Lori Ostlund: Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-28077-8

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Es trifft sicherlich zu, dass das Leben ein merk-würdiger Ort ist, in so gut wie jedem Sinne des Ausdrucks. Vor allem aber trifft zu, dass Aaron Eklund ein merkwürdiges Leben, vor allem in jungen Jahren; erlebt hat. Und dass er auch in der Gegenwart des Romans weit entfernt davon ist, ein "normales" Leben zu leben (was aber doch lange Jahre, Jahrzehnte gelebt wurde, in der Zeit; bevor der Roman beginnt). Zum einen handelt er nicht "normal", sondern eher merkwürdig, zum anderen geschehen ihm nicht alltägliche, "merkwürdige" Erlebnisse auf seiner Odyssee zu sich selbst, auf der Suche nach dem, was damals wirklich passiert ist. Als sein Vater plötzlich starb. Als die Mutter quasi über Nacht sich davonmachte, auch aus seinem damals jungen Leben.

Und auch jetzt, man nehme nur die Szene in diesem kleinen Motel mit den lauten Schreien aus einem der Nebenzimmer, alltäglich, normal ist das nicht, was ihm begegnet. Bis zum Schluss nicht, als er George kennenlernt, der bei der U-Bahn arbeitet und mit dem Aaron nicht klar sein wird, wohin die Reise gehen könnte. Oder ob es eine Reise gäbe. Wie so oft in seinem Leben, in dem wenig gesteuert, geplant wirkt, sondern vielfach Wendungen eintraten, auf die Aaron mit einer seltsamen Mischung aus Fatalismus und Interesse einfach nur reagiert hat.

Wie bei diesem Angeln, bei dem ihm Walter begegnete und mit diesem eine langjährige Beziehung als "Ehepaar" folgte. Die sich zu Beginn des Romans ebenso merkwürdig emotionslos von beiden Seiten her gerade auflöst, wie Aaron an sich all den Dingen des Lebens und auch sich selbst eher lakonisch begegnet.

""Ich habe dich gerettet, Aaron", sagte er schließlich".
"Ja, das hast du. Danke".

Seltsame letzte Worte einer langen Beziehung, seltsam obwohl Aaron ja immer ein Außenseiter war, einer, der anders war, lebte, anderes erlebt hatte, als es dem Durchschnitt entspricht. Ein Anderssein mit Folgen und Ursachen, denen Ostlund mit ihrem sehr vielfältigen, breiten Sprachschatz nachgeht. Bei dem sie tief in die Seele ihres Protagonisten blicken lässt und das weniger durch endlose Reflexionen im Sinne von Monologen, sondern viel mehr in der genauen Zeichnung dessen, wie dieser Aaron handelt und reagiert. Was einen großen Reiz zum Weiterlesen ausübt, was diese Fremdheit, dieses "anders sein" mit Spannung versieht und den Leser motiviert, mit zu ergründen, was zu Zeiten wirklich geschehen ist und ob Aaron jemals bei sich selbst ankommen wird.

"beim Wort "gerettet" zitterte seine Stimme. Es war fast, als hätte er sein ganzes Leben lang darauf gewartet, diesen Jungen retten zu können".

Wunderbar versteht sich Ostlund dabei darauf, auch mit ihrer Erzählweise zugleich emotionale Distanz zu vermitteln, als auch dennoch dem Leser (eher wie durch ein Schaufenster denn als direktes Erleben) die emotionalen Sehnsüchte und Tiefen Aarons zu vermitteln. Schwul, dramatische Kindheit und Jugend, immer mit dieser Distanz zum Leben, zu anderen, zum Geschehen versehen, die sich wohl aufbaut, wenn man so "anders" fühlt und schon durch die sexuelle Orientierung sich als "anders" vor die Augen der anderen stellt.

"Merkst du gar nicht, wie sehr er dich liebt"?
"Nein".

Ein Roman einer Reise zu äußeren Stationen mit außergewöhnlichen "Outsider-Erlebnissen" und doch vor allem eine innere Reise zu sich selbst und der eigenen Prägung, die sprachlich hervorragend umgesetzt bis zur letzten Seite fesselt. Und die, bei allem "anders sein" des Protagonisten, eines für jeden Leser (noch einmal) in aller Deutlichkeit in sich trägt:

"Er hatte keine Ahnung, was passieren würde. Aber so war das Leben" In dem es oft anders kommt, als man denkt. Was in diesem Roman bei diesem Aaron auf die Spitze getrieben dem Leser vor Augen gestellt wird. Und damit die Risiken des Lebens beleuchtet, aber eben auch verdeutlicht, dass die Lebenswege ergebnisoffen sind und das Leben ganz handfest gelebt werden will und gelebt werden kann.
Fazit
Ein anregende, interessante, im Ton ungewöhnliche und existenzialistisch treffende Lektüre.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 21. September 2016

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