Richard Ned Lebow, Janice Gross Stein: We all lost the cold war

We all lost the cold war

Verlag: Princeton University Press [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-0-691-01941-3

Preis: 59,79 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Ich habe einige negative Rezensionen zu diesem Buch mit Erstaunen gelesen und kann sie absolut nicht teilen. Für mich gehört die Studie der beiden amerikanischen Politologen und Historiker Richard Ned Lebow und Janice Gross Stein zu den besten, was politikwissenschaftliche Forschung zu bieten hat. Die zentrale These des Buches ist, dass die Politik des Kalten Krieges, die auf Abschreckung und Furcht beruhte, keinen Sieger hatte. Sie setzt sich damit in völligen Gegensatz zu der selbstgefälligen Annahme des amerikanischen Präsidenten George W. Bush sr., der 1992 konstatierte, die USA hätten den Kalten Krieg gewonnen. Die Autoren beweisen, dass die Strategie der Abschreckung mehr Krisen erzeugt und zur Eskalation der Krisen beigetragen haben. Dies wird an der Kuba-Krise von 1962 (es ist in der Tat das beste Kapitel zur Kuba-Krise, welches ich kenne) und der Nahost-Krise von 1973 dokumentiert. In einem Schlusskapitel werden Vergleiche und Lehren aus beiden Krisen gezogen. Zentrale These: "The cold war had no winners, only loosers." Die Sowjetunion verlor ihre Weltmachtrolle, doch auch die USA "paid a heavy economic, diplomatic, and moral price" für den Kalten Krieg. Wie Bernd Stöver in seinem Buch "Der kalte Krieg" zu recht konstatiert hat, war es insbesondere Gorbatschow, dessen Politik zur Beendigung des Kalten Krieges beitrug. Die Sowjetunion stand in den achtziger Jahren innen- wie außenpolitisch vor enormen Herausforderungen. Gleichzeitig schien mit der Politik der Abschreckung und Aufrüstung keine tragfähige Lösung mehr möglich. Die von Gorbatschow, dessen Einsetzung als Kremlchef 1985 der amerikanische Politikwissenschaftler Myron Rush vollkommen korrekt bereits als "Unfall des sowjetischen Systems" bezeichnet hat, betriebene Politik, die ihn aus eigener Einsicht zu der Erkenntnis führte, die notwendigen wirtschaftlichen Reformen seien nur durch einen Ausgleich mit dem Westen und den USA zu erreichen, war ein Glücksfall für die Welt. Folgt man dieser Auffassung, die Bernd Stöver begründet, so war der Kalte Krieg kein Sieg des Westens, sondern in erster Linie ein historischer Zufall. Man muss sich ja nur vorstellen, was geschehen wäre, wenn in Moskau 1985 nicht Gorbatschow, sondern seine Rivalen Grischin oder Romanow Kremlchef geworden wären - keine abwegige Annahme. Der Lauf der Welt wäre ein anderer gewesen. Soweit, so gut. Natürlich ist in den USA diese These bestritten, v.a., dass die Auseinandersetzung während des Kalten Krieges vor allem ein Weltanschauungskrieg, ein Krieg der Ideen gewesen ist, der durch Stereotypen und die gegenseitige Wahrnehmung geprägt worden ist. Darauf hat gerade Richard Ned Lebow in seiner bahnbrechenden Untersuchung: "Between peace and war" aus dem Jahre 1981, also auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges (die Studie erschien nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan auf dem Höhepunkt der Polen-Krise und im Jahr des Amtsantritts von Ronald Reagan, der die Politik der Eindämmung gegenüber der bisherigen Politik der Entspannung, die seit der Kuba-Krise betrieben worden war, favorisierte) und noch deutlicher in dem mit Janice Gross Stein 1989 erschienenen Reader: "Psychology and deterrence", der zusammen mit Robert Jervis herausgegeben worden ist, hingewiesen. Seine Methodik ist auch hier diejenige, anhand ausgewählter Krisen vergleichende Schlüsse zu einem Management von Krisen zu bekommen. Es ist klar, dass "revisionistischen" US-Historikern seine Schlussfolgerungen, der Beitrag der Politik der Abschreckung habe den kalten Krieg lediglich verlängert und das Ende des Kalten Krieges sei - wie Stöver auch bilanziert - auf die veränderte sowjetische Politik seit Gorbatschow zurückzuführen, die den Teufelskreis der gegenseitigen Sicherheitsdilemmata auflöste, nicht gefällt, daher wundern mich die negativen Rezensionen nicht. Aber sie werden der Leistung dieses Buches nicht gerecht. Die zahlreichen Interviews und Quellenbelege zeigen: es handelt sich um eine immense Quellenarbeit, die in der Tat belegt, dass alle Beteiligten durch die Politik des Kalten Krieges zu den Verlierern zählten und die USA keinesfalls den Kalten Krieg gewonnen haben.
Fazit
Diese Publikation ist meines Erachtens die wichtigste Darstellung zur Kuba-Krise, der Nahost-Krise und den Gründen des Endes des Kalten Krieges überhaupt. Sie sollte dringend ins Deutsche übersetzt werden.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Between peace and War: The Nature of International Crisis von Richard Ned Lebow

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 23. Februar 2004

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