Hans Pleschinski (Hg.): Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht

Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-406-69165-2

Preis: 22,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Ein tiefer Einblick in die Atmosphäre der Zeit

1933 starb Else Sohn-Rethel, 1928 schrieb sie ihre "Lebenserinnerungen" auf und nun erst, im Zuge von Recherchen für ein anderes Buch, hat Hans Pleschinski diese Erinnerungen entdeckt und nun kommentiert herausgegeben.

Erinnerungen, die den Leser nicht nur in eine konkrete Zeit (den Anfang des 20. Jahrhunderts) führen, sondern auch in eine konkrete kulturelle Schicht (jene der durchaus wohlhabenden Künstler in Deutschland) und eine konkrete Lebensweise (sorglos, interessiert, ästhetisch, künstlerisch interessiert).

Ein Einblick, der nicht nur ein "anschauliches Bild eines deutschen assimilierten Judentums" mit all seiner Kultur, seiner Kunst, seiner Unterstützung für die Kunst aufzeigt, sondern darüber hinaus ebenfalls einen bleibenden und sprachlich wunderbar formulierten Eindruck der Haltung der Künstler und Intellektuellen in jener "Umbruchzeit" vermittelt.

Das "Weltbürgertum", der Wert eines Menschen, "der etwas zu sagen hat", Verbindungen untereinander, all das schwingt in den Lebenserinnerungen von Else Sohn-Rethel mit.

"Else Sohn-Rethel schwirrte wachsam durch Leben und Welt".

Und traf als "freier Geist" auf viele "freie Geister". Auf bekannte Künstler ihrer Zeit, auf Freidenker und Schriftsteller, auf eine ganze Welt der Ästhetik und Kunst, die an den Klippen der Zeit letztendlich zerschellte.

Im Rückblick auf die vielen Begegnungen bereits im Hause der Eltern ist Soh-Rethel mühelos in der Lage, nicht nur die besondere Atmosphäre innerhalb und unterhalb der Künstler in den Blickpunkt zu rücken, sondern ebenso einen Einblick in die Arbeitsweise, das Umfeld, das Denken jener Kulturschaffenden zu vermitteln, das den Leser mitten hinein nimmt in jene tastende Suche nach "dem nächsten Werk" von, vor allem, Malern und Musikern.

"Früh am Morgen wurden wir von den Klängen des Brautchores aus dem Lohengrin geweckt, eine Kapelle war bestellt".

So beginnt der Morgen der eigenen Hochzeit, die Sohn-Rethel ebenso bildkräftig dann schildert, wie sie andererseits auch nüchtern und sachlich vom eigenen Hauskauf berichtet.

Alltäglichkeiten, die für den Leser vielfache Besonderheiten durch den "ganz normalen" Umgang mit Künstlern in einem gesicherten, wohlhabenden Umfeld zu erzählen wissen.

Ein Alltag auch, in dem zwar die Veränderungen der Zeit, Kriege, auch der zunehmend völkische Gedanke und der erstarkende Antisemitismus bekannt waren, aber doch weit weg erschienen und das großbürgerliche Leben wenig zu berühren schienen.

So tragen die Erinnerungen auch eine unschuldige, sorglose, auf "die schönen Seiten des Lebens" hin zugewandten Seite in sich, die im Nachgang berühren und diese Atmosphäre besonders nahe kommen lassen.
Fazit
Salons, besondere Feste, das liberale Denken dieser Gruppe von Menschen im Besonderen angesichts eines immer enger werdenden allgemeinen "Zeitgeistes", Hans Pleschinski hat hier in bester Weise einen besonderen, persönlichen Einblick in eine besondere Lebenssituation im Gang auf eine "Zeitenwende" selbst hin zu vorgelegt, die auch in ihrer sprachlichen Form flüssig und anregend zu lesen ist.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 09. Juni 2016

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