Jean Améry: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod

Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-608-95233-9

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Die heutige Medizin ist Kampf gegen den Tod anstatt eine Hinführung zum Einverstandensein mit ihm. Unsere Ethik ist eine, in der das Ableben nicht vorkommt, dringend vermieden werden muß, selbst wenn der betroffene Mensch den Tod wünscht. Daß wir das Wirken der Natur heute als grausam, als unmenschlich betrachten, ist der beste Beleg dafür, daß der Mensch selbst unnatürlich geworden sind, daß seine Maßstäbe lebensfremde, ja lebensfeindliche sind. Manch einer glaubt, Schmerz und Kampf des Körpers reichen nur bis an die äußere Schwelle des Todes. Dahinter würden sich noch während der Aktion des Sterbens Frieden und Licht auftun. Wie dem auch sei! - Die Schwelle muß von jedem überwunden werden, früher oder später, altersbedingt oder aus eigenem Wunsch. Und genau darum geht im vorliegenden Buch: Der eigene Wunsch zum Überschreiten der Schwelle hin zum Tode, der doch stets als zu vermeiden betrachtet wird.

Es gibt kaum ein Film, in dem der Suizidant am Ende doch Hand an sich legt, sich nicht überreden läßt, zu leben, nicht krampfhaft daran gehindert wird, seine letzte Freiheit, diejenige über sich selbst, auszuüben.

Es geht also immer wieder beim Menschen um das entschlossene Leben und das tapfere Sterben, um das Dasein oder die Verehrung des unübertrefflichen eigenen Potenzials, selbst über das eigene Sein oder Nicht-Sein bestimmen zu können. In diesem Geiste war Jean Améry, Schöpfer der vorliegenden Studie, Schriftsteller.

Das Verbot, mit dem Religion und Gesellschaft den Freitod belegen, läßt diesen als ein Vergehen erscheinen, als unnatürlichen und absurden Akt. Aber drückt sich in solchem Urteilen und Aburteilen nicht die Scheinobjektivität, das Unbetroffensein der mit dem Weltlauf Einverstandenen, der Überlebenden, der Profiteure des Profanen aus? Und hat nicht auch der "natürliche" Tod sein Unnatürliches und Skandalöses?

Er hat es. Das Dasein an sich ist ebenso skandalös, wie das Sterben aus freiem Willen. Diese Meinung vertritt der Autor, Améry, hier inständig. Der Suizidant spricht selbst und gibt sich nicht feige dem irdischen Prinzip preis. Für Améry ist er gar zu bewundern: "Das Zum-Tode-hin-Leben und der autonome Akt des Freitodes sind so ohne weiteres nicht vergleichbar, mag immerhin das Resultat in beiden Fällen dasselbe sein. Wer sterben muß, der ist im Zustande des Antwortens auf ein Geschick, und seine Gegenrede besteht in Furcht oder Tapferkeit. Der Suizidant oder der Suizidär aber redet selber. Er spricht das erste Wort."

Schon der Philosoph Philipp Mainländer malte in seinem zweibändigen Hauptwerk "Die Philosophie der Erlösung" ein radikales Untergangsszenario, das einmalig ist und dem vorzubeugen der Freitod die einzige sinnige Konsequenz sei: "Die Bewegung der Menschheit überhaupt ist die Bewegung aus dem Sein in das Nichtsein" (I, 215), heißt es dort. Der Philosoph sieht nur die tiefste Sehnsucht nach absoluter Vernichtung, Erlösung! Erlösung! Tod unserem Leben! Und die trostreiche Antwort darauf - bei Mainländer: Ihr werdet alle die Vernichtung finden und erlöst werden. Und wer sie nicht unfrei dem Geschick folgen müssend finden wird, hat die Möglichkeit, sie frei selbst zu finden: Hand an sich legen, selbst agieren, autonom handeln, frei handeln - das erste Wort sprechen.

Das Buch Amérys ist durchaus keine Anleitung zum suizidären Verhalten. Vielmehr zeigt es dessen eigene Ethik auf, beweist die eigentlich zu erkennende moralische Hochwertigkeit einer Einstellung, die auf absolute Freiheit bis zuletzt besteht. Damit lehrt es, die vielen suizidären Gestalten der Weltgeschichte unter neuem Blickwinkel zu betrachten: "Wer abspringt, ist nicht notwendigerweise dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen 'gestört' oder 'verstört'. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muß wie von den Masern. Der Freitod ist ein Privileg des Humanen."

Über das Verhältnis zwischen dem jahrhundertelang tabuisierten Selbstmord und dem im Vollbesitz der intellektuellen und seelischen Kräfte geplanten und durchgeführten Freitod hat wohl niemand Wesentlicheres gesagt als hier Jean Améry. Das Buch ist einfach geschrieben. Ohne narzißtische Eigenliebe und spielerische Koketterie analysiert es nüchtern die letzte Konsequenz des Nihilismus, gegen deren innere Größe eine trauernde Lichterkette für solche, die sich bequem dem Geschick preisgegeben haben und damit nicht autonom gestorben sind, wertlos ist.
Fazit
Dieser Text ist jenseits von Psychologie und Soziologie situiert. Er beginnt dort, wo die wissenschaftliche Suizidologie endigt. An manchen Stellen wird man mißverstehend vielleicht meinen, Améry hätte hier eine Apologie des Freitods konzipiert. Solcher Fehlauffassung ist nachdrücklich vorzubeugen. Was nämlich als apologetisch erscheinen mag, ist nur die Reaktion auf eine Forschung, die dem "Selbstmord" nachgeht, ohne den seinen Freitod suchenden Menschen zu kennen. Niemals vorher als hier ist die "condition suicidaire" derartig treffend beschrieben worden, und zwar mit nur einem Ergebnis:

Der Suizidant ist einer, der seine Sache mit sich abmacht. Er steht jenseits von Urteil und Pardon. Ein Mensch, dessen Recht über sein Leben, seinen Tod nur ihm gehört und nicht angetastet werden darf.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. Juni 2009

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