Domenico Conte: Weltgeschichte und Pathologie des Geistes. Benedetto Croce zwischen Historischem Denken und Krise der Moderne

Weltgeschichte und Pathologie des Geistes. Benedetto Croce zwischen Historischem Denken und Krise der Moderne

Verlag: Leipziger Universitätsverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-86583-172-9

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Fortschritt und Rückschritt in der Geschichte


Der Niedergang der idealistischen Strömung im philosophischen aber auch geschichtswissenschaftlichen Denken vollzog sich im 19. Jahrhundert schon kurz nach dem Tode Hegels. Der Aufschwung der naturalistischen und irrationalistischen Tendenzen im Denken, der Naturwissenschaft und des Primats der Ökonomie setzte ein. Benedetto Croce (1866-1952) war italienischer Philosoph und Politiker, der als Neubegründer des sehr auf die deutsche Philosophie bedachten italienischen Neoidealismus. Er entwickelte vor allem von Hegel beeinflußt eine Philosophie des "Absoluten Historismus (storicismo assoluto)", die stark auf die Geschichtswissenschaften wirkte. Als Mitarbeiter des "Devenir social", der Zeitschrift von Georges Sorel, publizierte er viele Aufsätze zum Marxismus. 1907 veröffentlichte Croce sogar die italienische Übersetzung von Hegels "Enzyklopädie".


In der vorliegenden Studie geht Domenico Conte, der sich durch seine Einführung zum Werke Oswald Spenglers bereits vorher die deutsche Philosophie und ihr Wirken in Italien zum Thema machte, auf das Denken Benedetto Croces umfassend ein. Und während die Deutschen Wesen und Wert ihrer Philosophen, gerade die Idealisten, oftmals zu verschmähen geneigt sind, zeigt Conte hier vortrefflich, daß es wohl manchmal des Hinweises auf eine fruchtbringende ausländische Rezeption deutscher Philosophie bedarf, um ihren Wert, ihre Praxisrelevanz in neuem Lichte aufscheinen zu lassen. Croce selbst liebte Deutschland und mußte sich in seiner Heimat oft den Vorwurf der "Germanophilie" aussetzen, obwohl er in seinen Urteilen über deutsche Kultur eine wissenschaftliche Strenge walten ließt, die sich beispielsweise über die hölderlinschen Parallelismen zwischen Deutschland und dem alten Griechenland, zwischen Berlin und Athen amüsierte. Daß es aber Hölderlin in seinem Geschichtsdenken wesentlich immer auch um die Deutung menschlichen Schicksals, um geschichtliches Denken als Schicksalsdenken geht, hat zuletzt der Sozialphilosoph Johannes Heinrichs in seinem umfassenden und gattungstheoretischen Kommentar zum hölderlinschen Hauptwerk "Hyperion" nachgewiesen. (Johannes Heinrichs: Revolution aus Geist und Liebe. Hölderlins "Hyperion" durchgehend kommentiert, 2007, S. 535) Croce hätte zumindest zum Ende seines Wirkens, als er zunehmend von einer Tragik im Ablauf der Geschichte überzeugt war, gerade bei Hölderlin ein auch ihm angemessenes Geschichtsdenken finden können. Bei Croce gibt es also eine Menge Stoff zum Verständnis der eigenen deutschen Philosophie zu entdecken. Nachdem Conte nun scharfsinnig die philosophischen Elemente bei Croce darlegt, eine potentiell grausame Welt zeichnet, eröffnet sich in seinem Buch als Fazit ein universalgeschichtlicher Ausweg zu innovativeren und reflexionsstärkeren Denkprozessen - gerade im Hinblick auf die deutsche Geschichte.


Conte verdeutlicht zunächst, daß Croce über Marx zu Hegel fand, den er in seiner Weise interpretierte, nämlich den Kontrast zwischen Geist und Geschichte sowie zwischen Idealismus und Historismus (74) betonte. Croce lehrte einen Vierstufenbau des Geistes: Intuition, Begriff, wirtschaftliches und ethisches Handeln. Jede dieser Stufen setzt die vorhergehende voraus. Bedeutsam ist es an dieser Stelle, wie es Conte gelingt, diese vierfache Manifestation des menschlichen Geistes bei Croce im Geschichtsdenken desselben zu beschreiben. Dieser führte die vier Elemente auf alle menschlichen Aktivitäten zurück. Geschichte tritt in den vier großen Gestalten des Dichters, des Philosophen, des Politikers und des Heiligen auf. (43) Zugleich sieht Croce in ihnen die Ausdrucksformen des Wahren, Schönen, Nützlichen und Vitalen. Es verwundert hier nicht, daß Conte zudem auf Croces Rezeption Spenglers und Toynbees eingeht. Der Autor tut dies, indem er betont, daß Croce die disziplinäre Universalgeschichte und damit Spengler und Toynbee (30), das Untergangsdenken und das Denken in historisch zu bewältigenden Herausforderungen ("challenges") reflektiert habe, um zugleich seine eigene Theorie daraus zu entwickeln: Bei Spengler sei Geschichte ein kurzer Abschnitt des Lebens einer großen Kultur bis zu ihrem natürlichen Verwelken. Bei Croce sei aber die Natur selbst die Geschichte und so befürchtete er oft die "Extremisierung des spenglerischen Diskurses" (197). Wo er hätte Spengler aber zustimmen können, ist die spenglerische Haltung, in der Weltgeschichte die Geschichte der menschlichen Seele zu sehen, was Croce nach Conte auch getan habe. (92)


Die vierstufige Entwicklung des Geiste nach Croce entwickelt sich aber "zirkulär (circolarmente)", wobei sich eine ständig anreichernde Spiralentwicklung ergibt. Diesen Aspekt hat der Autor leider nicht genug ausgeführt, hängt doch von Zirkularität, Rückkoppelung und kybernetischen Ansprüchen in sozialen Systemen sowohl ein adäquates Geschichtsdenken wie bei Croce als auch die Vitalität unserer heutigen Demokratien ab. Während nämlich die Vierfachheit geistiger Struktur bei Croce auf das Geschichtsdenken Anwendung findet, bezog der bereits benannte Sozialphilosoph Johannes Heinrichs diese im Sinne seiner eigenen davon alternierenden Theorie der Viergliederung auf Handlung und politisches System. Doch zurück zur Grundthese des Geschichtsphilosophen aus Neapel.


Die Grundthese von Croces "Absolutem Historismus" ist, daß Leben und Wirklichkeit nichts anderes als Geschichte sind. Von Hegel übernimmt Croce die Identifizierung der Wirklichkeit mit dem Vernünftigen. Sein System vereinigt beide Welten, denn hier ist Geschichte nicht ein Abbild des Seinsollenden, sondern dieses selbst. Er vertritt also eine Form von Immanentismus, denn für ihn gibt es nichts außerhalb der wirklichen Geschichte. Im Unterschied zu Hegel vertritt Croce allerdings nicht eine "Dialektik der Gegensätze", sondern den "Zusammenhang des Unterschiedenen (nesso dei distinti)". So ist z.B. das Schöne nicht ohne das Häßliche denkbar. Leider geht Conte in der vorliegenden Studie nur kurz auf diese gelebte Dialektik des Denkens ein. Er betont, daß bei Croce der Geist erkranken könne, weswegen Croce eine "Pathologie des Geistes" (164) kannte, die er zugleich als die Pathologie der Gegenwart ausmachte: willensschwache Menschen sind auf Lust und Vorteile bedacht. Für Croce bedeutete das ein Ende der Kultur auf der Stufe des utilitaristischen Wollens. Dennoch gibt Conte zu bedenken: Die Integration des Bösen sei bei Croce wichtig, denn gerade davon ernähre sich der Geist, ohne Sklave des Bösen zu werden. (167) Hier gelingt es dem Autor dennoch trefflich, diese zunächst "unlogische" Gegensätzlichkeit in Croces eigenem Sinne und damit als integral gelebte Lebenspraxis darzustellen.


Zum Abschluß geht Conte erfreulicherweise auf die Bedeutung des Nationalsozialismus für Deutschland ein. Wir gelangen damit an den bereits erwähnten innovativen Denkprozeß, den sowohl die Lektüre Croces als auch der hier vorliegenden Studie zu ihm einleiten kann. Diese Stelle des Buches ist besonders zu empfehlen, da sich hier geschichtsphilosophisch jene recht nüchterne Perspektive auftut, den Nationalsozialismus im Sinne eines reifen Denkens und nicht eines hysterischen Moralisierens sowohl zu beurteilen, als auch den inflationär instrumentalisierten Begriff "Faschismus" von ihm abzusetzen. Der Nationalsozialismus galt Croce als zunächst lebensdienlicher "Ausbruch aus einer furchtbaren jahrhundertealten Krise in Deutschland", während der Faschismus eine Art Überfruchtung war, eine Erscheinung, die Italien eigentlich fremd blieb. (219) Zudem sei auch das Bösartige, das Dämonische, welches es bekanntlich nach Croce zu integrieren gelte, um sich erst damit von ihm abzusetzen, niemals eine Charaktereigenschaft der Deutschen gewesen, sondern eine der Moderne in ihrer Gesamtheit überhaupt. Hitler stecke in jedem Menschen (233), und Deutschland habe eine Krankheit aller Völker lediglich entschieden ausgetragen - in qualvollster Form.


Womöglich ist dem Autoren nicht bewußt, daß er damit eine perspektivisch neue Diskussionsgrundlage für die aktuelle deutsche Geschichtswissenschaft bietet, welche im Sinne eines permanenten Nicht-Vergessen-Könnens des Jahres 1933 unser Handeln und Denken über Deutschland aus der Perspektive eines Wissens unsachgemäß beeinflußt, das die Menschen 1933 noch nicht haben konnten. Ideologisches Drohen also, anstelle eines solchen sinnvollen Reflektierens historischer Phänomene (Phänomenologie), welches durchaus im dialektischen Sinne Croces Geschichte bewahren kann und zugleich potentiell zu vergessen in der Lage ist. Conte nämlich geht noch weiter: Bei Croce sei Vergessen kein Auslöschen von notwendiger Erinnerung. Was man vergißt, verschwindet nicht, sondern kreist weiterhin im Ganzen, bleibt präsent. (107) Nur wer zwecks selbstbewußen Agierens als Mensch das Böse vergißt, kann es zugleich in sich auch anerkennen. Wichtige Bemerkungen Contes zur Croce-Rezeption des Nationalsozialismus betreffen auch das Judentum.


Nachdem die deutsche historische Tradition mit dem neoromantischen Dekadentismus verschmolzen sei - so schrieb Croce - sei daraus der Rassismus entstanden als neue zoologische Version der Auserwähltheit eines Volkes, das sich nicht im Kontakt mit den Unreinen beschmutzen möchte. Dies aber - so betonte Croce immer wieder - stelle einen starken Schnittpunkt mit dem Judentum dar. Diese Auffassung sei streng jüdisch. (222) Das vorliegende Buch über Croce regt damit zugleich zu einer konstruktiven Neureflexion des deutsch-jüdischen Verhältnisses zunächst in der Vergangenheit und damit auch für die Gegenwart an. Es zeigt über den Mittler Croce an, welche nationalsozialistischen Elemente selbst jüdischen Ursprungs sind. Es gibt keine Alleinschuldigen, keine Bösartigen an sich, sondern nur die Gesamtheit menschlicher Geschichte als Phänomen. Mit dieser Dimension eines 2007 mehr denn je wünschenswerten neuen Denkens, eines neuen Reflektierens und eines konstruktiven Relativierens nicht im Sinne von Auslöschen sondern im Sinne von verborgener Erinnerung für ein neues Selbstbewußtsein im deutschen Denken bietet Croce eine neue geschichtspolitische Dimension für die Deutschen an. Geschichte war für ihn immer perspektivischen, situativ, subjektivistisch, und damit niemals an sich wiederholbar und erst recht nicht aus der Gegenwart heraus einfach zu beurteilen. (41) Womöglich trüge ein solcher Weg neuerer Reflexionsbereitschaft zur Beseitigung der selbst von Croce schon erkannten "geistige[n] Disharmonie der Deutschen" (224) bei, die heute wieder Johannes Heinrichs in seinem Hölderlin-Buch zu überwinden anmahnte: Die Zerrissenheit könne nur geheilt werden, "durch eine ganze statt einer halben Durchführung des Reflexionsprinzips in Theorie und Praxis". (Ebd., S. 540)


Findet dies nicht statt, steigert sich erneut - mit Croce zu sprechen - Vitalität innerhalb der Epoche des Niedergangs zur Animalität, zum Töten zum utilitaristischen Streben nach Macht und Genuß. Es wird nun klar, wieso Croce zum Ende seines Lebens die Idee der Tragik in der Geschichte aufkam. Sie macht ihn zwar zum Vermittler zwischen Hegel (Progressismus) und Spengler (Dekadentismus), zeigt aber immer wieder die ablaufende Alternanz von Kultur und Dekadenz, den Rhythmus von Leben und Tod an, den womöglich nur der gelebte und beide Seiten anerkennende selbstbewußte Integralismus zu bewältigen in der Lage ist.
Fazit
In der vorliegenden Studie geht Domenico Conte auf das Denken Croces umfassend ein. Und während die Deutschen das Wesen ihrer Philosophen oftmals zu verschmähen geneigt sind, zeigt Conte hier vortrefflich, daß es wohl manchmal des Hinweises auf eine fruchtbringende ausländische Rezeption deutscher Philosophie bedarf, um ihren Wert, ihre Praxisrelevanz in neuem Lichte aufscheinen zu lassen.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 05. August 2007

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