Gunther Hellmann, Klaus-Dieter Wolf, Michael Zürn: Die neuen Internationalen Beziehungen

Die neuen Internationalen Beziehungen

Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-8329-0320-6

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Kein Forschungsgebiet im Bereich der Politikwissenschaft hat sich - unter dem Eindruck der Auflösung der Blöcke nach Ende des Ost-West-Konfliktes und neuer Bedrohungen durch den Internationalen Terrorismus - in den letzten 15 Jahren so stark verändert wie das der internationalen Beziehungen. Dies wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass es seit dem PVS-Sonderheft: "Theorien der Internationalen Beziehungen" aus dem Jahre 1989 keine Publikation gab, die den neuesten Forschungsstand auf diesem Gebiet reflektierte. Wohl gab - und gibt es - zahlreiche Einführungen in die Theorien der Internationalen Beziehungen, meines Wissens gab es aber seit 1989 kein Werk, welches den Forschungsstand auf diesem Gebiet - Zielgruppe sind fortgeschrittene Studierende des Faches - komplett wiedergab.

Diese Lücke wird - was den Forschungsstand in Deutschland angeht - mit dem vorliegenden sehr anspruchsvollen und theorieorientierten Sammelband - geschlossen. Der Anspruch, eien "schnellen, aktuellen und doch anspruchsvollen Überblick über den Stand der Dinge" zu erhalten wird meines Erachtens erfüllt.

Zunächst untersucht Michael Zürn die Entwicklung des Faches seit Erscheinen des PVS-Sonderheftes von 1989, wobei er konstatiert, dass das Fachgebiet innerhalb der sozialwissenschaftlichen Landschaft in Deutschland an Bedeutung gewonnen habe und nicht mehr rein amerikanische Publikationen passiv rezeptiert würden.

Peter Mayer untersucht die sogenannte "Dritte Debatte" der Internationalen Beziehungen, in der die sogenannten Positivisten und Post-Positivisten über die epistemologischen Grundlagen des Faches streiten und warum diese "Dritte Debatte" im Gegensatz zur Debatte um die Theorietraditionen Realismus-Konstruktivismus im deutschen Raum kaum wahrgenommen wurde.

Thomas Risse untersucht, welche Herausforderung der Konstruktivismus für die anderen Theorien in dem Fach Internationale Beziehungen darstellt und stellt en Stand der konstruktivistischen Forschung überblicksartig dar. Ebenfalls mit dem Konstruktivismus als Theorie beschäftigt sich der Beitrag von Antje Wiener. Sie untersucht, welchen Mehrwert die konstruktivistische Forschung für die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen bedeutet.

Die Friedensforschung hat nach Ende des Ost-West-Konfliktes und der Herausforderung durch den internationalen Terrorismus an Bedeutung gewonnen, wenn man etwa die Bücher des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler zur Theorie der Kriege betrachtet. Christopher Daase zeigt in seinem Beitrag, dass die Erforschung von Krieg und politischer Gewalt in den letzten fünfzehn Jahren Fortschrite gemacht hat und insbesondere die noch junge Kriegsfolgenforschung erste Erkenntnisse über das Lernen im Krieg, die Auswirkungen unkonventioneller Kriegsführung auf Akteure und Strukturen sowie über die Privatisierung und Kriminalisierung politischer Gewalt in so genannten Bürgerkriegsökonomien entwickelt hat.

Harald Müller von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung unterscuht in seinem Beitrag Begriff, Theorien und Praxis des Friedens und geht dabei auch auf den Forschungsstand zum Thema: "Demokratischer Frieden" und das Konzept der Zivilisierung ein.

Detlef F. Sprinz gibt einen Forschungsbericht zum Thema Internationale Regime und Institutionen, wobei er den deutschen Beitrag zur Internationalen Regimeforschung als prägnant und sichtbar würdigt.

Joachim Betz untersucht deutsche Beiträge zur Entwicklungstheorie seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und bilanziert ebenfalls, die deutsche Forschung habe durchaus eigenständige und empirisch belegbare Beiträge zu dem Thema geliefert.

Sebastian Harnisch untersucht theorieorientierte Außenpolitikforschung in einer Ära des Wandels und meint, der Begriff einer "Generationenmetapher" treffe den Wandel der deutschen Außenpolitikforschung besser als das Bild eines "Paradigmenwechsels." Die Debatte sei in den 1990-ger Jahren durch facettenreiche Theoriediskurse angereichert worden, was für die Rückbindung an die politikwissenschaftliche Forschung als nützlich anzusehen sei.

Martin List und Bernhard Zangl unterscuehn die Verrechtlichung internationaler Politik, Frank Schimmelfennig geht in seinem Beitrag auf den Begriff der "Internationalen Sozialisation" im Rahmen der konstruktivistischen Theorie ein.

Über den Zusammenhang von Globaisierung und Waohlfahrtstaat informiert kompetent Philipp Genschel, Christoph Scherrer stellt jüngere Theorieströmungen in der Tradition marxistischer politischer Ökonomie dar, Markus Jachtenfuchs unterscuht in seinem Beitrag: "Regieren jenseits der Staatlichkeit" governance-orientierte Paradigma der Forschung, die sowohl das Regieren im internationalen System wie auch das Regieren innerhalb des Staates umfassen.

Andreas Nölke unterscuht und bewertet den in der Forschung in den Internationalen Beziehungen anzutreffenden Gegensatz zwischen Regierungszentrik und Translnationalismus und unterscuht Möglichkeiten einer Synthese der beiden Theorieansätze.

Mathias Albert sieht in seinem Beitrag: "Entgrenzung und internationale Beziehungen" eine Chance der Neukonstituierung des Faches zu einer "Wissenschaft des Globalen" im Sinne einer Neuorientierung des Faches.

Klaus-Dieter Wolf und Gunther Hellmann untersuchen im abschließenden Beitrag die Zukunft der Internationalen Beziehungen in Deutschland und versuchen, thematische Schwerpunkte für die künftige Forschungstätigkeit in diesem Fach zu skizzieren und bei der zukünftigen Forschung deutschsprachige Vorsprünge in bestimmten Bereichen fruchtbar zu machen.
Fazit
Insgesamt ein wichtiger Band zu dem Thema Internationale Beziehungen, welcher auf lange Zeit das Standardwerk des Faches bleiben dürfte.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. Juni 2004

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