Otto Eicke: Die Verschwörung der Schatten

Die Verschwörung der Schatten

Verlag: Karl-May-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-7802-0127-0

Preis: 19,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 06. Dezember 2016]
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Karl May hat sich - nachdem er mit Abenteuerromanen wie "Durch die Wüste" im Orient und dem berühmten "Winnetou" im "Wilden Westen" spielend, berühmt geworden war, nach Aufdeckung seiner früheren Straftaten (er saß unter anderem wegen Uhrendiebstahls im Gefängnis) der sogenannten "Symbolik" zugewandt. Sein Alterswerk - der Fantasyroman "Ardistan und Dschinnistan" aber auch schon der Schlussteil des "Silberlöwen" (Band 26-29 der "Gesammelten Werke, hier Band 28 und 29) sind autobiographische Werke, symbolisch verkleidet. Die Schurken im Roman sind seine menschlichen Gegenspieler der Prozesse nach 1900. Um von der Erinnerung an seine Vergangenheit "loszukommen" und nicht erneut als "Lügner" dazustehen (er hatte in den 1890-ger Jahren behauptet, seine Helden Old Shatterhand bzw. Kara Ben Nemsi sei er tatsächlich selber gewesen), reagierte er nach Enthüllungen über seine Vergangenheit sehr radikal: er trennte sich von seiner ersten Frau Emma, heiratete erneut mit Klara Plöhn eine Frau, die ihn in der Wendung seines Schaffens zur Symbolik unterstützte.

Nun hat diese Wendung zur Symbolik viele May-Fans verstört. Sie wollten, dass Karl May in seiner früheren Form "weiterschrieb", sie wollten "lebendige", "lebensechte" Schurken wie Santer oder To Kei Chun erleben und keinen an Dostojewskis Großinquisitor angelehnten Ahriman Mirza, den luziferischen Gegenspieler Karl Mays aus den letzten beiden Bänden des "Silberlöwen".

Im Karl May Verlag gab es viele Mitarbeiter, etwa Franz Kandolf, der Band 50 "In Mekka" verfasste und zahlreiche Werke Karl Mays bearbeitete, die der Auffassung waren, Karl May wäre wohl besser bei seiner früheren Schreibweise geblieben. "In Mekka" ist daher auch vollkommen im Stile der früheren Abenteuerromane verfasst (als Fortsetzung zum ersten Band des Alterswerkes: "Am Jenseits", welches die Trendwende zur Symbolik einleitete).

"In Mekka" ist ganz im Stile der früheren Reiseerzählungen Karl Mays geschrieben. So wurde der unvollendete Roman "Am Jenseits" doch noch vollendet - aber eben nicht im Sinne und nach den Erwartungen des späten Karl May, wie auch vielfach kritisiert worden ist.

Ganz ähnlich ist es mit den "Sillan", den "Schatten", einer Verbrecherbande, die Karl May in Band 27: "Bei den Trümmern von Babylon" in den Mittelpunkt einer sehr spannenden Handlung stellte. Die unvermittelte Wendung zur Symbolik durchkreuzte allerdings die ursprünglichen Pläne zur Fortsetzung des Werkes. Der "Bruch im Bau", wie es Otto Eicke in einem Karl May Jahrbuch 1930 genannt hat, zog sich mitten durch die letzten beiden Bände des "Silbernen Löwen", Band 28: "Im Reiche des Silbernen Löwen" und Band 29: "Das versteinerte Gebet."

Während das erste Kapitel von Band 28 noch in Basra im Stile der alten Reiseerzählungen geschrieben ist, beginnt mit dem Teil: "Am Tode", dem 2. Kapitel die Hinwendung zur Symbolik. Otto Eicke und später Dr. Heinz Grill wollten sich mit dieser Wendung der Ereignisse nicht abfinden: bereits um 1948 legte Dr. Grill den Band: "Die Schatten des Schah-in-Schah" vor, der mittlerweile leider vergriffen und nur als E-Book erhältlich ist. Jetzt wurde der bereits in den 1930-ger Jahren entstandene Roman: "Die Verschwörung der Schatten" von Eicke, der zahlreiche Werke Karl Mays bearbeitet hat, ebenfalls publiziert.

"Eickes Ansatz in "Die Verschwörung der Schatten" war dem Kandolfs in Band 50 ähnlich: keine theologischen, symbolischen und metaphorischen Momente, sondern handfestes Abenteuer, " schreibt Christoph F. Lorenz, ein führender Literaturwissenschaftler der Karl-May-Gesellschaft im Nachwort des jetzt erschienenen Bandes von Eicke. "Während Kandolf die Handlung um den Münedschi und seinen Quälgeist, den Ghani [Am Jenseits, Bd. 25, B.N.], so weiterführte, dass der blinde Mann als ehemaliger russischer Offizier und Günstling des Schah-in-Schah "enttarnt" wurde und die Verbrechen des "Mekkaners" gesühnt wurden, stellte Eicke die "Sillan" nicht als geisterhafte Phänomene des Bösen, sondern als reale Verbrecher dar. Wo Eicke einerseits, anders als Heinz Grill, den geografischen, ethnologischen und linguistischen Momenten der Handlung weniger Beachtung schenkte und auch das Politische eher vernachlässigte, so zeichnet sich Die Verschwörung der Schatten andererseits durch Spannung, plastisch gezeichnete Charaktere und manche neue Einfälle aus, etwa die "Hüter des Lichts", die Eicke in die Romangeschehnisse einführte."

So weit Christoph F. Lorenz im Nachwort. Der Roman Eickes war jedoch im Karl-May-Verlag zu recht umstritten, Mitarbeiter hatten wohl nicht unerhebliche Kritik am Manuskript von Otto Eicke geäußert.

Das Buch hat durchaus Schwächen. Anders als bei Bearbeitungen - etwa Grills oder Kandolfs - merkt man als Leser doch, dass hier Karl May imitiert wird und letztlich fehlt das "Karl-May-Feeling" seiner früheren Abenteuerromane. Ernst Bloch hat - m.E. durchaus zu recht - Karl May einen der besten deutschen Erzähler genannt; ich finde dies auch. Die Verschwörung der Schatten ist stellenweise durchaus interessant und packend geschrieben; dies gilt meiner Meinung nach aber vor allem für die erste Hälfte. Im zweiten Teil - nicht umsonst hat hier der Karl May Verlag einen von einem Dritten - Kurt Rietsch - verfassten Einschub von ca. 20 Seiten mit eingebaut - gleitet der an sich spannende Roman ins Triviale im Stile von Karl Mays früheren Kolportageromanen ab. Auch Otto Eicke galt als Kolportageschriftsteller. Das Ende selber kommt zu abrupt, d.h. die Proportionen scheinen mir nicht recht stimmig zu sein. Einer Liebesgeschichte von Nebenfiguren - für die Haupthandlung entbehrenswert - wird gegen Ende (Kapitel: "Im Haus Ghulams" und "Eine geheime Zusammenkunft") zu viel Raum eingeräumt, das Ende ist zwar spannend aber es kommt doch zu plötzlich. Als "Deus ex machina" tauchen plötzlich persische Regierungstruppen auf, die den "Bund der Sillan" an seinem geheimen Versammlungsort vernichten. Eickes Kara Ben Nemsi wirkt hier bei weintem nicht so omnipotent und damit fehlerlos wie der "Held" in Karl May, was ihn allerdings dadurch menschlicher und sympathischer macht. Einen Bären beispielsweise darf der allen May-Lesern bekannte Begleiter Kara Ben Nemsis, Hadschi Halef Omar, erlegen und seinem "Sihdi" damit das Leben retten. Die Figur Halefs ist mit seinen prahlerischen, aber letztlich liebenswerten Übertreibungen recht gut gelungen und ähnelt dem Orignal Mays sehr. Seine Wandlung zur "Anima", einem Symbol für die fehlerhaften Triebe im Menschen, zu dem der späte Karl May und Klara May Halef machen wollten, hatte mich nie so recht überzeugen können. Der lebensecht gezeichnete Hadschi Halef Omar der sechs Orientbände war mir immer bedeutend lieber gewesen.

Trotzdem bleibt interessant, zu sehen, wie die spannende, im Stile der früheren Orientbände gehaltene, Abenteuer- und Verbrechergeschichte wohl hätte ausgehen können, wenn Karl May seine frühere Schreibweise beibehalten hätte. Ein "Opfer" der späten Mayschen Hinwendung zur Symbolik, der spleenige Engländer Sir David Lindsay, der in Band 28 kurzzeitig wieder eingeführt wird, nur um dann von seinen Verwandten auf ein Schiff entführt zu werden und für immer zu verschwinden, weil er in Mays neuem Weltbild und seiner gewandelten Vorstellung vom Ende des Romans keinen Platz mehr hatte, kommt hier zur Geltung.

Keine Frage auch, dass Grills Band meines Erachtens der literarisch bessere ist; nicht umsonst wurde er vor Eicke vom Karl May Verlag publiziert. Grill selber soll Eickes Manuskript gekannt und von ihm zu seinem Roman angeregt worden sein, weil er Eickes "Fortsetzung" nicht mochte.

Dies zeigt aber, wie Karl Mays Werk Epigonen - Jörg Kastner, der bekannte Autor historischer Romane hat jüngst einen - ebenfalls im Karl-May-Verlag publizierten - Roman: "Hadschi Halef Omar" verfasst, in welchem es um die erste Begegnung von Kara Ben Nemsi und seinem späteren Diener und Freund geht, Epigonen angeregt hat. Außerdem zeigt Eicke, wie Mays "Schattenroman" hätte enden können, "wenn sie geschwiegen hätten" (so ein Aufsatz Eickes über Karl May aus dem Jahre 1928 ), wenn also Mays Gegner nicht auf den Plan getreten wären und mit dazu beigetragen hätten (nicht nur, wie Eicke irrtümlich meinte und wie es Walther Ilmer in seinem Aufsatz: "Mißglückte Reise nach Persien: Gedanken zum "großen Umbruch im Werk Karl Mays" (in: Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer (Hg). Karl Mays "Im Reiche des silbernen Löwen" Paderborn: Igel-Verl., 1993, S. 118-151 richtig gestellt hat), dass sich Karl May von seiner früheren Schreibweise abwendete und der Symbolik zuwendete, somit aber Wege ging, der er wohl ursprünglich nicht geplant hatte. Wie die ursprüngliche Planung möglicherweise ausgesehen hätte - dies zeigen die "Epigonen" von Mays Werken: Franz Kandolf mit "In Mekka", Heinz Grill mit "Die Schatten des Schah-in-Schah" und jetzt Otto Eicke mit "Die Verschwörung der Schatten".
Fazit
Auch wenn letzteres meines Erachtens nur teilweise gelungen ist, so ist es doch interessant zu sehen, wie Karl Mays Abenteuerroman um die "Sillan" hätte enden können - wäre er bei seiner abenteuerlichen Schreibweise im Stile seiner früheren "Reiseerzählungen" geblieben.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. September 2015

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