Hans Blumenberg: Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger

Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-518-58483-5

Preis: 19,80 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Neben Helmuth Kiesels werksgeschichtlich orientierter Ernst Jünger-Biographie (Siedler Verlag 2007) und Heimo Schwilks Jünger-Buch (Piper Verlag 2007) ist auch im Suhrkamp-Verlag ein Buch über Jünger erschienen, welches sich tadellos in die Jünger-Renaissance der Gegenwart einfügt. In der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts gibt es kaum eine spannendere Konstellation als die zwischen dem Philosophen Hans Blumenberg und Ernst Jünger. Jünger, in Blumbergs Sprache der "Mann vom Mond", gehört zu jenen wenigen Schriftstellern, die sich zwischen Kaiserreich und Postmoderne bewegten und damit Repräsentanten eines Jahrhunderts sind.

Konstruktiv und kritisch setzt sich Blumenberg nun in den hier versammelten Aufsätzen mit Jünger auseinander. Konstruktiv meint hier, daß sich Blumbergs philosophische wie auch philologische Interpretationen um die beiden Brennpunkte einer Ellipse bewegen: eigener Sachzugang Blumbergs als Leser einerseits und Textverständnis als solches andererseits. In beiden Fällen gibt es ein Hin und Her zwischen dem Text als solchem und dem eigenen subjektiven Sachzugang. Das Ergebnis: eine Ellipse mit den beiden Brennpunkten Sache und Text. Bei Blumberg befindet sich die Ellipse in vorzüglicher Balance - Verständnis des jüngerschen Textes und eigener Sachzugang zu ihm sind ausgewogen und man merkt, daß Blumberg Jüngers Schriften ernst nimmt, diese aber philosophisch im eigenen Sinne interpretiert und versteht. Es entsteht die Ausgewogenheit eines fruchtbaren Lesens.

Herausgegeben wurde das Buch von Alexander Schmitz und Marcel Lepper. Es ist ein brillanter Ausdruck dafür, daß Blumenberg sich nicht nur intensiv mit Literatur auseinandergesetzt hat, sondern seit der Nachkriegszeit auch dem Werk Ernst Jüngers zahlreiche brillante Texte gewidmet hat, die heute dem besseren Verständnis Jüngers zu dienen befähigt sind. Durchaus mit Bewunderung für Jüngers stilistische Präzision, jedoch mit ebenso nicht entschuldigender Kritik an den politischen Einstellungen Jüngers nehmen sie die "Jahrhundertgestalt" in den Blick. Dabei zeigt sich zunehmend, daß sich die ausgewogene Ellipse aus Text und subjektivem Sachzugang zugunsten einer ebenso ausgewogenen Ellipse entwickelt, welche sich zu einer solchen bestehend aus tieferer Affinität zu Jünger und inhaltlicher Kritik an ihm ausweitet.

Dieser Band nun versammelt die weitgehend unveröffentlichten Jünger-Artikel und Glossen aus dem Nachlass des Philosophen - versehen mit einem editorischen Kurzkommentar. Wichtige denkerische Elemente, die Blumberg bei Jünger feststellt, kommen zum Ausdruck. Blumberg faßt sie zur Charakteristik Jüngers oft in kurze Formeln: "Leere als Ergebnis der Fülle", "Abenteurer, Krieger, Protagonisten der totalen Organisation und neuer Theologe". Philosophisch versiert erkennt Blumberg eine entscheidende Diskrepanz, welche zur Lebensfrage Jüngers geworden sei: Entweder sei für Jünger das Leben überhaupt sinnlos gewesen, dann wäre er Nihilist, oder aber er hat den Sinn über die Realität hinaus verortet. Dann wäre Jünger der Transzendenz verhaftet gewesen. Zugleich macht Blumberg daran die methodische Synthese in Jüngers Schriften deutlich - den Atheisten und später bekehrten Katholiken.

Interessant ist, daß Blumberg in Jünger einen typischen Platoniker sieht: Er erinnere uns daran, daß die neuzeitliche Erfahrungswissenschaft - der Empirismus seit Hume - nicht aus dem realitätsfreudigen Aristotelismus, sondern aus dem erscheinungsflüchtigen Platonismus hervorgegangen ist. Der Leser hat es also mit sehr erleuchtenden und kurz leserlichen Kommentaren philosophischer Art zu zentralen Büchern Jüngers und zu zentralen Begriffen ("Marmorklippe", "Komet", "Gnosis") zu tun. Darunter frischen Anekdoten aus Jüngers Lebensalltag die Lektüre auf, so beispielsweise eine nur von Jünger bewahrte Nietzsche-Anekdote bzgl. eines Heiratsantrages Nietzsches an Lou Salomé oder aber auch eine Anekdote zu Jünger selbst hinsichtlich der Reaktion Gottfried Benns, als Jünger ihm zuerst sein "Heliopolis"-Buch 1949 mit Widmung zusandte.

Erleuchtend sind Blumbergs Kommentare zu einer BILD-Schlagzeile des Jahres 1993, die lautete: "Ein großer Deutscher liegt im Sterben...". Jünger sei bei seinen subtilen Jagden von einer Zecke gebissen worden, wonach eine tödliche Lähmung eintrat. Die Unterschichten-Gazetten warteten hier keine abschließende Bestätigung aus Wilflingen über Jüngers Gesundheitszustand ab und stilisierten einen Todeskampf. Jünger selbst aber war nicht schwer krank und dachte hämisch, daß wir in einer Zeit lebten, in der wirklich große Abgänge wohl nicht mehr denkbar seien. Und so habe er lakonisch gesagt: "Von denen" - gemeint sind die Zecken, nicht die Unterschichten-Gazetten - "muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen."

Blumbergs Fazit nun, es besagt, daß Jünger das Leben als Experiment bejahte, selbst wenn er es für ablehnenswürdig hielt: "Jüngers experimentierender Stil schließt aus, daß sich aus seinen Erfahrungen ein Ismus, eine Doktrin ergibt; aber auch, daß der Mitmensch zum Objekt wird. Daß Jünger stramm nihilistisch ist, stellt für ihn eine jener äußersten Möglichkeiten dar, die das Experiment nicht auslassen darf."
Fazit
Leben als Experiment mit dem Potential, das Äußerste zu erleben - das sind die Elemente, die Blumberg an Jünger schätzte, ebenso wie die Schärfe der jüngerschen Selbsterfahrung, die gerade seinen Aussagen trotz ihrer Schärfe eine unangefochtene Legitimation verleiht.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 25. November 2007

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