Leonid Jusefowitsch: Im Namen des Zaren: Iwan Putilin ermittelt

Im Namen des Zaren: Iwan Putilin ermittelt

Verlag: Goldmann Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-442-45538-6

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Leonid Jusefowitsch ist ein Name, den man sich merken sollte, wenn man an historischen Kriminalromanen aus Russland interessiert ist. Nach den Fandorin-Romanen seines Kollegen Boris Akunin (die meines Erachtens leichter lesbar sind), ist der vorliegende Band der erste, in welchem der legendäre Chef der Sankt Petersburger Geheimpolizei, Iwan Akunin, ermittelt. Im April 1871 wird der österreichische Diplomat Fürst Ludwig von Arensberg in seinem Schlafzimmer ermordet. Der Mann, ein Frauenheld, Raufbold und leidenschaftlicher Kartenspieler, hat viele Feinde. Da ist zum einen der Staatsbeamte Strekalow, zu dessen Gattin der ermordete Diplomat ein Verhältnis hatte. Ist also Rache eines eifersüchtigen Ehemanns das Mordmotiv? Oder ist gar Graf Chotek, der österreichische Botschafter selber der Mörder, dem das forsche und selbstbewußte Auftreten des Fürsten ein Dorn im Auge war? Um eine diplomatische Krise zwischen Rußland und Österreich-Ungarn zu verhindern, muss der Mord schnellstmöglich aufgeklärt werden...
Der Roman selber ist eindeutig an Dostojewski geschult. Reminiszenzen findet man insbesondere an Teile der "Brüder Karamasow", an den auch die Lösung orientiert ist, die hier natürlich nicht verraten werden soll. Stark an Dostojewski erinnert auch die Methode, einen "allwissenden Erzähler" einzusetzen, der die Aufzeichnungen der Hauptperson editieren soll (so etwa in den "Dämonen" oder den "Aufzeichnungen aus einem toten Hause".) Hier ist es der Sankt Petersburger Schriftsteller Safronow, der die Memoiren Putilins nach dessen Tod 1893 editieren soll. Diese Technik erhöht die Spannung, da der Herausgeber einerseits einen Wissensvorsprung vor dem Leser hat, andererseits von der Hauptperson selber in die Irre geführt werden könnte. Die Figur des eingeschobenen Herausgebers dient also zwei Zielen: zum einen erklären sie, warum die "Memoiren" überhaupt veröffentlicht worden sind. Zum anderen sollen Gedanken der Hauptperson dem Leser vermittelt werden. Aber wenn diese Gedanken nicht stimmen, so werden falsche Spuren gelegt.... Es ist das klassische "Watson"-Motiv, welches wir aus den Sherlock-Holmes-Erzählungen kennen. Sie erhöhen in jedem Fall die Spannung, da der Leser bis zum Schluss nicht weiß, ob die vom Herausgeber offerierten Spuren auch echte oder "falsche" Spuren sind und dieser nicht selber Opfer einer Täuschung geworden ist.

Das vorliegende Buch besticht durch historische Authentizität und einer faszinierenden Darstellung der politischen Hintergründe zur damaligen Zeit. Leonid Jusefowitsch, 1947 in Moskau geboren, ist Historiker. Dies merkt man. Er schafft eine Atmosphäre, die es dem Leser ermöglicht, sich in die geschilderte Zeit, 1871, zurückzuversetzen.

Das Buch ist jedoch nicht leicht zu lesen, was mit der oben erwähnten Erzähltechnik zusammenhängt.

Was zu monieren ist, ist die schlechte Edition durch den Verlag. Manche russischen Namen werden erklärt, andere wiederum nicht (was bedéutet etwa Gossudar, womit der russische Zar bezeichnet wurde), noch gibt es - bei der verzwickten Handlung unbedingt nötig - ein Namensregister der beteiligten Hauptpersonen. Außerdem erscheint die Übersetzung von Alfred Frank ausgesprochen schlecht zu sein. Ein Beispiel dafür: so heißt es auf S. 48/49: "Das Erschreckende an der Ermordung von Arensbergs war für viele, dass die Mörder...die Existenz dieser Macht gänzlich vergessen zu haben schienen. Das zu glauben fiel schwer. So etwas kann es doch nicht geben, erst recht nicht in Russland. Nein, meinte Schuwalow, die Verbrecher haben nichts vergessen. Sie haben daran gedacht, und wie sie daran gedacht haben! Gerade deshalb haben sie den Mord begangen." Von welcher Macht hier die Rede ist - vorher wird vom "eisigen Hauch der Macht" gesprochen, bleibt völlig offen. Göttliche Vorsehung, Geheimpolizei?
Fazit
Diese Faktoren erschweren die Lesbarkeit sehr. Daher vergebe ich auch nicht die volle Punktzahl des ansonsten sehr spannenden und gut konstruierten historischen Kriminalromans.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 06. März 2004

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