Ma Jian: Die dunkle Straße

Die dunkle Straße

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-498-03239-5

Preis: 24,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Kong Meili ist erst zwanzig Jahre alt, als sie mit ihrem Mann Kongzi aus ihrem Dorf vor dem Familienplanungstrupp flieht. Meili hat keine Erlaubnis, nach ihrer Tochter Nannan ein zweites Kind zu bekommen, und fürchtet, mit Gewalt zur Sterilisation gezwungen zu werden. Die kompromisslose Bevölkerungspolitik des chinesischen Staates wird von den Bauern als besonders ungerecht empfunden, weil sie sich dringend männliche Nachkommen wünschen und wissen, dass Geldstrafen für illegal geborene Kinder vor Ort direkt in den Taschen korrupter Kader landen. Doch die Familienplanungskommission steht über dem Gesetz, eine Möglichkeit zu Beschwerde ist nicht vorgesehen. Der Dorfschullehrer Kongzi (Kong Lingming) ist ein direkter Nachfahre von Konfuzius und fühlt sich verpflichtet, seine Ahnenreihe mit einem Sohn fortzusetzen. Keinen Sohn zu bekommen ist die schlimmste der Nichterfüllungen, predigte sein berühmter Vorfahre.

Auf den Tipp hin, in den Orten am geplanten Drei-Schluchten-Damm würden die Behörden weniger genau kontrollieren, schlägt die kleine Familie sich an den Yangtse durch. Das Paar hat keinen Zugang zu verlässlichen Informationen und entscheidet aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda über sein Leben. Die Umweltverschmutzung durch Recyceln von Elektroschrott soll im Raum von Foshan sogar so stark ist, dass dort sowieso kein Paar schwanger werden kann, lautet eines der Gerüchte. Die Flüchtlinge leben von der Hand in den Mund, verrichten am und auf dem Fluss verschiedenste Arbeiten. Kong schuftet in einem Abrissteam, sie züchten Enten, transportieren Waren per Boot. Doch die Furcht vor den Behörden und die Angst vor Verrat verlässt die Kongs nicht. Durch ihre Flucht aus dem Heimatdorf sind sie nach chinesischem Rechtsverständnis drei Mal ohne: ohne Papiere, Wohnerlaubnis und Einkommen, als Wanderarbeiter aber auch ohne ärztliche Versorgung und Bildung für ihr Kind.

Ihr Leben am verschmutzten Fluss macht die Kongs zu Opfern wie Tätern. Die drohende Konsequenz können sie nur verdrängen, während sie von den herrschenden Verhältnissen zunehmend in die Enge gedrängt werden. Sie sind Teil eines korrupten Systems, das ihre Kinder töten wird. Sie nutzen das Flusswasser, handeln mit gespritzten, gefälschten, gesundheitsschädlichen Lebensmitteln. Falls Meili noch einmal schwanger werden würde, wäre durch ihre Lebensweise die Gesundheit des Kindes massiv bedroht. Meili hat seit Beginn ihrer Ehe die Erfahrung gemacht, dass ihr Körper nicht ihr, sondern dem Staat gehört. Die Erlebnisse um Kinderwunsch und Schwangerschaft haben sie traumatisiert. In ihren Gedanken hat der Geist ihres noch immer nicht lebend geborenen Kindes überlebt, der auf seine Re-Inkarnation wartet. Die Sicht des Kindsgeistes ist eine der Erzählperspektiven des Buches.

Ma Jian wurde als kritischer Chronist der Zustände in seinem Geburtsland bekannt. Im Dienste seiner Mission schont er deshalb seine Romanfiguren nicht. Die glaubwürdige Darstellung der Entwicklung der kleinen Nannans (zwischen ihrem zweiten und achten Lebensjahr) gehört nicht gerade zu den Stärken des im englischen Exil lebenden Autors.
Fazit
Da mir der Zusammenhang von individuellem Handeln und ökologischen Folgen bewusst ist, hatte ich beim Lesen zunehmend den Eindruck, dass die eigentliche Zielgruppe des in englischer Sprache erschienen Romans chinesische Leser sein müssten. Die Verdichtung der außerhalb Chinas längst bekannten Umweltskandale und der herrschenden Korruption auf das Einzelschicksal einer Familie wirkt in dieser Intensität für mich nur schwer erträglich und beinahe grotesk.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 29. Juli 2015

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