Kit de Waal: Mein Name ist Leon

Mein Name ist Leon

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-499-27230-1

Preis: 14,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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Nach der Geburt des kleinen Bruders Jake bleibt Leons Mutter eines Tages einfach im Bett liegen. Der Neunjährige betreut das Baby so gut er es schafft und immer öfter passt die Nachbarin Tina auf die Kinder auf. Bei Tina gelten Regeln, z.B. wird dort nicht vor dem Fernseher gegessen. Schon nach Leons Geburt wurde seiner alleinerziehenden Mutter Carol alles zu viel. Später wird man herausfinden, dass sie unter einer Persönlichkeitsstörung leidet und eine familiäre Vorbelastung für Depressionen hat. Leon ist das Kind einer unzuverlässigen Mutter und eines abwesenden Vaters. Mit dem Desinteresse von Jakes Vater an seinem Sohn erlebt Leon erneut die Ablehnung seines eigenen Vaters und flüchtet sich bald in eine Phantasiewelt von Action-Figuren. Schließlich findet das blonde Baby Adoptiveltern; ältere, dunkelhäutige Kinder gelten als nicht vermittelbar. Der Junge, dessen Vater aus der Karibik stammt, kommt zur Pflegemutter Maureen. Maureen hält nichts davon, Geschwister zu trennen, aber eine Pflegemutter wird von Behörden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die leibliche Mutter besucht Leon nicht, redet sich immer wieder heraus. Für die herzensgute Maureen ist es deshalb nicht leicht, sich Leons Mutter gegenüber loyal zu verhalten. Warum ein so pflegeleichtes Kind wie er so schlecht behandelt wird, ist für Leon unverständlich. Die Gedanken des Jungen fügen sich auf dem Titelbild zu einer gewaltigen schwarzen Wolke zusammen. Die Erwachsenen halten eine Fassade aufrecht, hinter geschlossenen Türen wird über Leon getuschelt. Den Text zwischen den Zeilen, die Heuchelei der Erwachsenen bekommt er dennoch mit. Einige der Satzfetzen geraten bei ihm jedoch in den falschen Hals - mit fatalen Folgen.

Als Maureen schwer erkrankt, sorgt kurzfristig ihre Schwester Sylvia für Leon, die in einem anderen Stadtviertel wohnt. Sylvia kann sich verblüffend gut in den Jungen einfühlen; beide Frauen sind mit den Problemen jedoch überfordert. Im neuen Stadtteil gibt es mehr Schwarze und Inder als Leon zuvor gesehen hat. Leon lernt Tufty kennen, einen älteren Schwarzen und dessen dunkelhäutige Freunde. In Tuftys Schrebergartenkolonie öffnet sich für Leon eine völlig neue Welt. Von Tufty lernt der Junge, sich mit Säen und Gießen zuverlässig um etwas Lebendes zu kümmern. Männliche Bezugspersonen fördern den Jungen, vermitteln ihm eine Ahnung von der Identität Farbiger. In der Gartenkolonie hört Leon zum ersten Mal den Begriff "Wir Schwarzen" (... müssen uns organisieren). Er wird mit den Erwachsenenangelegenheiten von Männern konfrontiert, die Probleme mit der Polizei haben, und erlebt bei Straßenkrawallen ein schockierendes Maß an Gewalt.

Als Leons Pflegemutter ausfällt, reißt das ohnehin schwache soziale Netz, auch wenn einzelne Bezugspersonen warmherzig und menschlich handeln. In der Kleingartenkolonie erlebt der Junge Verlässlichkeit und ungewohnte Zuwendung. Seine selbst gefundene Wahlfamilie ist tragischerweise nicht das, was sich Behörden als geeignet für ein Kind vorstellen. Die Unsicherheit, welchen Einfluss Tuftys Clique wohl auf den Jungen haben wird, überträgt sich bis auf den Leser des Romans. Immer noch auf der Suche nach seinem Bruder Jake, ersinnt Leon einen nicht ungefährlichen Plan. Voller Verständnis, dass Leon endlich selbst über sein Leben bestimmen will, ahnt man, dass Leons Eskapaden bei einem Pflegekind nicht geduldet werden, dessen Schicksal von Behörden bestimmt wird.
Fazit
Kit de Waal, die Schwägerin Edmund de Waals und selbst Tochter eines Vaters karibischer Herkunft, legt hier einen spannenden, überaus berührenden Roman vor über zwei Brüder, für die das soziale Netz zu schwach gewebt ist.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 29. Mai 2016

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