Gerd Koenen: Utopie der Säuberung: Was war der Kommunismus?

Utopie der Säuberung: Was war der Kommunismus?

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-596-14638-3

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Gerd Koenens Studie über den Kommunismus ist eine der besten Analysen über das sowjetische kommunistische System, welches ich gelesen habe. Koenens These ist, dass der Kommunismus im wesentlichen die Utopie einer totalen Säuberung, Homogenisierung und Gleichschaltung einer Gesellschaft gewesen sei. Dies habe sich letztlich als nicht einlösbar erwiesen.
Eindrucksvoll und plastisch beschreibt Koenen die totalitäre Herrschaftspraxis des Kommunismus unter Lenin und Stalin. Angeregt wurde er zu dieser Studie durch das "Schwarzbuch des Kommunismus", dessen Verdienst er zwar lobt. Mit dem Vorwort des Herausgebers Stephan Courtois ist er jedoch nicht einverstanden, was ihn - unter anderem - zu diesem Buch veranlasst hat. Eindrucksvoll schildert Koenen, wie aus einer Utopie ein menschenverachtendes System der Gewaltherrschaft wurde(Schwerpunkt der Darstellung sind die Zeit Lenins und Stalins, die folgenden Jahre werden dann nur noch gestreift). Nach Stalins Tod sei zwar das Monopol der Partei erhalten geblieben, doch der Prozess des Abbaus des Massenterrors blieb unumkehrbar. Das nachstalinistische System könne als "posttotalitär" bezeichnet werden.

Die menschenverachtende Politik der Bolschewisten wurde schon bei der Machtergreifung 1917 und der Auflösung der Konstituante im Januar 1918 deutlich. Den Kommunisten ging es um die Zerschlagung der Gesellschaft und des Bürgertums. Hier - so Koenen - läge der entscheidende Unterschied zum Aufstieg des Nationalsozialismus, der, die im Gegensatz zu den Kommunisten den bestehenden Staat nicht zerschlagen hätten, sondern diesen - mit aktiver Unterstützung der regierenden Eliten - nach ihren Bedürfnissen "ummodeln und durch eigene parallele Apparate ergänzen und kontrolliren" konnten (S. 272)". Koenen meint, dass die kommunistischen Regime dem Begriff einer "totalitären" Gesellschaft erstmals wirklich nahegekommen seien. Die Geschichte des Kommunismus lasse sich nicht in erster Linie als die einer "Idee", einer "Ideologie", einer "Illusion" oder eines "Wahns" beschreiben, wie dies Francois Furet oder Martin Malia in vergleichbaren Publikationen getan haben. Zu untersuchen sei die Frage, aus welchen Motiven und unter welchen historischen Bedingungen Menschen begannen, mit dem historischen Sozialismus zu brechen und neue "kommunistische" Parteien zu gründen oder sich ihnen anzuschließen. Koenen zeigt, dass es sich beim Kommunismus um das ungeheuerste "Experiment" des 20. Jahrhunderts gehandelt hat. Mit diesem verknüpfe sich die erste politische Massenbewegung der Geschichte, die internationalen Charakter hatte und Menschen völlig unterschiedlicher Kulturkreise und Herkunft anzog. Diesen Fragen geht Koenen mit einer beeindruckenden Sachkenntnis nach.
Fazit
Selten gibt es eine so fesselnd zu lesende und dennoch kompaktreiche Darstellung des Phänomens des Kommunismus. Koenen berücksichtigt Ereignis-, Ideologie-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte ohne die Verbrechen des Kommunismus zu verharmlosen. Sie ist leichter zu lesen als Furets voluminöse oder Malias eher trockene und schwer zu lesende vergleichbare Darstellung. Es handelt sich in der Tat um ein meisterhaftes Werk eines langjährigen Experten auf diesem Gebiet.

Als Ergänzung empfehle ich Wolfgang Leonhards jetzt neu aufgelegten Klassiker: "Die Revolution entlässt ihre Kinder", der das gleiche Thema behandelt und den selben Fragen anhand der eigenen Autobiographie nachgeht. Auch er wandte sich - wie Koenen - vom Kommunismus ab und beschreibt scharfsinnig das Phänomen des "real existierenden" Kommunismus. Beide Bücher sind daher unbedingt lesenswert und als Beschäftigung mit dem Thema unverzichtbar.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 22. Oktober 2005

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