

Um den Kontext dieser Schrift ernst nehmen zu können, muß der Leser davon ausgehen, daß auch 2009 vermeintlich überwundene Stufen politischen und philosophischen Denkens unverändert bedeutsam sind - und sei es allein deshalb, weil es einen argumentativen Mehrwert darstellt, sie vernommen zu haben. Wichtig dabei ist: Es zählt nicht die vermeintliche Klugheit derer, die später geboren sind und damit die Geschichte aus der nachträglichen Perspektive immer klüger bewerten können. Nein, es geht nicht um jene, welche die vorliegende Schrift als veraltet abtun und die oftmals die Geschichte aus einer besonderen Hybris der Spätgebornen heraus beurteilen, als wären sie damals selbst beteiligt gewesen. Nein - darum geht es nicht. Es zählt allein die Analyse des Gesamthasses gegen die Deutschen im 1. Weltkrieg und danach, um ein Wissen herbeizuführen, das einem historischen Gesamtverständnis unverändert förderlich ist.

Für Scheler ist der Haß der Mittelmächte ein Haß der Peripherie gegen die Mitte, gegen das Herz Europas im Sinne des moralischen Mittel- und Quellpunktes derjenigen europäischen Institutionen, unter deren Herrschaft Europa den Rang eines Führers der Menschheit erhielt. Der dieser Lage angemessene kosmopolitische Geist und die besondere Fähigkeit der Deutschen, Fremdes zu verstehen und dieses nach den Regeln des Fremden positiv im Eigenen einzuordnen und entsprechend den höheren Anlagen auch der Ausländer in Deutschland umzubilden - dies mache die besondere staatskonstruktive Begabung der Deutschen aus. Sie zu erkennen, muß man sich nur die vorbildliche Integration französischer Hugenotten in Preußen vor Augen halten.

Als Reaktion auf die Krisensituation des Krieges und später der Weimarer Republik mit ihrer Spaltung in rechte und linke Denkweisen, bildete sich insbesondere über Scheler jene spezielle Wissenssoziologie heraus, die Regeln, Typen und Gesetze des gesellschaftlichen Lebens und seiner emotionalen Haltungen untersuchte. Es scheint dabei als sei es das analytische Prinzip Schelers selbst, daß die Aktualität der vorliegenden Studie untermauert. Scheler war nämlich davon überzeugt, daß gegensätzlichste Positionen nebeneinander existieren und zum Ausgleich finden können, indem sie anerkennen, daß ihre unterschiedlichen Standpunkte aufeinander bezogen seien und nur in Relation zueinander ein ideologiefreies Bild der Wirklichkeit abgeben. So stellt also Schelers Position zur Ursache des Deutschenhasses selbst eine sehr glaubwürdige Position dar, welche die heutige Hysterie antideutscher Affekte selbst in der etablierten Politik verständlich macht und sie zu entkräften befähigt ist - denn viel "Antideutsches" beruhe auf Mißverständnissen!

Der deutsche Nationalismus ist für Scheler nicht aus dem Zentrum deutschen Wesens hervorgegangen, sondern als Schutzwehr gegen den französischen Nationalismus der napoleonischen Zeit. Auch der deutsche Kapitalismus sei nicht aus deutschem Wesen autonom entsprungen, sondern erst dann entstanden, als der Eintritt der Weltwirtschaft in den Konkurrenzkampf erfolgte und das deutsche Gegenseitigkeitsprinzip verdrängte. So war es in der Tat gerade in Deutschland der christliche Korporations- und Gegenseitigkeitsgedanke, der den Handel sowie das Bild vom "Ehrbaren Kaufmann" prägte.

Mehr noch: Um das Fundament des Hasses gegen die Deutschen zu erklären, findet Scheler eine einfache aber anschauliche Formel. Die Deutschen hätten ihre Nachbarn aus ihrem Paradies vertrieben. Dieses Paradies sah für alle Völker verschieden aus: Im Osten war es mehr Träumen, Sinnen, Fühlen und stilles Sichbeugen unter das Joch des Schicksals, aber auch derbes und ordnungsloses Genießen von Alkohol. Für die Engländer war es nach alter siegesgewisser Art eines Seefahrer- und Händlervolkes das Kaufen, Verkaufen ohne Anpassung an den Kundenbedarf, dazu der Sport, die Wette, die Spekulation (man denke an das heutige Desaster der Finanzmärkte und seinen Ausgangspunkt) und das Reisen in Verbindung mit dem insularen Sonderbewußtsein. Dasselbe Paradies hieß für Frankreich Finanzreichtum, wenig Kinder, Luxus, sensible und amoureuse Abenteuer sowie schöne Frauen.

So kommt Scheler zu dem Ergebnis: Dem Ausland fehlte es in Deutschland an einem entsprechenden Glanze. Das deutsche Gepräge war das eines schlichten Arbeitsmannes, der nach innerem Zeugnis handelt, ohne jemanden übertreffen zu müssen, ohne nach der Arbeit grenzenlos genießen zu müssen. Dazu treten die Stetigkeit, die Genauigkeit, die Pünktlichkeit, die pure Freude an der Arbeit ohne stets deren Ergebnis genießen zu müssen. So entstand in Deutschland durch das rastlose Tun eine gewisse Konkurrenz dieser zentraleuropäischen Lebensmasse gerade durch ihre Erfolge, resultierend aus dieser Tüchtigkeit.

Mehr noch: Die besondere deutsche Art ist es in der Analyse Schelers, daß Arbeit und Freude verknüpft sind, die rationale Organisation der Arbeit wird ihr seelischer Motor. Die Arbeit selbst wäre stetige Freudenquelle und dies nicht einmal um einen Luxus als Endpunkt zu erreichen. Das Ergebnis ist klar - eine schnelle Industrialisierung ohne das Prinzip künstlicher Bedürfniserweckung, d.h. sinnloser künstlicher Bedürfnisse, die Konsumenten zum Kauf nötigen und von denen die Werbung heute geschwängert ist. Es handelte sich in Deutschland um ein Übermaß an Energie, das über ihren Zweck hinausgeht und damit besonders erfolgreich und bescheiden zugleich war. Hinzu tritt noch ein wesentlicher philosophischer Gedanke: Die Deutschen stehen für eine Art der Vervollkommnung als stetes Werden - ohne einen vollkommenen Zustand des Luxus und den damit einher gehenden moralischen Verfall zu erreichen.

Soweit, so überzeugend und schlüssig. Jetzt ließe sich dies noch durch die deutschen Philosophen untermauern, etwa bei der Kategorie der Pflicht. Deutsche Philosophen betrachteten Natur als Material unendlicher Pflicht (Hegel), als Triebrad des unendlichen Lebenswillens (Schopenhauer) und als Mittel zu grenzenloser Macht (Nietzsche). Kurz: Für Scheler war es die heroische Glücksverachtung des Deutschen, die die Deutschen frei machte und vor allem gelassen gegenüber konsumistischen und ideologischen Glücksversprechen des materiellen oder liberalistischen Heilzustandes. Eine besondere Auffassung von Freiheit, Dienst, Volk und Staat kommt abschließend hinzu: Die deutsche Idee der Freiheit hat nicht ihren Platz in der öffentlichen und politischen Sphäre, wie in den politischen Systemen des damaligen "Westens", sondern allein im Denken und Schauen, in strenger Facharbeit, in Familie und Heim. Sie zielt nicht auf die Gleichheit aller, sondern darauf, was alle unterscheidet. Man mag hier nur an die gewisse Häuslebauermentalität oder die individuelle Freiheit des Christenmenschen nach Martin Luther denken, um diesen Aspekten eine Wahrheit abzugewinnen.

Wenn Martin Heidegger, der Zeitgenosse Max Schelers, davon spricht, daß Scheler nicht nur "die stärkste philosophische Kraft im heutigen Deutschland, nein, im heutigen Europa" sei, so ist dieser Aussage eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Max Scheler repräsentiert in seinem Denken auf eine paradigmatische Weise die philosophischen Bemühungen und kulturellen Aufbrüche, wie sie sich im Übergang zum 20. Jahrhundert artikulieren.
Fazit
Die vorliegende Schrift ist ein sehr überzeugendes Beispiel dafür. Sie macht auch heute noch ihren Leser darin firm, selbst zu denken, sich vom puren bedürfnisbefriedigenden Konsumismus frei zu halten und in verwurzelten und korporativen, d.h. auch subsidiären, Lebenskonzepten ein unabhängiges Dasein für Heim und Familie zu schaffen. Sei dies nun die viel gefürchtete "deutsche" Haltung, oder einfach eine Haltung, die einst "deutsch" war, aber aktuell überhaupt nicht verwerflich, sondern an sich korrekt und überhaupt moralisch hochwertig ist - man mag es drehen und wenden: Es ist am Ende eine Lebenshaltung, mit der man im Leben als freier Mensch auch im Rahmen institutioneller oder politischer Knechtschaft weiter kommt. Scheler gibt am Ende den sehr konstruktiven Rat, eigene Haßgefühle selbst zu beherrschen, den eigenen Weg unbeirrbar zu gehen und nicht als hochmütiger Schaumschläger zu leben - sondern als bescheidener Mensch glücklich und gläubig zu sein.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 09. Oktober 2009

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