Bernd Greiner: Kuba-Krise: 13 Tage im Oktober: Analysen, Dokumente, Zeitzeugen

Kuba-Krise: 13 Tage im Oktober: Analysen, Dokumente, Zeitzeugen

Verlag: Greno-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-89190-956-1

Preis: 31,49 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Bernd Greiners voluminöse Darstellung zur Kuba-Krise erschien bereits 1988 im Greno-Verlag in Nördlingen. Wie Andreas Etges in seiner Kennedy-Biographie aus dem Jahre 2003 bestätigt, handelt es sich hierbei immer noch um die umfassendste deutschsprachigte Darstellung zur Kuba-Krise. Auf 436 Seiten werden Ursachen, Verlauf und Auswirkungen der Krise aufgrund der damals bekannten Faktenlage geschildert. Greiner wertete dabei die als "Kennedy-Tapes" bekannt gewordenen Tonbänder aus, die die Beratungen des amerikanischen Krisenstabes, des sogenannten ExComm. auf Anweisung Präsident Kennedys ohne Wissen der Teilnehmer - vielleicht mit Ausnahme des Bruders Kennedys, Justizminister Robert Kennedys, aufzeichnete.
Es entsteht ein umfassendes Bild der Kuba-Krise, was die amerikanische Seite angeht. Zu jener Zeit waren allerdings die damaligen sowjetischen Quellen noch nicht offengelegt. Dies geschah erst in der Ära Jelzin, wo Teile der sowjetischen Archive freigegeben wurden. Allerdings hat Rolf Steininger zu recht erklärt, dass zahlreiche sowjetische Archive den Historikern immer noch nicht zugänglich geworden sind. Einen aktuellen Überblick über die sowjetischen Motive konnte damals daher noch nicht gegeben werden. Dennoch gelingt es Greiner zu Beginn seiner Darstellung (S. 20-22), die sowjetischen Motive der Raketenstationierung plausibel darzulegen.
Insbesondere werden einige Mythen der Kuba-Krise offengelegt. So ist heute erwiesen, dass es sich bei der sowjetischen Behauptung, die Waffen seien defensiv, nicht - wie lange angenommen - um eine Schutzbehauptung handelte, sondern die sowjetische und kubanische Sicht aufgrund der amerikanisch gesteuerten Intervention in der sogenannten "Schweinebucht" im April 1961 und aufgrund geplanter Übungen mit dem Ziel, den fiktiven Diktator "Ortsac" (Castro rückwärts gelesen) zu entmachten, durchaus der Realität entsprach und nachvollziehbar war. Insbesondere zeigen die Tonbandaufnahmen eindeutig, dass - wie Greiner zu recht anmerkt - von rationalem Krisenmanagement nicht gesprochen werden konnte. Dies ist heute - Stefan Brauburger veröffentlichte eine Serie von damals noch nicht bekannten Pannen - noch plausibler wie zu Greiners Zeiten.
Die entscheidenden Sitzungen des ExComm, des amerikanischen Krisenstabes, werden im Anhang mit zahlreichen weiteren Quellen belegt. So wird deutlich, dass Kennedy zwar alles tat - und dies letztlich erfolgreich - um eine militärische Aktion zu verhindern. Hierbei überging er sogar den Krisenstab und schickte seinen Bruder Robert mit dem Wissen nur weniger Teilnehmer dieses Gremiums zu dem Sowjet-Botschafter Dobrynin, um mit ihm über die schließlich gefundene Lösung: Rückzug der Raketen gegen Nichtangriffsgarantie und späteren Abbau der veralteten amerikanischen Jupiter-Raketen in der Türkei [dieser Deal durfte auf Verlangen der Amerikaner nicht öffentlich gemacht werden und wurde erst Ende der 1980-ger Jahre bekannt]zu verhandeln. Insofern trug Kennedy entscheidend zur friedlichen Lösung der Kuba-Krise und der Vermeidung des Atomkrieges bei. Dennoch zeigen die Sitzungen des ExComm die Orientierungslosigkeit des ExComm, weil diplomatische Verhandlungslösungen aus Angst der Kennedy-Administration, schwach zu erscheinen, von vornherein ausgeschlossen wurden. "Mit politischen Mitteln wäre ein Abzug der Raketen nicht zu erreichen, also müßte Gewalt angewendet werden. So lautete die vom Präsidenten und seinem "inneren Kreis" eingebrachte Prämisse." Insofern ist die Kritik am Modell des "rationalen Krisenmanagements", auch "rational actor" oder "rational decision-making" genannt, plausibel. Dennoch bleibt es Kennedys Verdienst, dem Verlangen des Krisenstabes nach Luftangriffen oder Invasion der Insel widerstanden zu haben. Dies hätte aus heutiger Sicht zum Atomkrieg und der Vernichtung der Menschheit geführt.
Und genau hier kommt meine Kritik an Greiners Werk. Dieses Verdienst Kennedys würdigt er nur andeutungsweise. Letztlich ist Chruschtschows Entscheidung, die Raketen heimlich nach Kuba zu liefern, die Ursache der aktuellen Krise gewesen. Es war abenteuerlich von Chruschtschow, anzunehmen, die USA würden sich diese Aktion in ihrem "Hinterhof" gefallen lassen. Zwar übt Greiner auch Kritik an der Entscheidung Chruschtschows (S. 21-22), aber insgesamt fällt diese sehr milde aus. Die "Bösen" sind - bei dem Marxisten Greiner nicht verwunderlich - die USA. Und diese anti-amerikanische Tendenz, die sich in allen Veröffentlichungten Greiners findet (so auch in seiner ein Jahr zuvor erschienenen Publikation: "Politik am Rande des Abgrunds? Die Außen- und Militärpolitik der USA im Kalten Krieg") stört. So ist dieses Werk zwar informativ und insgesamt - wie oben erwähnt - die bis heute ausführlichste deutschsprachige Darstellung der Kuba-Krise, aber ungemein tendenziös. Insofern sind die Darstellungen Brauburgers oder Timmermanns ausgewogener.
Fazit
Aus diesem Grund vergebe ich trotz einer imponierenden wissenschaftlichen Leistung, die nicht bestritten werden soll, nicht die volle Punktzahl.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne
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9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 23. Februar 2004

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