Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte

Kosmos und Geschichte

Verlag: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-458-72004-1

Preis: 9,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Der geistige oder entsprechend danach lebende Archaiker der Moderne wird sich der Ewigkeit des Seins inne. Der Tod ist für ihn nicht das Letzte. Es gibt keine Enge, keine Angst, kein Schicksal. Die vorantreibende Aktion, die Anerkenntnis eines Sinnes in der Mannigfaltigkeit des Geschehens und der Lebensbetrieb allein sorgen gerade für die Abwesenheit des Schrecklichen. Und so wirken Eros, Geschlecht, Essen, Trinken, Schlaf, Traum, Familie, Freundschaft, Haus, Garten, Krankheit und Tod als nicht auszumerzende Reste von Archaik bis in die Gegenwart hinein.

Der Soziologe Hans Freyer, Gerhard Nebel oder Oswald Spengler - sie alle erkannten aber in ihren Schriften die Vernichtung der archaischen Lebenshaltung durch Metropolitismus und Zivilisation, durch entstandene Verhaltensweisen, innerhalb derer die nervöse, lebensfristende Masse mittels archaischer Ersatzmittel wie Film und Sportwettkampf auf der Suche nach Entspannung ist, weil die eigentlich verankerten Traditionen, die moralischen Kriterien und das religiöse Erlebnis des Archaischen, der Ritus und die damit entstehende Sinngebung im Leben, verloren gingen.

In diesem Sinne möchte die Udo-Keller-Stiftung "Forum Humanum" durch ihre Arbeit kein Bekenntnis zu einer bestimmten Weltreligion ablegen, sondern auf der Grundlage interdisziplinärer und interreligiöser Projekte zur Erkennbarkeit des Mysteriums menschlichen Seins beitragen und fördert den im Verlag der Weltreligionen gedruckten vorliegenden Band Mircea Eliades. Dieser bietet treffliche Erklärungen für soeben beschriebene Phänomene dar. Eliade stellt in seinem Buch Grundfragen menschlicher Existenz: Wie erträgt der Mensch das Leid und die Katastrophen, denen er ausgeliefert ist? Wie deutet er das historische Geschehen und gibt damit seinem Leben einen Sinn?

Bei dem Versuch des Menschen, seine Stellung im Universum zu deuten, lassen sich, so Eliade, zwei entgegengesetzte Grundhaltungen unterscheiden: Der historische (moderne) Mensch sieht sich als Schöpfer der Geschichte, der Mensch der archaischen Kulturen dagegen wehrt Geschichte ab, indem er alles Historische in ein System von Mythen und Archetypen einordnet. Archetypen gelten bei Eliade als Synonym für "beispielhaftes Vorbild" - meistens auf Ebene der Götter, an denen der archaische Mensch in den Niederungen seines Daseins das eigene Handeln orientierte. Wohlgemerkt meint Eliade damit keine terminologische Äquivalenz zum "Archetypus" der Theorie des Psychologen C.G. Jungs. Eliade beschreibt hier überlieferungsgebundene Gesellschaften und ihre Auflehnung gegen die konkrete historische Zeit, um sie damit zugleich von der Mehrzahl gegenwärtiger moderner Lebenshaltungen abzusetzen.

Immer wieder tritt beim archaischen Typus Mensch die Sehnsucht nach periodischer Rückkehr zu den mystischen Zeiten der Uranfänge hervor. Eliade gibt dafür eine Fülle von Beispielen aus den verschiedensten Kulturen der Welt und vermittelt überraschende Einsichten in die Ursprünge unseres eigenen Denkens und Verhaltens. Es gelingt ihm damit vortrefflich, die vorherrschenden Kraftlinien im Spekulationsbereich der archaischen Gesellschaften freizulegen. Als Leser kommt man zu der Erkenntnis, daß die erkenntnistheoretischen Erfahrungen der so genannten "primitiven" Menschen unheimlich unterschätzt werden. Damit liefert das vorliegende Buch ein Beispiel dafür ab, wie die archaische Ontologie ein spannender Fall selbst für Ethnologen und Orientalisten jeglicher Couleur werden kann und wie gleichsam die Rolle der vorsokratischen Metaphysik in der Postmoderne neue Bedeutung erlangt.

Es lassen sich bekanntlich wirklich immer wieder Reaktionen auf den historischen Linearismus feststellen, welche im Sinne archaischer Urauffassungen eine Rehabilitierung der Begriffe "Zyklus", "Archetypus" oder "Fluktuation" betreiben. Es ließe sich hier ein Bogen über Nietzsche ("ewige Wiederkehr"), Spengler ("Untergang") oder Toynbee ("challenge and response") spannen. Und betont Eliade, daß in der Archaik jede rituelle Handlung ein göttliches Vorbild habe und dem einzigen Ziel der Aufhebung der profanen Zeit als sinnentleerter Zeit zwecks Versetzung des Seins in eine mythische Zeit diene, so wird schnell klar, daß auch heute dergleichen Phänomene über Horoskope, über ein mediales zweites Leben oder über den Drang nach Rivalität in Kampf und Spiel zeitnah sind. Sie betonen unverändert den rituellen Charakter selbst dieser modernen Lebensweisen.

Der archaische Mensch kennt für Eliade keine Handlung, die nicht von einem anderen gesetzt oder vorgelebt worden wäre, von einem anderen, der kein Mensch gewesen ist. Was der archaische Mensch tut, ist für ihn schon von Höherem getan worden. Damit leitet Eliade methodisch sofort das Prinzip der ursprünglichen Ontologie her. Es ist das Prinzip der Wiederholung von Handlungen, die von etwas Höherem abgeleitet werden.

Diese zentralen Aspekte einer archaischen Ontologie von Sein und Wirklichkeit bezeugt die Sehnsucht der "Primitiven" nach dem höheren Sein als heiliger Zone par excellence. So beispielsweise in der iranischen Kosmologie zervanitischer Überlieferung, in welcher jedes irdische Phänomen einem himmlischen, transzendenten Wort, einer Idee im platonischen Sinn entspricht. Ebenso besitzt Platons Idealstaat, die "Politeia", ein himmlisches Urbild. Die Griechen suchten im Mythos der ewigen Wiederkehr ihren metaphysischen Durst nach dem Ontischen zu stillen - denn vom Standpunkt der Unendlichkeit aus wird das Werden der Dinge folgerichtig aufgehoben.

Mehrmals geht Eliade angesichts dieser spannend zu lesenden Aspekte auf den Philosophen Hegel ein. Hegel behauptete auch, die Natur der Dinge wiederhole sich beständig. Es gebe nichts Neues unter der Sonne. Und so ist es nur folgerichtig, wenn Eliade Ähnliches beim Menschen der archaischen Gesellschaften bestätigt. Denn für ihn - den originären Archaiker oder den in den Nischen der Gegenwart lebenden Archaiker - wiederholen sich die Dinge auch unendlich, und es gibt nichts Neues. Aber gerade diese Wiederholung hat ja einen Sinn. Sie allein verleiht den Geschehnissen Wirklichkeit, Heiligkeit.

Man könnte im Sinne Eliades auch folgende Rechnung archaischer Ontologie eröffnen: Die Profanität als potentielles Nichts und als Unwirklichkeit speist den Glauben an die absolute Realität des Höheren. Selbst das Leiden hat darin seinen Sinn, denn dem Schmerz wird ein Wert verliehen. Er wird aus einem negativen Zustand in eine Erfahrung positiven geistigen Gehalts umgewertet und machte den Menschen des Widerstands und der subjektiven Sinngebung fähig. Leid war Ereignis. Krieg war Ereignis, Reinigung und Beginn von etwas Besserem. Schmerz, Verlust, Niederlage und Elend hingegen finden ihre Rechtfertigung im Transzendenten, in einer notwendigen göttlichen Ökonomie, die es bis zum nächsten Sieg zu ertragen gilt, wie z.B. nach Eliade für die Juden jedes neue geschichtliche Unglück eine Strafe war, die Jahwe über sie wegen der sündigen Ausschweifungen verhängte, denen sich das auserwählte Volk hingab.

Das vorliegende Buch Eliades bietet ernüchternde Erkenntnisse, die trotzdem fortdauernd beeindrucken und zu der Bilanz führen, daß keins der modernen philosophischen Systeme je derartig in der Lage war, den Mensche vor den empfundenen Schrecken der Geschichte zu bewahren, wie es den vorphilosophischen, vorsokratischen, archaischen und inneren Überzeugungshaltung des "primitiven" Menschen gelang.
Fazit
Eliade empfahl allen anfangenden Lesern seiner Bücher dieses hier vorliegende. Diesen Status hat es auch für heutige Neueinsteiger in die Lektüre seiner Schriften nicht verloren.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 02. Dezember 2007

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