Laurent Mauvignier: Ein Ende finden

Ein Ende finden

Verlag: Eichborn Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: klassische Literatur
ISBN-13 978-3-8218-0706-5

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Wir lügen uns ja alle gerne etwas in die Tasche, ständig, unablässig. Das ist zwangsläufig so, denn der blinde Fleck in unserem Blick auf die Welt betrifft unsere eigene Person, das eigene Ich. Wenn wir uns nicht trauen, im übertragenen Sinne "in den Spiegel zu schauen", uns durch andere reflektieren zu lassen, können wir nichts anderes, als in der eigenen Suppe zu kochen. Genau dies passiert 104 Setien lang im zweiten Roman des französischen Schriftstellers Laurent Mauvignier, der dort unter anderem mit dem renommierten Literaturpreis "Prix Librairis" ausgezeichnet wurde. Ein Monolog, der in Gedankenfragmenten und Erinnerungssplittern einen einsamen Prozeß beschreibt, der einem den Atem raubt. Bereits der Anlaß lässt erahnen, welches gewaltige Potential an emotionaler Verstrickung ansteht: nach einem Unfall entrinnt der Ehemann, der seine Frau wegen einer Anderen verlassen wollte, nur knapp dem Tod. Gebrochen, haßerfüllt und unfähig, eine einzige Bewegung auszuführen, kehrt er aus dem Hospital nach Hause zurück. Seine Frau, entschlossen, die schmerzliche Vergangenheit zu vergessen, will mit aufopfernder Fürsorge seine Liebe wiedergewinnen. Ihre gestochen scharfen Beobachtungen, ihr Erkennen und Benennen des immensen Zorns, der ihr entgegengebrachten Verachtung, ihre eigene Verzweiflung und die einsamen Selbstgespräche bringen die Wortlosigkeit, das Schweigen, das Kochen in der eigenen Suppe genau auf den Punkt. Es wird klar, daß der Prozeß schmerzlicher Entfremdung nicht erst mit dem Unfall eintritt, sondern die nicht stattfindenen Gespräche zwischen ihr und ihrem Mann, all das, was in der Familie nicht an- und ausgesprochen werden darf, schon lange unter der Oberfläche brodelt. Da kein Gespräch möglich ist, wird die persönliche Entwicklung durch Zweifel, Angst und Einsamkeit gestaltet. Wo diese Entwicklung ein Ende findet, beginnt die literarische Meisterleistung Mauvigniers: wortgewaltige Sprachlosigkeit.
Fazit
Nicht gerade leichte Kost, doch wer mehr als bloße Unterhaltung sucht, kann mit diesem Buch einige anregende Stunden verbringen.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Annette Rieck [Profil]
veröffentlicht am 06. Februar 2005

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