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"Wir stehen der Natur machtlos gegenüber"

Mit seinem Roman "Der Rote Ozean" hat der in Schleswig-Holstein lebende Marcel René Klapschus ein lesenswertes Endzeitdrama verfasst, in dem unsere Zivilisation im Begriff ist, sich selbst zu vernichten. Buchtips.net sprach mit dem Autor über die Entstehung seines Romans.

Michael Krause: Wie ist die Idee zu "Der rote Ozean" entstanden?
Marcel René Klapschus: Der Roman entstand einfach aus der Idee heraus, endlich wieder einen "unbequemen" Fantasyroman zu schaffen, der etwas mehr bietet als raufende Orks und liebende Vampire. Was ich wollte, war eine Rückbesinnung an die gesellschaftskritischen Klassiker vergangener Tage, wie "1984" oder "Schöne neue Welt", die Phantastisches ohne Laserschwert und Lanze erzählen konnten.

MK: Mussten Sie viel recherchieren?
MRK: Nein. "Der Rote Ozean" kommt mit sehr wenigen Fakten aus. Es ging mir bewusst nicht darum, den Leser mit aufwendigen Abhandlungen über geographische Gegebenheiten oder arabischer Traditionen zu belehren. Je mehr ein Autor seine Leser mit Fakten bombardiert, je stärker sinkt beim Leser das Interesse die Geschehnisse im Roman selbst zu hinterfragen. Letztendlich ist es genau das, worum es in diesem Buch geht: Die Masse folgt blind, weil einige wenige "Lehrmeister" offenbar die Lösung und Antworten auf alle Probleme parat haben. Um so spannender empfand ich die Reaktionen meiner Leser: Es gibt die, die sich tatsächlich vorwurfsvoll bei mir über die, in ihren Augen, fehlenden Antworten und Fakten beschweren und sie offen bei mir einfordern, und es gibt die, die tatsächlich selbst damit begonnen haben, ihre Antworten auf das viele "nicht gesagte" in diesem Roman zu finden. Das ist ein Prozess, den auch Brian und Khayra erst noch durchlaufen müssen.

MK: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, ganze Kontinente in den Fluten des Roten Ozeans untergehen zu lassen?
MRK: Natürlich ist es ein bedrückendes Szenario, dass sich wohl niemand wünscht. Ich empfand es aber auch als eine gewisse Ironie des Schicksals, wie Millionen von Menschen in einem Krieg ihr Leben lassen, nur um ein Stück Land zu erobern, was kurze Zeit später ohnehin in den roten Fluten versinkt. Diese ganze Sinnlosigkeit nach dem Prinzip "Auf Aktion folgt Reaktion" hat sich schon so oft in unserer Geschichte wiederholt, da fragt man sich langsam, ob wir einen solchen Untergang nicht vielleicht sogar verdient hätten?

MK: Was hat Sie veranlasst, Ihre Hauptfiguren mit einem jugendlichen Alter auszustatten?
MRK: Brian und Khayra gehören zu einer Generation, deren Eltern bemüht sind, eine Heile Welt inmitten einer durch massive kulturelle Spannungen geprägten Zeit aufrecht zu erhalten. Doch beiden sind keine typisch rebellierenden Teenager. Auch sie sehnen sich nach Halt, einer Heimat, nach einer Identität und Struktur in ihrem Leben. Für mich als Autor was es spannend zu zeigen, was passiert wenn diese Strukturen sich von einen Moment zum anderen radikal wandeln.

MK: Haben Sie von kirchlicher Seite schon Reaktionen auf Ihren Roman bekommen?
MRK: Nein. "Der Rote Ozean" beschäftigt sich auch weniger mit Religion sondern vielmehr um philosophische Ansätze zum Thema Krieg, Glaube, Ignoranz und Hoffnung. Es hätte auch ein Krieg zwischen Buddisten und Hinduisten sein können, er hätte an der Intention des Romans wenig geändert.. Die Menschen die in "Der Rote Ozean" verführen, morden, lügen, quälen tun dies in erster Linie als Menschen und nicht als Angehörige irgendeiner Religion. Wir neigen viel zu oft dazu, schlimme Dinge einer bestimmten Gruppe zuzuordnen. Der Leser wird überrascht feststellen dass er in meinem Roman damit nicht sehr weit kommt.

MK: Wie nah werden wir dem von Ihnen geschilderten Szenario kommen?
MRK: Die Arbeiten an der Rohfassung des Romans endeten Anfang 2010. Mittlerweile haben wir Revolutionen in der Arabischen Welt, getrieben von einer mutigen jungen Generation, die nicht mehr bereit ist einem Diktator zu folgen, der sich hinter ihrer Religion versteckt und nebenbei die eigenen Taschen füllt. In den USA gewinnen Bewegungen Zulauf, die für die Errichtung eines christlichen Gottesstaates in den USA kämpfen. Dann kam 2011 der furchtbare Tsunami in Japan, der uns daran erinnert hat, wie unberechenbar die Natur sein kann und wie machtlos wir ihr gegenüberstehen. Das Szenario des Buches wirkt realistischer den je, fürchte ich. Wie nah wir ihm noch kommen werden kann ich nicht beurteilen, doch es wird Aufgabe meiner und kommender Generationen sein, diese Welt im Griff zu behalten.

MK: Sie mischen in Ihrem Roman zahlreiche Genres. Welches ist Ihnen am Liebsten?
MRK: Da der deutsche Buchmarkt von der Thematik immer dünner wird und sich im Bereich Fantasy mittlerweile nur noch auf Franchise-Werke und Frauenlektüre beschränkt hat, haben Filme bei mir zunehmend an Bedeutung gewonnen. "Der Rote Ozean" ist stark vom japanischen Film inspiriert. Die Japaner beherrschen das Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion wie kein anderes Volk. Nicht umsonst sind sie Wegbereiter gewesen für das Endzeit/Steampunk-Genre. (Neon Genesis Evangelion, Ghost in the Shell, Now and Then, Here and There). Das japanische Charakter-Drama, ein kompliziertes Geflecht aus Symbolik, einem Touch Phantastik, einer Priese Naivität und einem Schlag überzeichnetem Humor. Das ist der Genremix aus dem meine Träume sind. Ich bin letztes Jahr in Japan gewesen und war beeindruckt von der medialen Vielfalt dieses wunderbaren Landes. Schade das davon nicht soviel zu uns rüber kommt. In den USA ist man da schon wesentlich weiter, vor allem was japanische Light-Novels angeht, die in ihrem schnellen Stil dem "Roten Ozean" wohl am nächsten kommen. Aber ich lerne nebenbei ja noch fleißig Japanisch in der Hoffnung, eines Tages die Originale lesen bzw. schauen zu können.

MK: Sie kommen aus der IT-Branche. Wie kamen Sie zum Schreiben von Romanen?
MRK: Das klassische Cliché des fantasielosen Mathematikers mit Karohemd und Taschenrechner in der Brusttasche, hat noch nie zu mir gepasst. Der Beruf hat eher wenig mit meiner Tätigkeit als Autor zu tun. Zum Schreiben kam ich vor ein paar Jahren als ich ein kleines Drehbuch für einen Film schreiben wollte, dass ich mit ein paar Freunden auf die Leinwand bannen wollte. Das Projekt zerschlug sich bevor es begann, doch ich wollte das Skript unbedingt fertig stellen. So entstand damals "Yuma 23", dann "Die Rückkehr der Phoenix" und so lief es weiter.

MK: Wie würden Sie Ihre schriftstellerische Arbeitsweise beschrieben? Sind Sie gut organisiert?
MRK: Chaotisch trifft es wohl besser. Nein ernsthaft: Wenn ich mit einem neuen Projekt beginne, weiß ich noch nicht wohin mich die Reise führt. Es gibt einen Handlungsrahmen, eine Reihe von Charakteren und einen Ausgangskonflikt. Der Rest entsteht beim Schreiben, wie ein Bild im Kopf. Es ist, als würde man als Regisseur am Set sitzen und den Schauspielern sagen: "Ihr wisst worum es geht. Tut das, was ihr für richtig haltet." Ich nehme als Autor dann die Rolle des Kameramanns ein, halte fest was die Figuren mir vorspielen, überlege mir den richtigen Blickwinkel, die Atmosphäre die ich in den Köpfen des Lesers mit meinen Bildern erzeugen will. Klebezettel oder fertig konstruierte Plots gibt es nicht, und braucht es auch gar nicht geben. Der Leser will überrascht werden, was ist da also glaubhafter, als wenn ich mich als Autor selbst beim Schreiben überrasche?

MK: Haben Sie schon Pläne oder Ideen für ein neues Buch?
MRK: Meine Reise nach Japan letzten Sommer war eine großartige Erfahrung und bot Inspiration für ein neues Projekt. Mein nächster Roman wird also in Japan spielen und eine wilde Mischung aus Fantasy, Science-Fiction und Krimi werden. Man darf also gespannt sein! ;-)

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