Die 24jährige Ruth nimmt 1934 Reißaus vor einer Liebe, die sie unglücklich
macht; "dem Mann, den sie mehr liebt als er sie", Immanuel, schreibt
sie Briefe, die auf einer, wie schnell klar wird, imaginären Reise entstehen.
Die Reisestationen einer Fahrt, die in Wirklichkeit nach Palästina führt, sind:
Berlin, Köln, Brüssel, Brügge, Ostende, Paris und Marseille; die kulturelle
Bedeutung dieser Metropolen nutzt Lea Goldberg, die Autorin, meisterhaft aus:
die Protagonistin Ruth äußert sich blitzgescheit, mit einem Schuß Melancholie,
über Geschichte, Literatur, Musik, politische Verhältnisse des damals
erkrankenden Herzens Europas; immer behält sie vor Augen, worüber sie berichtet,
besonderes in Paris taucht sie noch einmal ein in die rauschende Kunst- und
Künstlerwelt. Allerdings: die nationalen Eitelkeiten, kurz vor Ausbruch der
modernen Katastrophe 1933, schwellen in grausamen Wechselspiel mit den
Armeeindustrien Europas an; zunehmende allgemeine Ablehnung, Befremdung,
Verneinung, besonders ihrer jüdischen Herkunft wegen, stoßen ihr entgegen,
lassen sie ihre Wurzeln verlieren, nach Liebe suchen, nach Heimat dürsten;
Immanuel, der mit wenig Gegenliebe Geliebte, ist, kann ihr keine Hilfe sein -
Ruth schreibt, und sie lebt für ihr Schreiben. Fremdheit macht sich breit in
ihr, Fremdheit sich selbst, bisher Geglaubtem und Gelebtem gegenüber; das
unvergleichlich schöne Dasein im goldenen, wenn auch selbstverliebtem,
20er-Jahre-Berlin scheint verloren, "ich gehe hier weg als Fremde, und es
gibt nichts, wonach man sich zurücksehnen könnte".
Fazit
"Briefe einer imaginären Reise", ein literarisches Tandem über tiefste
Gewißheit und exentiellste Angst, liegt hier erstmals in einer deutschen
Übersetzung vor.
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