Jean Baudrillard: Warum ist nicht alles schon verschwunden?

Warum ist nicht alles schon verschwunden?

Verlag: Matthes & Seitz [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-88221-720-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der moderne Mensch ist von der Maschine überfremdet worden. Er wird der Maschine funktional untergeordnet, so daß der Mensch selbst nicht mehr in seiner Menschlichkeit präsent ist. Dies war die Grundannahme der Kulturphilosophen Hans Freyer und Oswald Spengler. Technologie wird als allumgebendes Arbeitssystem entworfen, Verwaltung und Staat ordnen sich ihr unter. Die Konsequenz dieser Entwicklung ist der Mangel an individueller Differenzierung, an Initiative, Originalität und eigenem Bewußtsein. Das "sekundäre System" (Freyer), dessen Essenz die konzentrierte Macht der Technik, die IT-Revolution der Gegenwart ist, führt als Ideologie in die Erfahrungsleere, in die Fließbandarbeit, in einen beruflichen Alltag mit mechanistischer Arbeitsteilung, in welchem virtuelles Geschehen allein die Erfahrungswelt prägt und sich als allein real aufdrängt.

"Warum ist nicht alles schon verschwunden" ist nun auch die letzte Frage und der letzte Text des Philosophen Jean Baudrillards, der am 6. März 2007 verstarb. Darin entwirft er eine neue Bildtheorie mit der Möglichkeit einer kritischen Sicht auf jene Digitalisierung des Denkens im sekundären System, das vom "Verschwinden des Realen" geprägt sei. (6) Keine Frage, daß auch für den Autor die natürliche, quasi primäre Welt damit auf Distanz gehalten wird. In einer überraschenden Denkbewegung führt Baudrillard in diesem dichten philosophischen Text den Leser von den Modi des Verschwindens bei Mensch und Maschine über den Nachweis des geheimen Fortlebens scheinbar verschwundener Ideologien, Werte und Verbote hin zur Unmöglichkeit der Repräsentation von Realität im Digitalen. "...und von allem, was verschwindet, bleiben Spuren." (16) - Eine beruhigende Erkenntnis angesichts einer Entwicklung, welche das Leben vollends ins Digital-Virtuelle zu verlagern gedenkt. Aber Spuren von Ideologie, Institutionen und Werte bleiben erhalten.

In einer Welt, die in allen Bereichen sich selbst überflüssig macht, sieht Baudrillard sogar, daß das Subjekt verschwindet. (18) Die Thesen des Autors sind unkonventionell aber in grassierender Weise wahr, selbst wenn er oft im akademischen Abseits stand, was man wohl eher als Ehre denn als Defizit verstehen sollte. Endgültig ins Abseits geriet er, als Alan Sokal seine Attacke gegen den "eleganten Unsinn" aus Frankreich ausführte. Dennoch! Baudrillard ist weniger akademisch "verbrannt" als vielmehr Diagnostiker der globalen Gesellschaft, die von Medien, Kommunikation und Warentausch zusammengeschmolzen wird und in der die primäre Erfahrung verloren geht - nicht nur in der Welt der Objekte, sondern auch im Menschen selbst: "Das gleiche Schicksal der Digitalisierung erwartet auch die mentale Welt und das gesamte weite Feld des Denkens." (29) Das vorliegende Buch macht deutlich, daß zwar weiterhin vieles in der Welt passieren, aber nichts mehr wirklich geschehen wird. Blicken wir die Nachrichten an, so sind dies dieselben Themen wie vor wenigen Jahren oder vor 20 Jahren. Der Bildschirm wird zum Ort, auf dem sich künftig alles ereignet. Er vermittelt den virtuellen Sinn, der zugleich dekonstruiert werden kann. Derealisierung und Virtualisierung, Machtergreifung der Maschine und der Glaube an den Fortschritt des Digitalen - der kritische Meinungsstreit entlarvt sich als reines Theater. Das Verschwinden des Echten in diesem Theater und der Tod sind offenbar auch die favorisierten Themen des Autors. Er kommt am Ende zur erschütternden Erkenntnis: "Am Ende der Machtergreifung dieser Maschine, (...), wird deutlich, daß der Mensch nur um den Preis seines eigenen Todes existiert." (45)
Fazit
Wir haben hier ein ernstzunehmendes Buch vor uns liegen, dessen Thesen zu aktuellen Entwicklungen bedacht werden müssen, ohne zugleich die Vorteile der Digitalisierung zu leugnen, denn wenn am Ende über die Virtualisierung eine virtuell gesteuerte Beliebigkeit der Nachrichten und Informationen eintritt und alles wahr oder falsch sein kann, dann geht die Radikalität und Beliebigkeit des Virtuellen in die einzelnen realen Dinge und das Bewußtsein des Menschen über, und es gibt keine Sicherheiten und Gewissheiten mehr. Was würde das am Ende bedeuten?
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 05. April 2008

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