Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt

Die Unterwerfung der Welt

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-406-68718-1

Preis: 58,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Überragend

Schon die Titelwahl für Reinhards epochale Nachzeichnung der europäischen Expansionsgeschichte trifft es auf den Punkt, spricht Bände und legt seine Prämisse offen vor die Augen des Lesers.

Die Expansion Europas war von Beginn (1415) und ist bis in die Gegenwart (2015) hinein eine, wenn auch oft diplomatisch verbrämte, intrensisch aggressive Entwicklung, die nicht auf Kooperation, sondern auf Unterwerfung der "Objekte der Begierde" an Nationen, Ländern, Ressourcen und vielem mehr hin ausgerichtet.

Über (mit Literatur und Quellenangaben) 1640 Seiten, eng bedruckt, bietet diese Neuauflage der ehemals vierbändigen Ausgabe aus den Jahren 1983 bis 1990 immer noch den wohl umfassendsten Eindruck auf diesen elementaren Teil der europäischen Geschichte.

Dabei erfährt der Text einiges an Erweiterungen zur damaligen Ausgabe und Reinhard rekurriert ebenso darauf, dass ein damals eher noch marginales Thema (der Flucht-Druck aus unhaltbaren Lebensumständen oder aus dem Zusammenbruch "funktionierender" System heraus geschehen), das die Welt umfassend in "Bewegung" gebracht hat, nunmehr vehement weltweit im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion anzutreffen ist.

Und immer noch gilt der Befund Reinhards: "Europa ist immer noch expansiv, obwohl seine weltgeschichtliche Führungsrolle längst der Vergangenheit angehört" (eine Rolle, die Reinhard breit, fundiert, in die Tiefe gehend und damit umfassend im Buch vom Beginn der Kolonisation an aufarbeitet).

Als Wirtschaftsmacht aber hat es sich eine führende Rolle in der Welt bewahrt. Mehr noch, die Wirtschaftsmacht des gegenwärtigen Europas fußt in nicht geringen Teilen auf der "Unterwerfung" der Vergangenheit und ist damit als solche bereits generell kritisch zu hinterfragen, auch auf der Blaupause der gegenwärtigen Haltung einer kooperativ scheinen wollenden Politik und eines Ausgleichs in der Welt.

Dennoch stimmt auch, was Reinhard feststellt, dass nicht mehr mit militärischen Mitteln (primär) Expansion betrieben wird (auch wenn militärische Mittel durch den gezielten Verkauf in bestimmte Regionen indirekt "mit eingreifen").
Das dabei dennoch auch "Säbelrasseln" in Kauf genommen wird (siehe der Konflikt mit Russland über die Expansion in die Ukraine hinein), zeigt aber ebenso wiederum auf, dass die "Lust am Ausweiten" ungebrochen vorhanden ist, gepaart, wie Reinhard aufweist, mit einer historisch verankerten Form der Überzeugung, damit im Recht und auf gutem Wege zu sein.

Ebenso aber ist Reinhard in der Lage, die inne liegende Notwendigkeit für diese "Grundhaltung" durch die Jahrhunderte hindurch und auch für die Gegenwart noch gültig nachzuzeichnen, denn Europa selbst ist ja durch Expansionsprozesse überhaupt erst entstanden und benötigt im Blick auf Ressourcen immer weiter und wiederum in der Gegenwart verschärft deutlich werden Kontakte, Verträge, Verflechtungen mit anderen Weltregionen, um seine Existenz (wirtschaftlich) zu sichern.

"Von Anfang an war Europa mit dem Begriff der eigenen Expansion identisch".

Wie es in diesem Konglomerat von Themen dann mit dem Stichwort der "Unterwerfung" aussieht, gerade in den Epochen, die Reinhard später untersucht, in denen eine "offene Aggression" nicht mehr "State of the Art" war, das ist ganz hervorragend und überzeugend im Buch zu lesen.

Denn es mag sein, dass immer noch gilt, was Reinhard für das Reich Karls des Großen konstatiert:
"Wie konnte unter diesen Bedingungen politisch ehrgeiziger Wille zur Macht Erfolg haben? Offensichtlich nur in Rivalität mit anderen, von gleichen Absichten geleiteten Zeitgenossen.

Das gilt für Karl den Großen ebenso, wie für Könige Frankreichs, für Napoleon Bonaparte ebenso wie für Hitler (mit seinem Thema des Lebensraums, das auch nicht originär aus dieser Zeit und von dieser Person stammt).

Und doch gilt für alle Zeiten und Epochen, die Reinhard betrachtet, letztendlich war es die Wirtschaft, das Geld, die Suche nach finanzieller Bereicherung, Absicherung und Ausweitung des "Geschäftes", die den zentralen Druck hinter die Stetigkeit der Expansion gesetzt haben und setzen. Was dieses Buch auch für die Gegenwart so reich an Anregungen für eine Diskussion der Werte Ausrichtung Europas und der "eigentlichen Mächte" macht.
Fazit
Trotz der Fülle, trotz des Ausmaßes dieses Buches (das wirklich nur am Tisch gelesen werden kann, in seiner verständlichen Sprache und der immensen Sachkenntnis eine notwendige Lektüre zum Verständnis nicht nur Europas.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 02. Mai 2016

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