Joel Dicker: Die Geschichte der Baltimores

Die Geschichte der Baltimores

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-492-05764-6

Preis: 24,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Die Familie Goldmann teilt sich in zwei Clans auf: Die Baltimore-Goldmans und die Montclair-Goldmans. Die Montclairs sind eine Mittelstandsfamilie aus New Jersey, deren einziger Sohn Marcus ist. Ganz anders dagegen sind die Goldmans aus Baltimore. Markus' Onkel Saul ist erfolgreich und wohlhabend. Sein Sohn Hillel ein hochbegabtes Genie und sein Adoptivsohn Woody ein Sportass. Zusammen mit Marcus, der jede mögliche Minute bei seiner Tante und seinem Onkel verbringt, sind Hillel und Woody die Goldman-Gang. Freunde und Brüder fürs Leben. Das ändert sich auch nicht, als Alexandra in ihr Leben tritt. Alle drei Jungs schwärmen für die Tochter ihres Nachbarn Patrick Neville. Doch eines Tages bricht ihre heile Welt auseinander.

Vor fast drei Jahren landete Joel Dicker mit seinem Roman "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" einen phänomenalen Erfolg. Ein Roman, der mich inhaltlich und sprachlich außerordentlich bewegt hat, und der zu den besten Romanen zählt, die ich bisher überhaupt gelesen habe. Daher waren meine Erwartungen an das neue Werk von Joel Dicker so groß, dass ich fast gezögert habe, diesen Roman zu lesen. Kann der Autor überhaupt in die Nähe seines Debütromans kommen? Nach einigen sehr bewegenden Lesetagen und etwas Abstand kann ich sagen, dass Joel Dicker nicht nur an die Klasse seines Debüts heranreicht, sondern das Kunststück schafft, es noch zu übertreffen!

"Die Geschichte der Baltmores" ist ein so packendes, spannendes Familiendrama, das eine Sogwirkung erzielt, die ich bei der Lektüre eines Romans in dieser Form nur ganz selten erlebt habe. Erneut steht, wie bei Harry Quebert, der Autor Marcus Goldman als Ich-Erzähler im Mittelpunkt des Romans. Doch während Goldman im ersten Roman in einer Schaffenskrise steckte und seinen alten Professor besuchte, wird hier die bisherige Lebensgeschichte von Marcus Goldman erzählt. Daher ist es auch nicht zwingend erforderlich, dass man den ersten Roman kennt, doch das Lesevergnügen steigert es ungemein, zumal auch der erste Roman von Joel Dicker in jede heimische Bibliothek gehört.

Was der Autor hier abfeuert, ist ganz großes Kino der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur. Immer wieder dreht sich alles um ein Ereignis innerhalb der Familie, das Marcus Goldman als Katastrophe bezeichnet. Auch wenn der Leser eine Ahnung hat, um was es geht, schafft Joel Dicker das Kunststück, erst auf den wirklich allerletzten Seiten das komplette Geheimnis zu lüften. Dabei verwendet er Zutaten, die man aus anderen Familendramen kennt: Liebe, Eifersucht, Hass und Neid. Die Geschichte der Baltimores ist daher nicht wirklich neu, aber sie ist so spannend und authentisch, dass man als Leser einen fast schon unheimlichen Identifikationsfaktor bekommt.

Grund dafür sind, wie schon bei Harry Quebert, die Figuren. Ich-Erzähler Marcus Goldmann bringt seine innere Zerrissenheit zwischen seiner vermeintlich armen Familie und den reichen Verwandten sehr authentisch rüber. In wechselnden Rückblicken wird immer wieder eine andere Geschichte erzählt. Da ist Hillel, der als Kind aufs übelste drangsaliert wird, da ist Woody, der eine schicksalhafte Liebe erleben wird, da sind Onkel Saul und Tante Anita, deren scheinbar perfektes Leben komplett aus den Fugen gerät. Sie alle wurden von Joel Dicker mit so viel Authentizität ausgestattet, dass es eine wahre Freude ist, sie kennenzulernen und zu begleiten. Umso stärker bewegt den Leser das Schicksal, dass ihr geistiger Vater für sie erdacht hat.

Wie schon bei Harry Quebert waren die letzten 150 Seiten so, dass man das Buch nicht mehr auch nur für eine Sekunde aus der Hand legen möchte. Einerseits hofft man, dass das Ende bald erreicht ist, um endlich die ganze Geschichte zu kennen, andererseits nährt sich damit die Gewissheit, dass der Roman damit auch zu Ende ist und man die Baltimores verlassen muss. Als ich das Ende erreicht hatte, musste ich tief durchatmen und die ganze Geschichte einige Tage auf mich nachwirken lassen. Auch das ist für mich ein Indiz für die besondere Klasse dieses Romans.
Fazit
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, das Joel Dicker die Klasse seines Debütromans mühelos übertrifft. Für mich ist "Die Geschichte der Baltimores" definitiv eines dieser Lebensbücher, die einen längere Zeit begleiten werden. Da ich selbst Autor bin, ziehe ich meinen Hut vor dem, was Joel Dicker hier geleistet hat. Er erzählt eine Familiengeschichte, die auf allerhöchstem Niveau unterhält, bewegt und tief berührt. Ich habe mich lange nicht mehr so gut unterhalten. Und auch wenn es vielleicht noch weitere Bücher gibt, die in diesem Jahr die Höchstwertung erhalten, dieses Buch ist definitiv das Buch des Jahres 2016!
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Michael Krause [Profil]
veröffentlicht am 17. Mai 2016

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