Julius Bahnsen, Winfried H. Müller-Seyfahrt: Das Tragische als Weltgesetz und der Humor als ästhetische Gestalt des Metaphysischen

Das Tragische als Weltgesetz und der Humor als ästhetische Gestalt des Metaphysischen

Verlag: Van Bremen Verlagsbuchhandlung [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-9805534-1-4

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Julius Bahnsen wurde 1830 in Tondern geboren und war als Philosoph besonders von Arthur Schopenhauer beeinflußt. Das vorliegende Buch will die logischen Elemente Hegelscher Dialektik nur im Bereich des Abstrakten anerkennen, wohingegen Schopenhauers Wille als Grundprinzip der Welt akzeptiert wird. Interessant ist, daß Bahnsen sich hiermit nicht abschließend von Hegel löst und damit einen Spagat versucht, den viele sofort zu leugnen versuchen würden: Er vermittelt zwischen Hegel und Schopenhauer. Dergleichen lesen wir erst später wieder in Ernst Jüngers Pariser Tagebüchern, als dort von der treibenden Kraft des objektiven Willens die Rede ist und ebenso Wille und objektiver Geist verknüpft werden. Kann nicht auch der Wille eine objektive treibende Kraft sein?

Der Hegelschen Dialektik stellt Bahnsen nun eine "Realdialektik" gegenüber, eine pessimistische Metaphysik, nach welcher das Ding an sich, der Wille gegen sich selbst im Gegensatz steht. Der Wille ist nicht ein Wesen, sondern in eine Vielheit von Individuen ("Henaden") zerspalten, die zueinander in Gegensatz treten. Der Wille ist überall "selbstentzweit", das Seiende die "Vereinigung des Wollens mit einem widersprechenden Nichtwollen". So ist das Seiende "antilogisch", die Zwecke des Willens sind, als einander widersprechend, unrealisierbar. Im Tragischen allein erkennt der Wille seine eigene Zerrissenheit. Im Schönen versucht er sich darüber hinwegzutäuschen. Das Denken kann das Sein nicht bewältigen, weil im Sein selbst ein Widerspruch steckt, eine "Realdialektik". Die "Weltnegativität" ist unaufhebbar, das Logische führt sich selbst ad absurdum. Die Realdialektik ist das Resultat des in verschiedenen Richtungen auseinanderstrebenden, selbstentzweiten Willens.

Neben Bahnsens Beiträgen zur Charakterologie (1867) ist das vorliegende Buch Zeugnis eines der wichtigsten Anhänger und Fortbildner Arthur Schopenhauers. Bahnsen absolvierte in Kiel das Studium der Philosophie und Philologie. Sein Berufsleben führte ihn an das Gymnasium zu Anklam und später an das Progymnasium zu Lauenburg in Pommern, wo er - täglich arbeitend und dennoch unzufrieden und sich doch gern der Philosophie ganz widmen wollend - die Realdialektik des Lebens am eigenen Leibe erfuhr. Sein hier in rotem Einband vorliegendes Buch zeichnet sich durch eine barocke, oft mit schneidigem Humor gewürzte Sprache aus, die bestens dazu verwendet wird, die Permanenz des Widerspruchs als Grundwesen der Welt zu verdeutlichen. Die Ausgabe des Buches knüpft vorbildlich dort an, wo kurz nach 1933 eine aussichtsreiche Neuausgabe der Werke Bahnsens durch Anselm Ruest (1931) erfolgte, aber jäh durch Ruests Flucht abgebrochen werden mußte.

Der verschollene Philosoph und Dichter Hieronymus Lorm schrieb noch in seinem Werk "Der grundlose Optimismus" (1894): "Sehnsucht ist unter allen Umständen ein Gefühl der Schranke, aber es schließt notwendig den Begriff der Unbeschränktheit mit ein. Das Reich des grundlosen Optimismus ist nicht von dieser Welt, die durch und durch Schranke ist, aber daß er trotzdem in ihr vorhanden, dies allein macht sie zur bloßen Grenze eines bessern, wenn auch nur empfundenen Reiches." Lorm hatte Hoffnung, hatte Optimismus und Pessimismus als sich notwendig bedingend erkannt, um nicht am Leben selbst zu zerbrechen. Bahnsen in seinem hier vorliegenden Buch hätte eine solche Dimension sicherlich nötig gehabt und war ihr nicht abgeneigt, denn er schreibt: "Nur eines von beiden thun können, wo man Beides will, das ist das unerbittliche Gesetz der Wirklichkeit, das allen tragischen Monologen ihren Inhalt gibt." - Leiden und doch leben! Tragik und unerbittliche Wirklichkeit als Essenz des Lebens. Diese vereinen zu können, ist das Gesetz zum Überleben - wenn man Bahnsen folgt.
Fazit
Im Leiden eben nicht aufgeben und sich dem Bereich des Überschönen und Verlockenden auch nicht vollends preisgeben! Doch wer unter den Leidenden kennt Bahnsen?
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 25. Oktober 2008

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