Hans Blumenberg, Carl Schmitt: Briefwechsel 1971-1978. Und weitere Materialien

Briefwechsel 1971-1978. Und weitere Materialien

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-518-58482-8

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Alle politischen Begriffe sind für Carl Schmitt (1888-1985), politischer Philosoph und Staatsrechtler, polemischen Inhalts. Sie haben eine konkrete Gegensätzlichkeit im Auge, sind an eine konkrete Situation gebunden, deren letzte Konsequenz eine Freund-Feind-Gruppierung ist. Sie werden deshalb auch zu leeren Abstraktionen, wenn diese Unterscheidung entfällt. Worte wie Staat, Republik, Gesellschaft, Klasse, Souveränität, Diktatur, Plan und Rechtsstaat seien unverständlich, wenn man nicht weiß, wer konkret durch ein solches Wort getroffen, bekämpft oder negiert werden soll. So nennt z.B. Machiavelli tatsächlich alle Staaten Republiken, die nicht Monarchien sind. Die Demokratie war für Schmitt deshalb konsequenterweise ein polemischer Begriff der Negation von Monarchie. Die sogenannte demokratische Öffentlichkeit sei eine Fiktion des Liberalismus, weil es sie als solche nicht gebe. Sie sei manipuliert, absorbiere Meinungen und schalte gewisse Meinungen aus.

Daß diese Absorption zumindest in der akademischen Auseinandersetzung auf kleinen Inseln des Geistes, beruhend auf Respekt, Sympathie und Aufrichtigkeit, trotz inhaltlicher Kontroverse eintraf, davon zeugt der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Carl Schmitt und dem Philosophen Hans Blumenberg. Es ist dies ein Briefwechsel zwischen zwei Denkern, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Und dennoch, es war der rein wissenschaftliche Reiz, der beide zueinander führte. Er war es, der den Staatsrechtler Schmitt, welcher auch kritische Betrachtungen über das Judentum anstellte, und den Philosophen Blumenberg, der als Halbjude zu leiden hatte, zusammenführte. Es ist dies ein grandioses Beispiel, wie zwei Menschen bis heute kultivierte Ressentiments übereinander ablegten, um sich einer kontroversen geistigen Debatte hinzugeben, die die gegenseitige Achtung als Mensch unabhängig von verfassten kritischen Schriften übereinander automatisch einschloss und den naiven Trugschluß, von einer kritischen Haltung gegenüber dem Judentum zu Menschenverachtung im speziellen Falle zu gelangen (dieser primitive Trugschluß über den "Kronjuristen" soll ja schonmal vorgekommen sein!), ausschloss.

Und so schrieb Blumenberg stolz 1977 an seinen Kollegen Jakob Taubes: "Ich möchte Ihnen daher auch das nackte Faktum mitteilen, daß ich 1971 den Kontakt zu Carl Schmitt gesucht und gefunden habe." Es war dies der Beginn einer fruchtbaren Kontroverse, die mit Blumenbergs Buch "Die Legitimität der Neuzeit" (1966) begonnen hatte. Schmitt hatte Blumenbergs Einwände gegen seine Theorie zwar ernst genommen, sie aber zugleich dezidiert zurückgewiesen. Ihre Fortsetzung fand die Auseinandersetzung in zahlreichen bisher nicht publizierten Briefen, die Blumenberg und Schmitt über die Grundlagen neuzeitlicher Weltsicht und Anthropologie aber auch über Geschichtsphilosophie, Eschatologie und Selbstmord wechselten. Die zudem im vorliegenden Buch befindlichen Textausschnitte aus den jeweiligen Büchern Schmitts ("Politische Theologie II", 1970) und Blumenbergs ("Die Legitimität der Neuzeit", 1966) verdeutlichen entsprechend sehr gut, auf welche Stellen jeweils in den Briefen Bezug genommen wurde.

Blumberg sieht die Säkularisierung nicht als einfachen Prozeß der Auflösung traditioneller Religion, sondern als eine Verwandlung der Wertordnung in verschiedene institutionelle ‚Ideologien’, die immer nur noch die Faktizität der institutionseignen Wirkungszusammenhänge unterbauen. (20) Er betont also die Pluralität der sich immer selbst reproduzierenden Ideologien und dazu gehörte für Blumenberg der absolute Anspruch der Theologie, politisch fassbare Realität zu sein. Hier also ergibt sich der spannende Anknüpfungspunkt zu Schmitt, der im Gegenzug in seiner Politischen Theologie II (1970) über Blumbergs Buch schreibt: "Dieses Buch setzt die Nicht-Absolutheit absolut und unternimmt eine wissenschaftliche Negierung jeder Politischen Theologie (...)." (35)

Der entsprechend erste Brief Blumbergs an Schmitt vom 24.03.1971 zeugt dann auch von charakterlicher Größe und ehrlicher Selbstkritik, wie man sie sich heute wünscht: "Sie haben sich mit Recht gegen die "pauschale Vermischung" Ihrer Thesen mit allen möglichen Verwendungen des Ausdrucks Säkularisierung gewehrt." (105) Diese die eigenen Fehler gestehende Größe Blumbergs gipfelt immer wieder in tiefsten Respekt vor Schmitt, der immerhin zum Zeitpunkt des Briefwechsels seit 25 Jahren unfreiwillig persona non grata war, latent aber immer wieder für viele als zentraler Ratgeber fungierte. Geistige Qualität war eben gefragt! Man stelle sich vor, Jürgen Habermas schriebe einen selbstkritischen Brief an Ernst Nolte und entschuldigte sich für sein "herrschaftsfreies" Vorgehen beim von ihm 1986 vom Zaun gebrochenen ersten Historikerkrieg gegen Nolte! Wo heute gesinnungsbeflissene und infantile Niedertracht herrscht, haben wir hier hingegen ein Exempel wirklich geistig hochwertiger Auseinandersetzung vorliegen - rotz der enormen Differenz der Positionen Blumenbergs und Schmitts.

Schmitts Antworten sind geprägt von tiefem Interesse und dem Bedürfnis, Blumenberg über nichts, was in der Fachwelt über beide gesagt wird, im Unklaren zu lassen. Dies ist etwa ausdrücklich im Brief vom 28.12.1977 an Blumenberg Schmitts Anliegen. In sehr gediegener Sprache geht es ihm um Offenheit und beiderseitiges Wohlwollen. Schmitt nimmt sogar, um dies zu verdeutlichen, in einem Brief Bezug auf Otto Weininger, der stenographische Notizen für eine Entwürdigung des Wortes gehalten habe. Dies spricht dafür, wie sehr Schmitt an einem ehrlichen und persönlichen Briefwechsel lag, der sich nicht mechanisch in Dank für die jeweils zugesandten Widmungsexemplare ihrer Bücher erschöpft, sondern der auch inhaltliche Tiefe bei gegenseitiger Lektüre repräsentiert.

Blumenberg gibt nach erfolgter Korrespondenz in späteren Ausgaben seiner eigenen Bücher Schmitt an renommierter Stelle Recht: "Carl Schmitt hat sich darüber beklagt, ich hätte dadurch Anlaß zu Mißverständnissen gegeben, daß ich eine pauschale Vermischung seiner Thesen zur Säkularisierung mit anderen, mit allen möglichen konfusen Parallelisierungen religiöser (...) und politischer Vorstellungen, vorgenommen hätte. Dieser Vorwurf ist berechtigt." (63) So ergibt sich ein Briefwechsel, der geradezu in eine sehr produktive Zusammenarbeit mündet und Einfluß auf die Optimierung der jeweiligen Publikationen hatte. Blumbergs Kritik an Schmitt zielt stets auf eine mißbräuchliche Verwendung von Metaphern. Deshalb beschreibt Blumenberg in seinen Werken intensiv die Umdeutung des Verhältnisses von begrifflicher und metaphorischer Sprache. Dabei hat er selber oft die Nähe metaphorologischer Verfahren zum Dezisionismus betont. Und genau damit begibt er sich - wissentlich - wieder auf das Gebiet Politischer Theologie, die ihn mit Schmitt verbindet.

Dieser bei Suhrkamp vortrefflich edierte Briefwechsel zwischen beiden dokumentiert eine Auseinandersetzung auf gleicher Ebene trotz inhaltlicher Vorbehalte. Zentraler Anknüpfungspunkt beider ist immer wieder die Politische Theologie. Fünfzehn Briefe liegen jetzt vor. Sie werden durch kontextgebundene Materialien und Originaltextauszüge, auf die sich Briefstellen beider beziehen, sinnvoll ergänzt. Ein interessanter Bildteil mit Abbildungen der Briefe und mit Schmitts Handexemplaren von Blumbergs Büchern beweist rein optisch anhand der vielen handschriftlichen Bemerkungen am Rande, daß sich Schmitt intensiv mit Blumberg befaßte. Diese hier erstmals veröffentlichten Dokumente runden die spannende Aufarbeitung des Blumenbergschen Nachlasses, zu dem auch die bisher schon rezensierten Essays über Ernst Jünger gehören, ab.

Trotz heftiger Kontroverse zeugt dieser Briefwechsel von gegenseitiger Hochachtung im Dienste der freien Wissenschaft. Die prekäre Rolle des Wissenschaftlers unter parteienstaatlichen Verhältnissen wird damit erstaunlich offensichtlich, weil Wissenschaftler unter parteilichem Rechtfertigungsdruck nicht frei forschen können, womöglich dies angesichts finanzieller Perspektiven seitens staatlich erwünschter Forschungsbereiche gar nicht möchten. Die eigentliche Wissenschaft - und dafür haben wir hier ein Beispiel vorliegen - bildet den Menschen zu einer offenen Anschauung, so daß der heutige ideologisch gebundene Brotgelehrte dahingehend wesentlich anschauungslos ist. Nur durch diese offene Anschauung wie z.B. bei Schmitt und Blumenberg ist der Wissenschaftler mehr als eine klug eingerichtete Maschine. Andernfalls - als Maschine des akademischen Betriebs - hat man auf ewig Angst vor gewissen "Haltungen", sucht sich ideologische Feinde und agiert damit schon selbst wieder potentiell polemisch, womit Schmitts Definition des Politischen sich bestätigen würde.
Fazit
Gesinnungsbeflissene Brotgelehrte der Gegenwart sollten sich also ein Beispiel daran nehmen, wie "unliebsame" Positionen und Vertreter der politischen Rechten, namentlich Schmitt, oder Konservative damals noch konstruktiver Kernbestand der freien Auseinandersetzung sein konnten, während man sie heute in Gänze negiert. Dieser Mangel an Offenheit und Gänze ist ein großer Fehler - wie sich in den nächsten Jahren zeigen wird.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 20. Dezember 2007

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