Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Kommentar von  Christoph Horn, Corinna Mieth und Nico Scarano

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Kommentar von Christoph Horn, Corinna Mieth und Nico Scarano

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-518-27002-8

Preis: 12,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Ein enger Bekannter und Freund Immanuel Kants (1724-1804), Bernhard Jachmann, schrieb in einer erst 1912 publizierten Schriftsammlung über seinen gelehrten Freund: "Mehr aber als der tote Buchstabe, war der lebende Mensch Gegenstand seines sorgfältigen Studiums. Er schätzte den Wert der Menschen nicht nach dem bürgerlichen Marktpreise ab, sondern nach der sittlichen Würde, zu der ein jeder berufen ist."

In der Tat, Kants Theorie ist die der Aufklärung und des Rationalismus mit dem Ziel, den Menschen zur würdevollen Selbstbefreiung aus nicht durchschauten und nicht bewußt übernommenen, sondern auferlegten religiösen, sozialen und politischen Bindungen zu führen. Er wurde mit seiner kritizistischen Transzendentalphilosophie zum eigentlichen Angelpunkt des neuzeitlichen Denkens in Deutschland.
Hingegen basieren amerikanische Studien zur deutschen Philosophie, wie die von John Dewey (Dewey, John 2000: Deutsche Philosophie und Deutsche Politik, hrsg. von Axel Honneth, Berlin/Wien), die 1942 eine moralische Überlegenheit amerikanischer politischer Geisteshaltung gegenüber einem vermeintlich aggressiven "Sonderweg" Deutschlands erweisen sollte, auf einem massiven Ressentiment. Seine These, daß für die Krise der NS-Barbarei der kantische transzendentale Vernunftidealismus mit seiner Verabsolutierung von Pflicht im Sinne einer sie ausübenden Gemeinschaft verantwortlich gewesen sei, ist methodisch gewaltsam und leicht zu widerlegen. Die gegen den um seine metaphysische Dimension verengten Empirismus ausgerichtete apriorische Tradition deutscher Philosophie ergibt längst keine Stütze für den Bogen, den Dewey zum Zweiten Weltkrieg schlägt. Umso begrüßenswerter ist es, daß in der Studienbibliothek des Suhrkamp-Verlages die vorliegende zentrale Schrift Kants erschienen ist, welche gerade die Fragen nach dem Wert des Menschen, den Sitten, der Pflicht, dem freien Willen und damit in letzter Konsequenz die Frage nach dem Wesen eines philosophischen "Sonderwegs" nunmehr gut leserlich und kommentiert aufbereitet.

Es geht um die Frage, ob und wie Vernunft und Erfahrung zusammenzubringen sind und welche Folgen sich daraus für die Geltung und Reichweite des Prinzips der Subjektivität ergeben. Der Verstand erkennt die Dinge, weil er auf die sinnliche Wahrnehmung angewiesen ist, nur als Erscheinungen, nämlich unter den Anschauungsformen von Raum und Zeit. Das denkende Subjekt ermöglicht durch die Weise seiner Erfahrungskenntnis den Zugriff auf die Objektivität der Gegenstände. Kants Idee ist die entscheidende Idee der Freiheit. Sie wird aber nur in praktischer Hinsicht erfahrbar. Für die theoretische Vernunft ist die Idee der Freiheit wie die anderen eine bloß regulative Idee.

Freiheit bedeutet für Kant ein Durchbrechen des Gesetzes der Kausalität, unter dem die theoretische Vernunft das Ganze der Natur ideell vorstellt. Darum betont er in seiner "Metaphysik der Sitten", daß der freie Wille sich aus eigenem Antrieb, d.h. aus Selbstursächlichkeit, als das Gesetz seines Handelns selbst, ergibt. Er unterwirft sich keinem von außen auferlegten Gebot. Kant schreibt weiter: "Die Metaphysik der Sitten soll die Idee und die Prinzipien eines möglichen reinen Willens untersuchen, und nicht die Handlungen und Bedingungen des menschlichen Wollens überhaupt." Kausalität aus Freiheit - Willensfreiheit und Selbstgesetzgebung - das sind Kants Freiheitsvorstellungen, die sich dem Leser hier eröffnen. Ein wichtiger Hinweis muß aber gegeben werden: Der gute Wille bei Kant verdient nicht diesen Namen durch das, was er vielleicht als Folge und materiellen Nutzen bewirkt, er ist an sich gut, a priori - vor jeder nachfolgenden Erfahrung. Die nachträgliche Erfahrung, beispielsweise eines Nutzens - a posteriori - gehört in die Sparte der utilitaristischen Philosophie. Also keine konsequentialistische Ethik möglichst nutzbringender Resultate bei Kant, sondern apriorische Maximen mit Geltungsstatus. Es erleichtert die Lektüre ungemein, daß das Glossar dazu zentrale kantische Begriffe erklärt, darunter "a priori", "a posteriori", "Metaphysik", "Pflicht" oder "Maxime".

Die Selbstgesetzgebung des Willens ist also nicht von der Natur bedingt, sondern un-bedingt und damit allgemein und kategorisch. Sie muß prinzipiell zu allen Zeiten und allen Umständen ohne Ausnahme gelten. Das führt Kant zum berühmten Kategorischen Imperativ des Sittengesetzes als dem unbedingten Ausdruck des Selbstgesetzgebung des freien Willens. Diese zentrale und immer wieder zitierte Stelle befindet sich im vorliegenden Buch. Sie lautet: "Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime durch die zu zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde." Das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft als dessen Bestandteil verlangt von jedem Individuum, so zu handeln, daß die Maxime seines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. In Achtung für dieses Gesetz handeln, das erst heißt dann aus Pflicht handeln. Freiheit und Verbindlichkeit sind somit identisch gesetzt. "Pflicht" und "Maxime" stellen sich also - entgegen den Anfeindungen Deweys - als völlig konstruktiv gemeinte Paradigmen dar. "Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz."

Die Spannung zwischen Natur und Freiheit, Naturgesetz und Sittengesetz ist im menschlichen Leben unaufhebbar; sie muß in immer wieder neuem Austrag durchgehalten werden. Diese skeptische Sicht ist bei Kant mit der fortschrittlichen Hoffnung verbunden, die Entwicklung des Menschengeschlechts möge dahin gehen, der faktischen Wirksamkeit des Sittengesetzes und damit der Freiheit immer mehr Raum zu verschaffen. Es gibt für Kant keinen Gott und keine wohlgefügte Ordnung; es ist allein von den Menschen selbst und ihrer Vernunft auszugehen - die kopernikanische Wende in der Philosophie. Der Verstand mußte bisher dem Außenstehenden angepaßt werden. Kants neue Auffassung ist, daß die Objektwelt sich nach dem Verstand des Subjektes als Mensch richten muß.

So ergeben sich bei Kant zwei Arten der Vernunft: Die "Theoretische Vernunft" (Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Was soll ich tun?) und daraus hervorgehend und repräsentativ in der hier besprochenen Schrift abgehandelt die "Praktische Vernunft" (Pflicht) mit den Kernaussagen, daß die Moral Produkt praktischer Vernunft ist und daß der Mensch frei wählen könne. Das transzendentale Selbst (entgegen dem auf Nutzen bedachten empirischen Selbst der angelsächsischen Wissenschaft) treibt also von innen heraus zu einem autonomen Handeln. Wenn ich mich von der Vernunft leiten lasse, dann ist das Freiheit, die als Autonomie des Willens besteht. Wenn der Wille von außen gesteuert (empirisch)ist, ist er heteronom, d.h. nicht frei. Alles Heteronome ist der Sittlichkeit des Willens entgegengesetzt. Womöglich ist damit der so oft bezeichnete und philosophisch zu verortende "Sonderweg" der deutschen Philosophie im Gegensatz zu anderem Denken optimal erklärt. Am Ende stellt sich dieses deutsche Denken doch eigentlich nur als ein Teil von vielen Sonderwegen in der europäischen Philosophiegeschichte dar.

Etwa 250 Seiten ausführlicher inhaltlicher und historischer Einführungen, Kommentare und Textbeschreibungen (darunter empfehlenswert: "Was ist eine Ethik?") runden diese zentrale Schrift Kants ab. Sie führen tiefgründig darauf hinaus, daß Kants Ethik deontologisch, d.h. eine Pflichtenlehre (Deontologie) und sie universalistisch angedacht ist, also überall gelten soll. Der Leser - insbesondere bei der vorliegenden Veröffentlichung - fühlt sich bei Kant der Menschheit gegenüber verpflichtet. Die Würde des Menschen fällt uns also nicht zu, sondern ist eine abgeleitete Größe des Denkens, zu der jeder selbst qua Wille deontologisch beizutragen hat und auch soll. Die Deontologie der Pflicht ist dabei keineswegs gleichzusetzen mit dem oft gescholtenen preußischen "Kadavergehorsam" in Anlehnung an Heinrich Manns Roman "Der Untertan". Vielmehr ist sie Ausdruck reflektierten Denkens, welches zutiefst selbstkritisch ist, denn Kant - als preußischer Philosoph - stellt sich die Frage des Zweiflers präventiv selbst: "Wie ist ein kategorischer Imperativ möglich?" "Sollen" bei Kant wird also zugleich als Qualifikation eines "Wollens" reflektiert. Dies ist der Authentizität halber notwendig, welche aber für zahlreiche Kritiker Kants nicht ausreichend gegeben war. Eine Rezeptionsgeschichte der Wirkung des vorliegenden Buches geht schließlich auf Kontrahenten Kants ein, bspw. auf Arthur Schopenhauer, der einwandte, Kant gehe auf eine Lehre der Theologie zurück, weil er in diesem Sinne die Belohnung der Guten und Bestrafung der Bösen postuliere. Das vorliegende Buch sich als erste Orientierung für Theorieeinsteiger und schafft eine extrem fundierte und empfehlenswerte Grundlage.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 24. Oktober 2007

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