Tommy Wieringa: Dies sind die Namen

Dies sind die Namen

Verlag: Carl Hanser Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-446-24739-0

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 03. Dezember 2016]
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Die umfassende Suche nach Heimat

Zunächst muss man verstehen, dass der Titel des Buches auf den Beginn des zweiten Buches Mose anspielt: "Dies sind die Namen derer, die mit Jakob nach Ägypten kamen……" Denn gerade was die zusammengewürfelte, verzweifelte Gruppe von Flüchtlingen angeht, die im Buch einen wesentlichen Teil des Erzählstranges ausmachen, werden lange, lange Zeit keine Namen genannt. Nur die Funktionen, die Namen untereinander "Der Afrikaner", "Der Wilderer", "die Frau", usw.) dienen in der Gruppe zur kurzen und knappen Benennung der anderen.

Was eine wichtige Funktion im Ablauf des Romans hat, denn Wiegand zeigt damit konsequent zum einen auf, wie in dieser Gruppe von 5, 6 Personen sich "alle Flucht" der Gegenwart symbolisch zeigt und, zum anderen, wird durch diese distanzierte Benennung untereinander auch das zweite, für den Leser emotional nicht immer leicht zu tragende, wichtige Moment der Flucht deutlich. Jeder geht für sich. Momente der Solidarität und Nähe (als der "Afrikaner" mit "dem Großen" eine Dose Nahrung teilt) sind rar. Eher bleiben manche am Wegesrand liegen und werden noch um ihre Habseligkeiten von den anderen erleichtert, bis hin zum Mord (der spirituelle Folgen haben wird).

Da ist keine Solidargemeinschaft, da ist kein gezieltes "Fliehen" irgendwohin, da ist nur ein "Weg von" egal wohin auszumachen und dabei steht jeder für sich. Opfer werden dabei einfach ignoriert (wie jene alte Frau, die ausgeplündert, um ihren Wintervorrat erleichtert, einfach bei beginnendem Schneefall in ihrer Hütte zurückgelassen wird). Das ist der direkte Strang des "Exodus", der die eine Seite des Buches gestaltet. Dem zur Seite eine "innere Seite" eines Exodus im Sinne einer Reifung und Befreiung zur Seite gestellt wird.

Pontus Beg, Polizeikommissar in Michailopol, an dessen Grenze sich die Flüchtlingsgruppe seit langem weitgehend im Kreise sich bewegt, ohne je eine echte Grenze überschritten zu haben, zieht ebenfalls los. Innerlich. Heraus aus seinem geregelten, ruhigen, langweiligen, unausgefüllten Leben, in dem die leibliche Versorgung und der monatliche Sex mit seiner Haushälterin einfach nicht zu echter Zufriedenheit führen, sondern die Leere immer härter ihn bedrängt.

"Pontus Beg war nicht auf die Weise alt geworden, wie er sich vorgestellt hatte".

Durch Zufall kommt er mit dem "letzten Juden" der Stadt, einem Rabbi, zusammen und entwickelt mehr und mehr eine innere Affinität, eine Suche, die ein Ankommen werden wird. Wie auch die Flüchtlinge ankommen und sich von da an die beiden Erzählfäden des Romans zu einem Ganzen verweben. Anders, als vielleicht zuvor bei der Lektüre gedacht, mit einer ebenfalls nur "Hoffnung" am Ende. Aber einer greifbaren Hoffnung, einem sich auftuenden Weg, der tatsächlich zu einem Ziel führen könnte. Für Beg und einen der Flüchtlinge.

So stellen beide Momente des Romans letztlich doch einen einzigen Vorgang dar. Das "Herausgehen" aus sich und / oder aus den Umständen, um ein besseres Leben, einen eigenen Weg, eine innere und äußere Heimat zu finden, die diesen Namen mehr verdient als das bisherige Leben angeboten hat. Wobei sich dies in Teilen doch manchmal etwas zäh liest und die ein oder andere Länge und Ungereimtheit (das Plündern und Zurücklassen der alten Frau wäre so nicht nötig gewesen z.B), wie zudem Wieringa hier und da im Stil doch fast zu distanziert und nüchtern verbleibt, gerade bei den "harten Momenten" der Flucht auf allen Seiten.
Fazit
Insgesamt aber ein eindringliches Werk, dass die Suche nach sich selbst, einem guten Leben mitsamt (immer) notwendiger innerer Entwicklung und (manchmal) notwendiger äußerer Flucht bildreich aufnimmt und mit großer Klarheit schildert.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 26. September 2016

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