Otfried Höffe: Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden  (Klassiker auslegen; Bd. 1)

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden (Klassiker auslegen; Bd. 1)

Verlag: Akademie-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-05-002693-1

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Die Hessisch/Niedersächsische Allgemeine Zeitung hat anläßlich des 200. Todestages von Immanuel Kant im Februar 2004 völlig zu recht bemerkt: "Was ihn [Kant] heute so attraktiv macht, sind eher die Ideen, die er in der Schrift: "Zum ewigen Frieden" formulierte. Da geht es um die Perspektive eines aufgeklärten Weltbürgertums, dessen moralische Prinzipien in gültiges Recht gekossen werden." Gerade in der Debatte um den Irak-Krieg wurde diese - bis heute - wichtigste Schrift Kants immer wieder zitiert. Robert Kagan hat in seinem Buch: ""Macht und Ohnmacht: Amerika und Europa in der neuen Weltordnung" Europa vorgeworfen, dass die Europäer, die das Völkerrecht als bindend ansehen, sich auf Kants Schrift beriefen, während für die Amerikaner Hobbes bindend sei. Die Hessisch/Niedersächsische Allgemeine bilanziert: "Alle, die ein universales Rechtssystem anstreben, finden bei Kant ihre Legitimation. Der Kern dessen, was wir heute die europäischen Werte nennen" findet sich in seiner Schrift: "Zum ewigen Frieden." Oliver Eberl hat in seinem - hervorragenden Aufsatz: "Realismus des Rechts: Kants Beitrag zum internationalen Frieden" in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" Heft Februar 2004 zu recht darauf verwiesen, dass Kant durch und durch Realist gewesen ist und man daher von einem "Realismus des Rechts" sprechen könne. Dagegen entpuppe sich der Realismus Robert Kagans und anderer zunehmend als ein naiver "Idealismus der Macht". Gerade Kant ist in seiner Schrift über Saint-Pierres idealistischen Friedensentwurf hinweggegangen und hat jenen Entwurf nicht nur kritisch gelesen, sondern verarbeitet und reflektiert. Eberl zeigt am Beispiel des Irak-Krieges die Wichtigkeit und den Realismus von Kants Werk auf. Die Schrift "Zum ewigen Frieden" entwirft gerade keine Utopie. Sie ist nicht rein idealistisch-moralisch orientiert, sondern immer zuerst Rechtslehre. Kant zeichnet ein Bild der Menschen, dass diesem zwar Vernunftbegabung zuspricht, sie aber keineswegs als moralisch "gut" bewertet. Die Firedensschrift zielt nicht nur auf den Frieden, sie befasst sich auch mit der inneren Verfasstheit der Gesellschaften, bezieht Demokratie und Menschenrechte mit ein. Die in der Politikwissenschaft in den sogenannten "Internationalen Beziehungen" gelehrte Lehre vom Liberalismus (Schule um Czempiel) bezieht ihre Auffassungen im wesentlichen von der Schrift von Kant. Insofern ist es am 200. Todestag dieses für mich größten Philosophen der Neuzeit durchaus angebracht, an seine wichtigste Schrift zu erinnern: "Zum ewigen Frieden". Eine hervorragende Interpretation dieser Schrift gibt natürlich der obige Aufsatz von Oliver Ebel, da er die aktuellen Ereignisse des Irak-Krieges mit einbezieht.
Wer aber noch tiefer in die Analyse dieses Klassikers einsteigen möchte, dem sei dieser Sammelband des hervorragenden Kant-Kenners Otfried Höffe empfohlen. höffe selber beschäftigt sich mit dem vernachlässigten Ideal des Friedens, Jean-Christophe Merle legt eine Geschichte des Friedensbegriffs vor Kant dar, wobei er Antike und Mittelalter ebenso einbezieht wie Reformation und Naturrecht. Hans Saner untersucht die negativen Bedingungen des Friedens und geht dabei auf den Anlass der Schrift Kants, den Baseler Frieden zwischen Frankreich und Preußen ein und zeigt den Unterschied zwischen Verträgen und Kants Intention auf, der im Gegensatz dazu keinen Mustervertrag für Friedensverträge vorlegen wollte, sondern "den Krieg in den Frieen" überführen will. Kant geht es um Bedingungen, dauerhaften Frieden zu schaffen. Weitere Beiträge in dem Sammelband untersuchen das "Problem der Erlaubnisgesetze im Spätwerk Kants" (Reinhard Brandt), die notwendigen Elemente einer republikanischen Verfassung in: "Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein" (Wolfgang Kersting), die Frage, ob es einen Völkerbund (von Kant befürwortet) oder eine Weltrepublik (von Kant abgelehnt) geben soll (Otfried Höffe). Hier hat in dem oben zitierten Aufsatz auch Eberl ganz klar den Realismus von Kants Lösungsvorschlag herausgearbeitet: eine Weltrepublik wäre ein Zwangstaat, so Eberl in Anlehnung an Kant, der mit seiner Anmaßung globaler Gewalt notwendigerweise Widerspruch hervorrufen müsse, während ein Völkerbund (nach diesem Vorbild entstand die heutige UNO) den Vorteil der Freiwilligkeit des Zusammenschlusses habe. Nur ein solcher verspräche die Anerkennung des globalen Rechtes - wie man ja derzeit an den Schwierigkeiten im Irak feststellen kann (so Eberl korrekt). Auch Höffe betont in seinem Beitrag die Notwendigkeit einer sanktionsbedingten Rechtsordnung, also einer gewissen Staatlichkeit. Und ist es nicht der allerorts zu beobachtende Staatszerfall einerseits wie auch Beobachtungen eines demokratisch nicht zu kontrollierenden Weltstaates, der zum Despotismus neigt (so Ingeborg Maus: "Vom Nationalstaat zum Globalstaat oder: Der Niedergang der Demokratie" in: "Weltstaat oder Staatenwelt? Für und wider die Idee einer Weltrepublik, 2002, zit. nach Eberl), die zeigt, wie aktuell und real Kants Überlegungen sind? Diese zeitlose Aktualität Kants wird auch in den weiteren Beiträgen dieses Sammelbandes deutlich. So untersucht Reinhard Brandt das "Weltbürgerrecht", Pierre Laberge beschreibt die inneren und äußeren Bedingungen des "ewigen Friedens", wobei er im Kapitel: "Der äußere Krieg" auch den sogenannten Neorealismus, eine Theorie in den Internationalen Beziehungen, mit in die Untersuchung einbezieht. Volker Gernhardt untersucht in seinem Beitrag: "Der Thronverzicht der Philosophie" das Verhältnis von Philosophie und Politik bei Kant und zeigt, dass sich Kant der systematischen Differenz zwischen philosophischer Theorie und pragmatischen [politischen] Handeln bewußt gewesen ist, was auch für seinen Realismus spricht. Monique Castillo untersucht dieses Spannungsverhältnis in ihrem Beitrag:"Moral und Politik: Misshelligkeit und Einhelligkeit". Michael W. Doyle, einer der Begründer der Theorie des "Demokratischen Friedens" in den Internationalen Beziehungen, vergleicht in seinem Aufsatz: "Die Stimme der Völker" die Theorien von Thukydides, Rousseau, Kant und Schumpeter, allesamt Verfechter einer demokratischen und repräsentativen Regierungsform, miteinander und die Frage, inwieweit Demokratie und Mehrheitsprinzip Bedingungen füreinen Friedenszustand sein mögen und ob die Theorie des Demokratischen Friedens daher zutreffe oder nicht. Willfähigkeit, Kreuzzugsmentalität und übersteigerte Verfolgungsangst seien kriegsfördernde und friedenshemmende Bedingungen. Versäumnisse in jedem dieser drei Bereiche könnten unsere friedlichen Aussichten daher "radikal verändern" (S. 242). Abschließend unterscuht Otfried Höffe in einem faszinierenden Aufsatz, inwieweit die Vereinten Nationen der eines Völkerbundes im Sinne Kants entspräche, wobei er eine "halbierte Übereinstimmung" der Ziele und Ideen der UN mit Kants Vorstellungen konstatiert (S. 249).
Fazit
Insgesamt eine faszinierende Interpretationsschrift, die zeigt, welch bleibende Aktualität Kants Schrift vom ewigen Frieden auch heute noch - gerade nach den Ereignissen des Irak-Krieges - besitzt. Der zitierte Aufsatz von Eberl in den "Blättern" sollte unbedingt als Ergänzung zu den vorliegenden Aufsätzen gelesen werden. Sie zeigt die Wichtigkeit und Realitätsnähe von Kant auch in der heutigen Zeit auf.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 18. Februar 2004

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