Jonas Wettre: Once there were Polaraoids

Once there were Polaraoids

Verlag: edition Lammerhuber [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-86930-963-7

Preis: 19,04 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Analog statt Digital und das mit Recht

Haben in der Gegenwart, jener Zeit der Millionen Bilder auf digitalen Kameras und, noch mehr und zunehmend auf den Handys der Menschen und in den Clouds der Sicherungsspeicher, analoge Bilder, Polaroids, Fotos von "Sofortbildkameras" irgendeinen Nutzen? Braucht das jemand noch? Ja, auf jeden Fall. Sagt Stephen Herchen nicht nur im Vorwort dieses Bildbandes, sondern zeigt dieser Bildband von der ersten Fotografie her auf.

Dies, zumindest Menschen über 45 vertraute Bildatmosphäre, dieser besondere Reiz der analogen Farben, des leichten Bildrauschens, gebannt in Momentaufnahmen, die sofort Gedanken, Assoziationen wachrufen und den Leser auf die Spur einer Geschichte bringen. Die gar nicht tatsächlich faktisch geschehen sein muss, die Fantasiereise ans ich ist schon die ruhige Betrachtung der vielen Momentaufnahmen im Buch wert.

"Das ist etwas Magisches, ein "instant analog Foto" in der Hand zu halten".

Ein besonderer, dynamischer Charakter wohnt den Fotografien inne. Allein schon durch die Klarheit, dass es diese Aufnahme genau nur einmal gibt, sie nicht beliebig digital reproduzierbar ist, nicht von tausenden von Menschen zur gleichen Zeit (im Original wohlgemerkt) betrachtet werden kann.

Herchens Vergleich zwischen dem Erhalt einer Email und dem Erhalt eines handgeschriebenen Briefes trifft dabei den Unterschied bildhaft wunderbar. Dieses verwachsene Foto von Günter Grass, das Gesicht kaum zu erkennen, ist ein Paradebeispiel für diese Dynamik des Fotos selbst im Buch und der Dynamik in der Vorstellungskraft des Betrachters. Dass da einer "in Bewegung" ist, dennoch aber klar als Person erkennbar, trotz verwaschener Unschärfe des Bildes.

Oder die demgegenüber glasklar ausgelichtete und getroffene Person dieses älteren, amerikanischen Mannes vor der verfallenden Mauer. Wobei "glasklar" eben Klarheit und Schärfe nach den Möglichkeiten eines Polaroid bedeutet, Farbe leicht verwaschen wirkt, die Konturen des Gesichtes durch die niedere Auflösung der Bilddichte schattig noch klarer hervortreten. Portrait über Portrait legt sich so vor die Augen des Betrachters, teils auch in schwarz-weiß, wie jenes von Bryan Adams.

Und immer wieder ist es erstaunlich, am eigenen Betrachten zu erkennen, wie sich die Sehgewohnheiten verändert haben, wie unscharf selbst ausgelichtete Polaroids des Weges daherkommen und wie verbunden man sich umgehend damit fühlt. Wie genau der Blick wird, um Details zu erkennen, die bei der digitalen Fotografie ohne Mühe ins Auge springen und hier die ein oder andere Entdeckungsreise ins Foto hinein notwendig machen. Und, auch das besonders an diesem Bildband, das Weglassen zeigt Wirkung. Weiße Seiten, die gar nicht so selten (aber nicht durchgehend) den Blick konzentriert auf das dann "einzige" Bild der jeweiligen Doppelseite wirft.
Fazit
Ein gelungenes, intensives Erlebnis bietet diese Zeitreise, die Wehmut aufkommen lässt, aber auch das Besondere der analogen Polaroids unmittelbar erfahrbar gestaltet.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 11. April 2016

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