Bei diesem Buch handelt es sich um ein übles revanchistisches Machwerk, welches
das Ziel hat, die Mitschuld bzw. Schuld Deutschlands am Entstehen der Weltkriege
zu leugnen. Dabei haben Fritz Fischer mit seinem heute noch wegweisenden Werk
"Deutschlands Griff zur Weltmacht" von 1961 sowie sein "Krieg der
Illusionen" von 1962 und zahlreiche weitere Autoren eindeutig die
Entwicklung zum ersten und zum zweiten Weltkrieg untersucht. Diese Publikationen
nimmt Schultze-Rhonhof nicht zur Kenntnis. Der Autor erweckt hier den Eindruck,
Großbritannien sei Schuld an der Entstehung beider Weltkriege. Richtig ist zwar,
dass Großbritannien eine klassische Gleichgewichtspolitik betrieb und verhindern
wollte, dass ein Land auf dem europäischen Kontinent zur Hegemonialmacht in
Europa aufsteigen konnte. Allerdings kann keine Rede davon sein, dass
Großbritannien einen Weltkrieg wollte und Deutschland, wie der Autor hier
suggeriert, bewußt die Kriegsschuld zuspielen wollte, wie er zu Beginn seines
Wälzers behauptet (S. 23). Im Gegenteil. Volker Ullrich weist in seiner
Geschichte über das Kaiserreich detailliert nach, dass Großbritannien bis
buchstäblich zum Kriegsbeginn alles tat, um einen Ausgleich in der Flottenfrage
zu erreichen und den Kriegsbeginn zu verhindern. Es war doch die Verletzung der
belgischen Neutralität, die Großbritannien letztlich bewog, in den Krieg
einzutreten. Wer hier genauer informiert werden möchte, sollte Sebastian
Haffners "Die sieben
Todsünden des Deutschen Reiches im ersten Weltkrieg" zur Hand nehmen.
Hier werden die wahren Ursachen des ersten Weltkrieges benannt: die Abkehr von
der maßvollen Außenpolitik Bismarcks, der Schlieffenplan, die Verletzung der
belgischen Neutralität. All dies kommt in der einseitigen Darstellung
Schultze-Rhonhofs nicht vor. Was soll man sonst noch viele Worte machen? In
diesem Stil geht es dann munter weiter. Alles, was dem Autor, der kaum Quellen
zu seinen abstrusen Thesen angibt, nicht in den Kram passt, wird Auflagen der
Siegermächte nach 1945 in die Schuhe geschoben. Hitler sei gar nicht so
aggressiv gewesen, wird suggeriert, dass Hoßbach-Protokoll von 1937 sei
sinnverfälschend wiedergegeben worden. Hanebüchen. Zu recht fragte der Rezensent
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 26.11.03: "Worauf zielen diese
dunklen Andeutungen? Konnte sich die Zeitgeschichsforschung in der
Bundesrepublik Deutschland nicht frei entfalten? Aber nicht nur die Forschung
ist dem Autor verdächtig, sondern auch so renommierte Quellen wie die
"Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918 bis 1945", die "zu
Gunsten der Sieger gewaschen worden seien."
Schultze-Rhondorf stellt hier wirklich - wie die FAZ völlig richtig bemerkt - die Ergebnisse der bisherigen Forschung zu den beiden Weltkriegen auf den Kopf. Als die eigentlichen Verursacher des 2. Weltkrieges erscheinen in der Tat Frankreich und Großbritannien. Kein Wort davon, dass die deutsche Rüstungspolitik mehr wollte als den Gleichstand mit den Nachbarn - nämlich die Eroberung von "Lebensraum", wie es Hitler bereits am 3. Februar 1933 vor der versammelten Reichswehrführung erklärte. Es ist unglaublich, dass ein solches Buch solch positive Wertungen findet und - auch hierin ist der FAZ recht zu geben - dass ein Bundeswehroffizier heute ein solches revanchistisches Geschichtsbild öffentlich vertreten kann. Leider passt es in eine Tendenz, die deutsche Schuld am 2. Weltkrieg zu leugnen und die Deutschen als unschuldige Opfer darzustellen. Dies scheint auch die Absicht des Autors zu sein. Fazit
Wer über die Zeit zwischen 1871 und 1945 gut informiert werden möchte, sollte zu
den Bänden Christian Graf von Krockows "Deutschland 1890-1990", Gordon
A. Craigs "Deutschland 1866-1945" und anderen seriösen
Geschichtsforschern greifen, nicht jedoch zu diesem üblen revanchistischen
Machwerk. Dies ist sicherlich ein hartes Urteil, meines Erachtens aber
zutreffend. Null Punkte !
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