Peter Bürger: Sartre. Eine Philosophie des Als-Ob

Sartre. Eine Philosophie des Als-Ob

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-518-58489-7

Preis: 80,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Jean-Paul Sartre (1905-1980) gilt als derjenige, der zuerst das Lebensgefühl der Nachkriegszeit zum Ausdruck brachte. Seine Philosophie der Freiheit schien Handlungsspielräume zu eröffnen. Sein Konzept der engagierten Literatur fand breite Resonanz. Vor allem aber verkörperte Sartre die Gestalt des kritischen Intellektuellen, der sich mit kenntnisreicher und wohlüberlegter Selbstermächtigung in aktuelle Probleme der Gesellschaft einmischte.

Peter Bürger liefert im vorliegenden Büchlein eine sinnvolle Reaktualisierung Sartres und zeigt anhand zentraler Aspekte der Philosophie seine Bedeutung für die Gegenwart auf. Seine pragmatische Relektüre Sartres stellt auf wenigen Seiten Sartres Philosophie dar, erforscht, warum er seinerzeit Erfolg haben konnte, und er bietet dem Leser einen einmaligen Ausblick darauf, wie wir heute auf Sartre Bezug nehmen können. Damit wird das Buch zu einem Wegweiser in Gestalt einer Rezeption, die in die Zukunft weist und die Neues zur Analyse der Gegenwart beiträgt. Das neue Sartre-Bild steht in der Nachfolge Nietzsches und als Vorläufer postmoderner Subjektkritik. Und lacht man oft über die Fragen des Philosophen, so stellt Bürger dar, daß dies niemals ein sinnvolles objektives Lachen sein kann, sondern eines der Unkenntnis, des Unwissens darüber, weil man die Probleme des Philosophen nicht wirklich kennt. So auch bei Sartre.

Das Buch kann als Aufruf gelesen werden, Sartres Subjektphilosophie zu leben, davon selbst heute noch Zeugnis abzulegen. Es betont, daß das Ich zu sich ein Verhältnis der Äußerlichkeit hat, da es nie mit sich übereinstimmt. Und dies war Sartres Grundfrage. Das Ich ist stets mit einem wagen Gefühl des Mangels bedrückt, den es nicht abschütteln kann, zugleich aber als Energie zu sublimieren befähigt ist. (13) Dennoch glänzt dadurch eben dieses Denken - so Bürger - durch einen unerschütterlichen Optimismus bei Sartre auf, der zugleich von Sätzen durchbrochen wird wie: "Die Geschichte des Lebens, wie es auch sei, ist die Geschichte des Scheiterns." Der Mensch war für Sartre eine unnütze Leidenschaft. Hier denkt der Leser an Cioran, der nach ähnlicher Maxime einsam zurückgezogen in Paris lebte, daß alles überflüssig ist und das Nichts genügt hätte. Ja, vielleicht wäre das Nichts segensreicher für die Massen trauriger Menschen gewesen. Cioran und seinem Werk der gut begründeten Negation wäre dann Recht zu geben. Sartre aber auch. Aber er geht weiter und meint, daß man das Elend ertragen kann.

Damit sind wir bei der zentralen These Bürgers (76): "Der für Sartres Freiheitsphilosophie konstitutive Akt der Selbstwahl beruht auf einem Als-Ob." Das Als-Ob verändert für Bürger die subjektive Wahrnehmung der Situation sowie deren Bedeutung, indem es diese unter einer doppelten Perspektive in den Blick rückt. Ein Marsch mit voller Ausrüstung bleibt zwar eine Strapaze, (...), aber statt dagegen aufzubegehren (...), betrachtet Sartre sie als selbst gewählte Prüfung, in der er die Leistungsfähigkeit seines Körpers erproben kann." - Die Vorstellung einer selbst gewählten göttlichen Prüfung, die sich aber das eigene Bewußtsein auserwählt, kann also als Ausweg zum irdischen Elend gesehen werden, an dem das Ich entscheidend emporwächst und reift. Diese konstruktive Selbstwahl wird dann zum Prozeß ergiebiger aber leidender Selbstermächtigung. Das Subjekt dieser Herrschaft über das Selbst ist das Bewußtsein, das sich über den Akt der Selbstermächtigung und der Sinnzuteilung an das Elend über ebendieses erheben kann. Dieses Konzept der Selbstwahl nun - es ist Zentrum der Freiheitsphilosophie Sartres und für Bürger Anknüpfungspunkt für die Gegenwart.

Das vorliegende Buch bietet damit eine sinnvolle Aufklärung und ist der papierne Appell, Philosophie zu leben und das Sein zu ertragen. Zugleich erkennt der philosophische Laie, daß Philosophie substanziellere Lösungen bereithält, als man es von den "Weltfremden" erwartet, die sich doch recht schnell als wahre Verständige der Welt entpuppen. Und noch mehr: Das was wohl auch für die konsequente "Philosophie der Erlösung" (1876) Philipp Mainländers (1841-1876) zutrifft, die einst im selbst gewählten und erlösenden Suizid gipfelte: Der denkende Pessimist ist eigentlich immer nur ein besser unterrichteter Optimist, der seine Erlösung im Sein und im Nichtsein zugleich findet und sich einfach nur irgendwann entscheidet. Beide Entscheidungen sind jeweils - aus individueller Selbstwahl - als richtig zu betrachtet. Man nehme Abstand davon, sie bewertend zu disqualifizieren, denn mit Sartre wissen wir nun, daß die individuelle Selbstwahl für das Ich jeweils die richtige Wahl ist.
Fazit
Beide Entscheidungen sind jeweils - aus individueller Selbstwahl - als richtig zu betrachtet. Man nehme Abstand davon, sie bewertend zu disqualifizieren, denn mit Sartre wissen wir nun, daß die individuelle Selbstwahl für das Ich jeweils die richtige Wahl ist.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 01. März 2008

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