Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Was ich sonst noch verpasst habe

Verlag: Arche Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-7160-2742-4

Preis: 22,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Mitten aus dem Leben gegriffen

"Soweit ich mich zurückerinnern kann, habe ich immer einen sehr schlechten ersten Eindruck gemacht"

Eine frühe Mitteilung in der ersten der 30 Kurz- (und "Kürzest") Geschichten, die in diesem Band von der, lange Zeit ihres Lebens kaum real greifbaren, Schriftstellerin Lucia Berlin. Erst 2015 wurde das Geheimnis ihrer Identität gelüftet, 11 Jahre nach ihrem Tod. Frei weg fließen die Worte. Ob sie eben jenen ersten Eindruck schildert, den sie an der neuen Schule hinterlassen hat (und der ihr lange nachgehen wird dort), ob sie von einem "Mama, Mama" Wimmern eines Jockeys erzählt (und dabei die Kleidung des Sportlers und seinen filigranen Körperbau minutiös beschreibt), oder ob sie den Scheinwerfer auf die Härten der Kindheit lenkt, auf die einfach auch Grausamkeit des Mobbings untereinander, wenn man nicht ganz hineinpasst, den ersten Eindruck vergeigt hat. Oder auf den "religiösen Fanatismus", der ihre Ich-Erzählerin in einer der Geschichten ergriffen hat und doch nicht Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Ziel, wie sich am Ende herausstellen wird.

Für alle Geschichten im Buch gilt gleichermaßen, dass Berlin sprachlich wunderbar zu formulieren versteht, lebhafte, detaillierte innere Bilder beim Leser erweckt. Wobei das alltägliche Leben, die eigenen Erlebnisse letztlich niedergeschrieben werden, Leben und Schreiben sind eine "fortlaufende, sich wechselseitig entzündende Bewegung". Unbedingt nun aber den "tieferen Sinn" oder eine "höhere Moral" hinter den Geschichten zu suchen oder zu vermuten, das wird nicht immer gelingen. Eher sind es "Aha.Effekte" (wie bei der Schilderung des Spotts anderer Kinder), die im Leser eigene "Lebensbilder" wachrufen. In ihm, trotz der doch nun lange zurückliegenden Zeit der Verfassung der Geschichten, auch das eigene Leben immer wieder vor Augen führt.

Nicht "Worum es im Tieferen geht" ist dabei das Thema der Autorin, sondern "was passiert?" Hier, jetzt, um die Ecke, zufällig, wie auf den Lebensweg geworfen. Das Besondere in diesem Alltäglichen zu beschreiben, oft schroff, kaum zueinander passend in den Figuren, lenkt Berlin immer wieder den Blick auf die Abgründe des menschlichen Lebens, das Sein hinter den Fassaden. Das ist nicht immer leicht zu lesen, das hat nicht immer eine Spannung, die den Leser ergreift, aber durchgehend findet sich schon ein je besonderer Hauch in diesen Begegnungen und Abgründen des menschlichen Lebens, welche Berlin am eigenen Leben zuhauf selbst erfahren hat.
Fazit
Man braucht allerdings Geduld und eine vordergründige Freude an der Sprache und Formulierkunst der Autorin, um in den einzelnen Geschichten als Leser auf seine Kosten zu kommen.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 10. März 2016

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