Walter Benjamin: Kairos. Schriften zur Philosophie

Kairos. Schriften zur Philosophie

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-518-29442-0

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"Kairos" ist ein sehr bedeutender Begriff der griechischen Sprache. Ursprünglich bedeutete er "rechter Augenblick", "günstiger Zeitpunkt", aber auch das rechte Maß und den rechten Ort. Aufgeladen wurde das Wort durch den protestantisch-sozialistischen Theologen Paul Tillich (1886-1965) in den zwanziger Jahren. Er grenzte es von "chronos", der unakzentuiert verlaufenden Zeit, ab. "Kairos" war für Tillich ein Synonym des revolutionären Moments. Und wahrlich, Walter Benjamins hier vorliegende Texte, kleinere Schriften und Briefe sind revolutionären und konsequenten Inhalts.

Ralf Konersmann hat seine treffliche Auswahl von geschichtstheoretischen Texten, Fragmenten und Briefen Walter Benjamins zu Recht mit dem Wort "Kairos" betitelt, um damit womöglich das Benjaminsche Wort "Jetztzeit" abzulösen. Dieses Wort nun spielte bei Benjamin eine dezidiert große Rolle. In den Kunstwerken sieht er später Wahrheitsgehalt und Sachgehalt miteinander verbunden. Er sieht in ihnen den verorteten Moment künstlerischer Entfaltung des Einzelnen im Jetzt und im Hier. Wahrheit gelange dadurch zur Erscheinung. Benjamin versteht diesen Prozeß als "Aura" von Kultwerten in der Kunst und konstatiert analog zur Tendenz der entgrenzten Vermassung und zur Standardisierung von Haltungen, Meinungen und Moden einen fortschreitenden Verfall des Auratischen, mit dem die Kunst in den Dienst einer materialistischen Entmythologisierung eintritt.

Walter Benjamin (1892-1940) studierte in Freiburg im Breisgau Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. Sein Einfluß auf die Philosophie und die Kulturwissenschaft ist unermesslich. Da sein Werk sehr vielfältig ist, haben die Auswahlbände der Reihe "suhrkamp taschenbuch wissenschaft", deren wir hier einen Band vorliegen haben, einige theoretische Haupttexte thematisch gebündelt. Kairos heißt also in diesem Zusammenhang: die richtige Stelle, die man treffen muß. So verbindet sich hier die Bedeutung der richtigen Stelle bereits mit dem richtigen Moment, dem Hier und Jetzt. Doch das Gewebe, das so entsteht, ist für die Griechen das Werk, das Wirken der beiden streitenden Brüder Zeus und Poseidon. Konersmann schreibt dazu in seinem Nachwort: "Kairos ist ein Punkt, genauer: der richtige, der eine und einzigartige, der intensive und im höchsten Maße normativ besetzt Punkt in Raum und Zeit." (331) - also ein zentraler Fixpunkt von ebenso zentralem Inhalt.

Wir haben in diesem Buch nun auch akzentuiert zentrale Inhalte versammelt, so etwa Benjamins Ausführungen über Gewalt, Sprache, Geschichtsphilosophie, Erkenntnistheorie und Erkenntniskritik. Damit bekommt der philosophisch interessierte Leser einen Querschnitt philosophisch zentraler Fragen und Begriffe aus der Feder Benjamins geliefert. In "Zur Kritik der Gewalt" heißt es z.B. in für Benjamins sensibler Natur charakteristischem Ton: "So heilig der Mensch ist, (...), so wenig sind es seine Zustände, so wenig ist es sein leibliches, durch Mitmenschen verletzliches Leben." (108) - Das verletzliche Leben als ungeheiligte Disposition des Menschen. Ebenso interessant etwa sind die Ausführungen zum Kapitalismus als Analogon zur Religion: "Im Kapitalismus ist ein Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben." (110) Aber auch die Fragmente zur Sprachphilosophie (68ff.) und viele Briefe, insbesondere ein recht ergebener an Martin Buber von 1916 (23ff.), bringen endlich interessante Stellungnahmen Benjamins ans Licht und legen in ihrer Vielfältigkeit Zeugnis für Benjamins Vorliebe zum Absoluten und seiner sprachlichen Fixierung ab. "Philosophie ist absolute Erfahrung deduziert im systematisch symbolischen Zusammenhang als Sprache." (43)

Die vorliegenden Erkenntnisse Benjamins sind Ergebnisse eines Erkenntnisakts sui generis beim Autor, wie ihn Hans Blüher in seiner "Achse der Natur" beschrieb: "Bei diesem Erkenntnisakt sui generis handelt es sich nicht etwa um eine bevorzugte Erkenntnis der Charaktereigenschaften eines anderen, sondern nur um das Einmalige, das diesen Eigenschaften zugrunde liegt. Also um das, was einer ‚an und für sich’ oder ‚Er selbst an seinem eigenen Ort" ist, d.h. um eine Erkenntnis, die es sonst nirgends gibt." (Hans Blüher, Die Achse der Natur, zuletzt 2001, S.131) Da Benjamins charakterliche und geistige Physiognomie einmalig ist, sind entsprechend auch seine aus ihr spießenden Erkenntnisse in diesem Buch einmalig und wieder im Sinne des Kairos-Prinzips an das "Jetzt", den eigenen Ort, geknüpft. Sie können so nirgends anders vorkommen.
Fazit
Es ist dies deshalb ein Buch von gedanklicher Strenge mit dem Effekt eines Schocks der Erkenntnis, der zugleich als heilsam empfunden wird.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 24. Februar 2008

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