Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft

Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-596-14358-0

Preis: 14,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Der Versuch, die europäischen Staaten in ihrem eventuellen Status der Vasallität gegenüber den USA in Relation zu den klassischen Imperialismusdefinitionen zu setzen, ist bisher nicht unternommen worden. Brezezinski füllt diese Lücke aus geopolitischer Perspektive mit seinem Buch, welches bereits 1997 mit einem Vorwort von Hans-Dietrich Genscher erschien und bei Fischer neu aufgelegt wurde. Was der ehemalige Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Carter hier verfaßt hat, liest sich spannend. In sieben Kapiteln handelt der Autor die geopolitische Strategie der Amerikaner in der Welt ab.


Alle Weltreiche hätten den Hang zur Selbstauflösung, weil aufsteigende Gegeneliten immer mehr Autonomie fordern. Die potentielle Nicht-Handlungsfähigkeit der Staatseliten wird zur Gefahr. Dazu kommt die Hedonismus-Spaßgesellschaft und der Mangel an Ideen ("Eskapistischer Hedonismus"). Bis 2010 muß sich nach Brezezinski die einzige Weltmacht USA deshalb bewähren. Die Welt der kulturellen und politischen Dekadenz könne aber die wirtschaftliche Entwicklung nicht immer steuern. Daher rühre die heute zu beobachtende Entwicklung, daß alle globalen Herausforderungen offensiv angegangen werden. In Eurasien muß die Großmachtstellung behauptet werden; hier agieren die Konkurrenzmächte; hier prallen Kulturen aufeinander. Hier agieren auch die bedeutendsten Bündnispartner und Vasallen als Brückenköpfe. Klare Analysen also, die der Leser hier findet und die ihn zur weiteren Reflexion anreizen.


Die heutige US-Geostrategie erinnert bspw. an frühere Weltreiche, welche ihre Macht auf Hierarchie von Vasallenstaaten, tributpflichtigen Provinzen und Protektoraten stützten. Nationalstaaten als Bausteine der Weltordnung werden heute durch internationale Organisationen überlagert, welche von der amerikanischen Großmacht festgelegt werden. Diese hat ein Doppelinteresse: die eigene Machtposition bewahren, die anderen Staaten zu einer institutionellen Zusammenarbeit gewinnen. Vier Imperative imperialer amerikanischer Geostrategie weiß der Autor auszumachen: Absprachen zwischen den Vasallen verhindern, ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit bewahren, tributpflichtige Staaten fügsam halten, Zusammenschluß der Barbarenvölker verhindern. Erfrischend bei der Lektüre ist, daß der Begriff "Geopolitik" erstmals wieder seinen wissenschaftlich ihm gebührenden Rang erhält, war er doch in Deutschland lange verpönt. Klar wird, daß er aber zum Verständnis realpolitischer Entwicklungen als Werkzeug nicht mehr aus der Hand gelegt werden darf.


Das eurasische "Schachbrett" ist die Hauptbaustelle der wirtschaftlich-geopolitischen Verflechtungen der Gegenwart. Es geht nun um die Aufrechterhaltung der einzigen Weltmacht, und Eurasien wird nach Brzezinski der zentrale Kontinent sein, auf dem mit zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung die USA für ein Ausbalancieren der Verhältnisse sorgen müßten - eine merklich völlig sich bewahrheitet habende Analyse, betrachtet man die Weltpolitik. Der amerikanische Imperialismus baue wesentlich auf das, was er in Europa bereits geschaffen hat, nämlich tributpflichtige Vasallen. Westeuropa als "demokratischer Brückenkopf" (89) auf dem eurasischen Schachbrett ist wesentlich das Produkt amerikanischen Einflusses, auf dessen Vasallen und deren Solidarität heute die einzige Weltmacht zurückzukommen genötigt ist. Der demokratische Interventionismus der USA setzt sich fort und zwar mit der Unterstützung derer, die bereits durch die USA "demokratisiert" worden sind. Ein wachsendes Europa ist ein geeignetes Sprungbrett, von dem aus sich die "internationale Ordnung der Demokratie und Zusammenarbeit", wie Brzezinski sie erkennt, "nach Eurasien hinein ausbreiten läßt". (129)


Die internationale Interdependenz ist zu einer solidarischen und für die Amerikaner lebenswichtigen geworden. Die genußsüchtigen Massen sollen weiterhin durch die Strategie der USA für amerikanische Politik gewonnen werden. Auch Brzezinski spricht von "kultureller Lethargie" und "eskapistischem Hedonismus". (111) Leider geht der Autor zu kurz auf die historischen Wurzeln des expansiven Strebens der USA ein, die bis in das 19. Jahrhundert (namentlich "Monroe-Doktrin") zurückreichen und mit dem Einschreiten der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 das erste Mal direkt auf Europa übergriffen. Die amerikanischen Rüstungen dienten recht früh der Schaffung eines Maximums an politisch-strategischer Sicherheit. Bereits hier zeichneten sich bekanntlich schon Formen informeller Herrschaft, strenger monetärer und institutioneller Interdependenz ("Völkerbund") ab.


Dennoch, Brzezinski, heute Professor für amerikanische Außenpolitik an der Johns Hopkins Universität in Washington D.C., beschreibt Dinge, die zu benennen deutsche Akademikerkollegen tendenziell vermieden haben. Ein Beitrag zur Fortentwicklung der Theorie der modernen Geopolitik auch in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf die Rolle des deutschen Vorreiters derselben Karl Haushofer, der schon in den 30’er Jahren von "Brückenköpfen" und "Allianzen" sprach, ist dieses Buch allemal. Es zeugt von Intelligenz, Konsequenz, und vor allem von weiter Voraussicht, wenn Brzezinski zwar für die nächste Zukunft an die amerikanische Dominanz denkt, aber darüber hinaus langfristig kooperative Strukturen und gar Dekadenz sowie völligen Untergang erwägt.
Fazit
Ein Beispiel hervorragender geopolitischer Wissenschaft, wie sie in Deutschland erst wieder entstehen muß.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 23. September 2007

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