Helmut Kohl: Erinnerungen 1930-1982

Erinnerungen 1930-1982

Verlag: Droemer Knaur [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-426-27218-3

Preis: 28,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Mit leichter Skepsis habe ich den ersten Band der Erinnerungen Helmut Kohls, dem ich persönlich eher kritisch gegenüberstand, gelesen. In nicht angenehmer Erinnerung war mir sein 2000 veröffentlichtes "Tagebuch" geblieben, welches vor Larmoyanz und Selbstgerechtigkeit triefte - so meine - zugegebermaßen harsche - Sicht. Erstaunt muss ich feststellen, dass die Erinnerungen Kohls, zumindest was diesen ersten Band angeht, wesentlich interessanter sind. Nach wie vor fehlt Kohl jegliche Distanz zu sich selber - er unterteilt nach wie vor die Welt dualistisch in Freunde und Gegner, Zwischenpositionen gibt es auch hier kaum. Man lese die kritischen Einlassungen gegenüber Biedenkopf, Strauss oder Johannes Rau nach.
Dennoch sind diese Erinnerungen - Helmut Kohl sprach davon, keine "Memoiren der Rache" zu schreiben - insgesamt doch erstaunlich abgeklärt und fast "altersmilde". Packend die Schilderung seiner Jugend, seines Aufstieges in Rheinland-Pfalz, wo sich der junge CDU-Landesvorsitzende gegen Ministerpräsident Altmeir durchsetzte, die Schilderung seines Kampfes um die CDU-Führung gegen Barzel, den er - im Gegensatz zu früheren Einschätzungen eher milde beurteilt, die Beschreibung seiner Zeit als Ministerpräsident (hier geht er ausführlich auf Aspekte des Amtes ein, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind etwa das Begnadigungsrecht, für das sich Kohl interessierte und einen regen Austausch mit dem ihm menschlich verbundenen sozialdemokratischen Bundespräsidenten Heinemann führte), als Oppositionsführer bis 1982. Diese letzte Zeit ist spannend geschrieben worden. Auch Fehler gibt Kohl zu - etwa den, die Sicherheitskonferenz in Helsinki abgelehnt zu haben oder die Anliegen Herbert Gruhls, des aus der Union stammenden späteren Gründers der "Grünen" zu seiner Zeit nicht ernst genommen zu haben.

Überhaupt fällt die sehr personale Sicht seiner Erinnerungen auf. Die Beziehungen zu Personen, schnell in ein Raster - Freunde oder Gegner eingeteilt - sind Helmut Kohl am wichtigsten. So hat er ja auch später als Regierungschef fungiert.

Interessant auch bestimmte Neuigkeiten: wer wußte etwa, dass der Nachfolger des verstorbenen Franz-Josef Strauß als bayerischer Ministerpräsident in Bayern, Streibl, zur CDU wechseln wollte, falls nach Kreuth 1976 die CSU als bundesweite vierte Partei gegen die Union angetreten wäre. Oder, dass Axel Springer im Auftrage von Strauß Kohl 1979 auf das Amt des Bundespräsidenten wegloben wollte, um den Rivalen in Sachen Kanzlerkandidat loszuwerden.

Sehr bewegend geschildert ist die Zeit des Terrorismus, insbesondere seine Beziehung zu Schleyer. In bewegenden Worten schildert Kohl hier den unglaublichen Gewissenskonflikt, den er als persönlicher Freund von Schleyer hatte, als er erkannte, aus Staatsraison dessen Leben opfern zu müssen. Rezensenten haben Kohl an dieser Stelle eine gewisse Gefühlskälte vorgeworfen. Dies kann ich nicht teilen. Dieses Kapitel ist für mich das bewegendste des ganzen Buches.

Fazit: es handelt sich um lesenswerte Erinnerungen. Kohl schildert sich hier so, wie er gesehen werden möchte und legt subjektiv seine Sicht der Dinge dar. Das Buch ist dennoch ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, etwa wenn Kohl seine Sicht des Zustandekommens des Nato-Doppelbeschlusses darlegt, der das zentrale Thema der Sicherheitspolitik im Fokus des Ost-West-Konfliktes zwischen 1977 und 1983 bildete. Sicherlich ist Kohl von seiner Politik überzeugt. Im Gegensatz zu seinem sehr emotionalen "Tagebuch", welches auf dem Höhepunkt der Spendenaffaire erschienen ist, findet sich hier jedoch keine Selbstbeweiräucherung oder Larmoyanz. Auch die Referenz an seine verstorbene Frau Hannelore, an der er sehr gehangen hat, ist bewegend.
Fazit
Ein durchaus fesselndes, wenn auch subjektives Werk der Zeitgeschichte, welches durchaus zu einem Standardwerk werden könnte.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 06. März 2004

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