Otto Weininger: Über die letzten Dinge. Mit einem Essay von Theodor Lessing

Über die letzten Dinge. Mit einem Essay von Theodor Lessing

Verlag: Matthes & Seitz [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-88221-320-1

Preis: 18,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Sich über Millionen Formen und Gestalten, Eindrücke und Ängste zu erheben und den unabdingbaren Generalnenner in ihnen zu finden, den Generalnenner für die hin und her reißende Fülle der Impressionen und Bestrebungen - das ist der Weg zur Philosophie, die noch Probleme sieht und entgegen eines um ich greifenden Komforts mit potentieller Denkfaulheit noch richtig denkt. Otto Weininger, geboren 1880, gehört zu solchen Köpfen, die noch wirklich gedacht haben und sich bis zum Schluß nicht auf normativ simulierte Lösungen verlassen konnten.

Dies tat er, um sich vollends mit dem Weltganzen eins zu fühlen, sich des Seienden bewußt zu werden und dabei doch nur, wie er es in seinem berühmten Erstwerk "Geschlecht und Charakter" schrieb - zu sich selbst zu gelangen: "Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein Ich zum Bewußtsein gelangt ist." (Geschlecht und Charakter, 1932, S. 223) Weininger wollte so das Elend des Irdischen transzendieren, denn er wusste ohnehin um die transzendente Trostlosigkeit dessen, was heute da ist und in kosmischen Dimensionen betrachtet bald nicht mehr sein wird oder der Bedeutungslosigkeit notwendig preisgegeben ist.

Weininger wurde durch sein Werk "Geschlecht und Charakter" berühmt, das eine erweiterte Fassung seiner Dissertation war, für die er vorerst keinen Verleger fand. Sein Doktorvater wollte es keinem Verlag empfehlen, solange bestimmte gedankliche Exzesse nicht korrigiert wurden. Doch Weininger war zu stolz, um den Ratschlägen zu folgen. Er legte Sigmund Freud sein Manuskript vor, in der Hoffnung, durch dessen Empfehlung im Verlag Franz Deuticke gedruckt zu werden. In Weininger reifte ein erster Entschluss zum Tod, doch nach einem langen, nächtlichen Gespräch mit seinem Freund Artur Gerber befand er die Zeit als "noch nicht reif".

Nach Monaten konzentrierter Arbeit erschien im Juni 1903 "Geschlecht und Charakter - eine prinzipielle Untersuchung", die das "Verhältnis der Geschlechter" in ein "neues Licht" rückte. Es war wieder der Text seiner Doktorarbeit, noch um drei entscheidende Kapitel erweitert. Weininger versuchte sich an der Definition des Männlichen und Weiblichen, und zwar vor dem Hintergrund der Annahme, daß in allen lebenden Dingen ein Anteil von beiden zu finden sei. Er platzierte das Männliche an einem Ende einer Skala und das Weibliche am anderen Ende. In der Vorstellung von Weib und Trieb einerseits und Mann und Geist andererseits sah er den wesentlichen Antagonismus des Lebens. Auch hier empfand er als erlösende Kraft nur einen Genius, der allein Innbegriff des Männlichen ist: "Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewusstem Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das eigentlich Göttliche im Menschen." (Ebd. 213) Nur der Alleserfasser, der Allesdenker, der Praktizierende des ganzheitlichen Erwägens ist für Weininger des Göttlichen fähig und würdig.

Kaum bekannt ist Weiningers Spätwerk, das kurz vor seinem Tode Konturen annahm. Im Verlag Matthes & Seitz ist unter dem hier zu besprechenden Titel "Über die letzten Dinge" (1997) dieses Werk veröffentlicht worden. In diesem Buch befinden sich aphoristische Nachlässe, die selbst als "Gebliebenes" bezeichnet werden. Weiningers Theorie der Metaphysik und seine letzten Aphorismen werden hier abschließend begleitet von einem Essay Theodor Lessings, der das Phänomen Weininger einer Analyse unterwirft und zu dem Fazit kommt, daß Weininger das "Schicksal eines tragischen Selbsthasses" (199) zu tragen gezwungen war. Dieses trug er wahrlich mir großer Beharrlichkeit - ohne der große Agitator der Verachtung zu sein, zu dem er oft gestempelt wird.

Weininger schreibt in seinem hier vorliegenden Nachlaß selbst: "Es liegt in der Gemütslage der Philosophen begründet, daß ihnen agitatorisch-aggressives Auftreten schwerer fällt als anderen Menschen." (178) So wird dieses Buch zur bisher kaum bekannten Quelle wertvoller Aufzeichnungen, welche die Person Weiningers in neuem Lichte erstrahlen lassen und zugleich eine gewisse Art des Verständnisses für die Person Weiningers seitens seiner Leser herbeizuführen in der Lage sind.

In Anbetracht der inhaltlichen Tiefe seiner letzten schriftlichen Ausführungen kann bei Weininger eine durch das Schicksal ihm aufgebürdete Intuition als das für ihn letztgültige Realissimum angesehen werden. Für Weininger war es diese spezifische Art der existentiellen Erfahrung, welche es ihm ermöglichte, das Leben wesentlich symbolisch zu betrachten, Symbole des Leidens, des Todes, der geistigen Hochwertigkeit, der sexuellen Fruchtbarkeit, der menschlichen Niederträchtigkeit oder eben der Genialität im Leben zu erkennen und zu benennen. In ihnen brachte er die Erfahrungen von sich selbst und seiner Stellung in der Welt zum Ausdruck.

Freilich, angesichts des Eigeninteresses, das stets auf der Basis physischer Existenz im Menschen wacht, ist der gewöhnliche Mensch von der Selbsttäuschung gegenüber irdischen Tatsachen betroffen. Weininger ließt sich dadurch nicht täuschen, kannte er doch als begeisterter Leser Kants die transzendentale Bewandtnis alles vermeintlich materiell Vorhandenen und Wahrgenommenen und konnte dasselbe als wesentlich geistig konstruiert ausmachen. Dies läßt dem subjektiven Wahrnehmungsvermögen und der subjektiven Reflexion über das eigene Vermögen der Wahrnehmung empirischer Sachverhalte eine enorme Bedeutung zukommen, die den reflektierenden Menschen vom Schlage Weiningers oder einst Hölderlins leicht beängstigen kann - ja sogar bekanntlich in den "Wahnsinn" treibt.

Weininger schreibt - wohl wissend, daß dieser "Wahnsinn" ein Konstrukt Außenstehender ist - beispielhaft an einer interessanten Stelle in diesem Buch "Die objektive Seite der Furcht vor sich selbst kommt in der Unheimlichkeit der These des absoluten Phänomenalismus zum Vorschein, welche lehrt, dass nur die Empfindung Realität habe, und ich der fortdauernden Existenz einer Wand, die ich eben betrachtet habe, nicht mehr versichert bin, wenn ich ihr den Rücken zukehre." (153/154) Die Existenz der Welt des Objektes, reduziert auf das transzendentale Wahrnehmungsvermögen im Kopf scheint auf das sichtbare Objekt eingeschränkt und das vorher sichtbare Objekt ist nicht mehr da, sobald wir unsere Wahrnehmung, das Auge, das Ohr, von diesem Objekt abwenden. Es verwundert nicht - darauf verweist Lessing in seinem abschließenden Essay - daß Weininger angesichts dieser Urerfahrung des Phänomenalismus in seiner Jugend deshalb oft fragte, was denn nun existent ist und was nicht, ob er überhaupt da sei oder ob alles nur Traum sei.

Wer also das vieldiskutierte Hauptwerk Weiningers gelesen hat, hat damit längst nicht das umfassende Anliegen dieses Philosophen erfaßt, welches sich tiefenphilosophisch erst bei umfassender Lektüre der immer wieder problematisch bleibenden "letzten Dinge" des Lebens, die Weininger mitzuteilen sich berufen fühlte, dem geneigten Leser erschließt. Weiniger stellte sich damit zugleich konträr zu einer jeden gehegten Schulwissenschaft: "Um kurz auszudrücken, was die heutige Wissenschaft ist und was sie nicht ist, können wir sagen: diese Wissenschaft besitzt Resultate und stellt sich Aufgaben, aber sie kennt keine Probleme mehr. Probleme gibt es nur für Menschen, die für und über sich, und nicht für ein Götzenbild denken, wenn das Idol auch Wissenschaft heißt." (171)

Die letzten fünf Tage seines Lebens bis zum 3. Oktober 1903 verbrachte Weininger bei seinen Eltern. Er mietete sich dann ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus in der Schwarzspanierstraße 15. Dorthin begab er sich am Abend des 3. Oktober. Er schrieb zwei Briefe in dieser Nacht, einen an seinen Vater, einen an seinen Bruder Richard. Der dreiundzwanzigjährige Otto Weininger absolvierte am 4. Oktober 1903 in Beethovens Sterbehaus in Wien das von ihm bereits früher angekündigte Opfer seiner Auslöschung und verlieh damit seinem gesamten metaphysischen und philosophischen Schaffen den abschließenden Sinn. Lessing schreibt im vorliegenden Buch: "Lieber wollte er sterben, als von der erreichten Höhe nun zurücksinken in das uns alle bändigende Allgemeine." (210) Am Morgen des 4. Oktober wurde er sterbend in seinem Zimmer aufgefunden. Er hatte sich eine Kugel ins Herz geschossen. Er starb um halb elf Uhr vormittags im Wiener Allgemeinen Krankenhaus in der Alser Straße. Das "Schicksal eines tragischen Selbsthasses" (199), der durchaus ähnlich wie bei Walter Benjamin oder Kral Marx als dezidiert jüdischer Selbsthaß bezeichnet werden kann, hatte sich selbst zur Erlösung bringen können und man gelangt zu der Erkenntnis, daß erst Weiningers schriftlich fixierten "letzten Dinge" zum tieferen Verständnis dieses Schrittes zur Selbstauslöschung beitragen. Das läßt diesem Buche eine gleichsam mystische Bedeutung zukommen.

Weininger gehört gerade durch dieses Spätwerk zu den großen und Unvergessenen, die als philosophische Denker, zur Selbstaufopferung entschlossen, zwar nicht im Weltkrieg fielen, sondern diesen Schritt ähnlich wie Phillipp Mainländer (1841-1876) als praktizierte Philosophie der Erlösung gleichsam selbst vorwegnahmen. Den zahlreichen Unvergessenen des elf Jahre nach Weiningers Tod beginnenden Weltkrieges (Walter Flex, Hermann Löns, Norbert von Hellinrath und viele mehr) widmete Ernst Jünger einst das heute kaum noch findbare Buch "Die Unvergessenen" (1928). In ihm heißt es: "Nein, es ist kein Widerspruch, daß ein persönlicher Charakter nicht nur Ausdruck seiner selbst, sondern eines größeren Charakters ist, und daß dieser größere Charakter wiederum sich durch tausend Persönlichkeiten offenbart, ähnlich wie die Natur sich nicht begnügt, die Idee eines Tieres, etwa einer Muschel, in einer einzigen Form zu verwirklichen, sondern in einem überreichen Spiel selbst die entferntesten Möglichkeiten dieser Idee zu erschöpfen strebt. Diese Mannigfaltigkeit der Einheit und die Einheit im Mannigfaltigen macht jene sinnvolle Fülle des Lebens aus, die uns immer wieder des Atems beraubt." (Ebd., S. 13)

Sind jene gefallenen Philosophen und ihre Schriften Ausdruck eines größeren und die Welt wirklich reflektierenden Charakters, so darf Otto Weininger, der den Weltkrieg nicht erlebte, zur Komplettierung jenes größeren Gesamt-Charakters höherer Geistigkeit nicht fehlen. Er trägt, wenn man ihn zu verstehen gewillt ist, am Ende zur Einheit der Mannigfaltigkeit vieler junger Denker und Philosophen zur Jahrhundertwende vor dem Weltkrieg in Deutschland bei. Weininger war, wenn der im Kriege gefallene Herausgeber der Schriften Hölderlins, Norbert von Hellinrath (1888-1916), meinte, es gebe die Möglichkeit, Unsagbares zu schonen oder speziell für Verkünder eine göttliche Notwendigkeit, Unsagbares zu sagen, zweifellos ein Verkünder des für viele auch heute noch Unsagbaren. Das vorliegende Buch bietet den Schlüssel zum Verständnis dieses Unsagbaren.

"Philosopher, c’est apprendre à mourir: Das ist der Weisheit letzter Schluß." (Philipp Mainländer)
Fazit
Das vorliegende Buch bietet den Schlüssel zum Verständnis des Gesamtwerkes Otto Weiningers und damit verknüpft zum Verständnis des für viele Menschen Unsagbaren:

"Philosopher, c’est apprendre à mourir: Das ist der Weisheit letzter Schluß."
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 09. Juni 2007

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