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Plötzlich musste alles ganz schnell gehen: der Pilot Lu Dao umklammerte Anja von
hinten und sprang mit ihr gemeinsam mit dem Fallschirm über einem
dschungelartigen Wald irgendwo in Südchina ab. Anja war auf dem Weg zu ihrem
Vater, der in China eine Arbeitsstelle als Philosoph angetreten hatte.
Deutschland brauchte offenbar keinen Experten, der Informationen ausgraben kann,
von denen andere noch nicht einmal wissen, dass sie existieren. Nachdem Anja
noch in Deutschland ein paar Chinesisch-Stunden bei Frau Fang genommen hatte,
war die temperamentvolle Ich-Erzählerin ihrem Vater nach China nachgereist. Nun
sitzt Anja mit Lu Dao mitten im Wald. Sie findet sich in einer Landschaft in der
Landschaft wieder, in der offenbar die Zeit still steht. Alles wirkt auf Anja
"sehr chinesisch" und mit dieser Bezeichnung meint sie fremd. Lu Dao
und seine langnasige Passagierin sind mitten in die Zeit Qín Shǐhuángdìs,
die Epoche der streitenden Reiche, geraten (200 v. Chr.). Vor den Besuchern aus
dem 21. Jahrhundert steht ein riesiger gelber Ritter. Den Ritter Gelber vom Ei
aus der längst untergegangenen Dynastie des Königs, der später der erste
chinesische Kaiser werden sollte, kann Anja verblüffend gut verstehen. Damit der
Ritter auch Anjas modernes Chinesisch versteht, muss die schnippische Besucherin
ihre Worte überlegt wählen. Anja, die von den Zeitgenossen des Ritters als sehr
ungeduldig empfunden wird, erhält den Rat, "mit dem Herzen zu fasten",
ihre innere Leere zuzulassen. Die merkwürdig aussehende Besucherin mit den
schimmernden Haaren wird kurzerhand zum Knappen ernannt - wer sich wie ein
Knappe benimmt, wird auch so behandelt, selbst wenn es ein Mädchen ist.
Anja erlebt im alten China spannende Abenteuer, bei denen sie Vertreter bekannter Denkschulen (Gelber Ritter, Herr Frühling-und-Herbst und Meinherr Geldchen stellvertretend für Konfuzianismus, Daoismus, Moderne) und Figuren aus chinesischen Klassikern (Totenrufer, Fenstermensch, Einhorn) begegnet. Im Nachwort werden den Lesern reale und fiktive Personen der Handlung genauer vorgestellt. Anja, die sich selbst längst dem Geschichtenalter entwachsen fühlt, erkennt, wie viel den Menschen in früheren Zeiten Geschichten bedeutet haben und dass sie die einzig mögliche Art waren, Wissen zu vermitteln. "Man hat immer alles bei sich, was man braucht." Durch die Gespräche mit ihrem Vater im philosophischen Diskurs geschult, erklärt Anja sich auf phantasievolle Art die Vorgänge im alten China selbst. Geistermauern kennen wir schließlich auch in Deutschland - was könnten die rot-weißen Absperrgitter am Eingang unserer Parks anderes sein als Radfahrerschikanen, die Radfahrer von den Parkwegen fernhalten sollen. Ebenso hielten die Chinesen durch verdeckte Eingänge oder hohe Türschwellen die Geister fern. Der westliche Rotary-Club müsste nach Anjas Idee eine konfuzianische Einrichtung sein; denn hier bleiben Männer unter sich. Hans Peter Hoffmann lässt Anja mit der Entdeckung chinesischer Worte zugleich die Bedeutung dahinter entdecken, die eine wörtliche Übersetzung nicht erfassen könnte. Wenn Anja auf Chinesisch fragt "langkurz?" Möchte sie wissen "wie lang ist es?" Zusammen mit der Sprache erschließt sich Anja die uns fremde Denkweise ihrer Reisegenossen. Der Autor, der Sinologie studiert hat, fügt der PinYin-Umschrift chinesischer Worte eine eigene Lautschrift hinzu, die den Klang des Chinesischen sehr treffend wiedergibt. Fazit
Hoffmanns "Flug auf dem Drachen", das konzentrierte Leser voraussetzt,
ist mit Sofies Welt
gemeinsam, dass auch erwachsene Leser das Buch mit großem Gewinn lesen werden.
Wer schon darüber nachgedacht hat, warum wir die Gedanken und Gefühle hinter
den Worten chinesischer Freunde selbst dann schwer verstehen können, wenn sie
perfekt Deutsch sprechen oder wir einigermaßen Chinesisch, wird in Anjas
Abenteuern eine Fülle von Anregungen finden, die der Autor mit treffendem
Wortwitz zu vermitteln versteht.
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