Courtois Stephan: Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror

Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-492-04176-8

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Das "Schwarzbuch des Kommunismus" ist bei seinem Erscheinen häufig kritisiert worden. Insbesondere die Gegner der sogenannen Totalitarismus-Theorie, die besagt, dass die Herrschaftstechnik von Kommunismus und Nationalsozialismus vergleichbar seien, haben dieses Buch heftigst kritisiert. Nun ist die engagiert geschriebene Einleitung des bekannten Kommunismus- und Totalitarismus-Forschers Stephane Courtois nach Öffnung der russischen Archive zutreffend. Allerdings scheint er zeitweise wirklich die "Leichen" gegeneinander aufrechnen zu wollen. Er leugnet allerdings nicht - wie zeitweilig irrtümlich behauptet - die Singularität von Ausschwitz. Mit Ausnahme Kubas (was nach Auffassung des Autors zu beweisen wäre) und der Sandinisten Nicaraguas hätten Kommunisten Andersdenkende eingesperrt und Gewalt gebraucht. Dies wird an den weiteren Veröffentlichungen, bei denen der "real existierende Kommunismus" in den einzelnen Ländern untersucht wird, noch weiter verdeutlicht. Allerdings bleiben diese Beiträge betont sachlich. Zunächst untersucht Nicolas Werth in dem Beitrag: "Ein Staat gegen sein Volk" den sowjetischen Kommunismus (dieser Beitrag ist inzwischen auch als Einzelband lieferbar), wobei er betont sachlich bleibt und die Verbrechen Lenins und Stalins untersucht. All diese Verbrechen sind spätestens seit Alexander Solschenizyns: "Archipel Gulag" bekannt. Die Öffnung der Archive beweist eindeutig, dass der Terror nicht erst unter Stalin, sondern auch schon unter Lenin begann. Nachdem Dimitri Wolkogonow dies in seinem Buch "Die sieben Führer" und in seiner Lenin-Biographie bereits festgestellt hatte, wird diese Sicht jetzt auch durch den "Vater der Perestroika", Alexander Jakowlew, bestätigt, dessen Erinnerungen im Dezember 2003 anlässlich dessen 80. Geburtstags veröffentlicht worden sind. Insofern kommen Werths Enthüllungen nicht überraschend. Interessant jedoch, dass er über die Oktoberrevolution differenziert urteilt. In dem "Historikerstreit", ob es sich bei dieser Revolution um einen Putsch einer organisierten Gruppe (Richard Pipes) oder um eine soziale Revolution gehandelt habe, urteilt er, beides treffe zu: es habe einerseits eine politische Machtergreifung als Frucht eines sorgfältig vorbereiteten Aufstandes gegeben, allerdings gleichzeitig eine "umfassende, vielgestaltige und autonome soziale Revolution." Hier urteilt er in der Tat differenzierter als Jakowlew und weitere führende Historiker. Der Vorteil dieser recht eindimensionalen dualistischen Geschichtsbetrachtung ist nach Werth folgender: "Die russische Gesellschaft wird [durch eine solche Betrachtung; B. N.] von einem Schuldgefühl befreit, von einem Gefühl der Reue, das in den von der schmerzlichen Wiederentdeckung der Perestroika-Jahren eine starke Belastung gewesen ist. Wenn der bolschewistische Staatsstreich von 1917 nur ein Unfall war, so war das russische Volk nur ein unschuldiges Opfer."
Des weiteren wird detailliert in einem zweiten Teil: "Weltrevolution, Bürgerkrieg und Terror die Politik des Komintern unterscucht sowie in einem dritten Teil die kommunistischen Regime in Ost-, Mittel- und Südosteuropa, bevor in Teil 4 die kommunistischen Regime in Asien untersucht werden.

Ein weiteres Kapitel untersucht politische Verbrechen der DDR, bevor sich Stephane Courtois mit der Frage des "Warum" beschäftigt. Hier wurde ich etwas enttäuscht, denn die Frage, warum eine an sich den Menschen zugewandte Ideologie sich in der Praxis als menschenfeindlich herausstellt, wird nicht befriedigend beantwortet. Warum gab es diese Differenz in Ideologie und Praxis? Ist es die "Tradition der Gewalt" (S. 803), Intoleranz, reiner Machtwille (S. 805), die dazu führte? Dies erscheint mir insgesamt zu kurz gegriffen und nicht differenziert genug ausgeleuchtet zu sein.
Fazit
Ein sehr interessantes Buch über die Verbrechen des Kommunismus, wobei jedoch zu sehr auf die herrschende Praxis geschaut wird und die Frage des "Warums" - nämlich warum die zunächst eher menschenfreundliche Ideologie der Sozialisten/Kommunisten in eine so menschenverachtende Praxis mündete, zu kurz kommt. Hier hätte ich Betrachtungen, wie sie Tim Guldiman in seinem heute noch lesenswerten Buch: "Moral und Herrschaft in der Sowjetunion" über die Moralstrukturen im Kommunismus angestellt hat, erwartet. Insgesamt dennoch ein wichtiges Grundlagenwerk zur Erforschung des Kommunismus, dem sicherlich weitere folgen werden.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 10. Februar 2004

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