Ich habe Peter Stamms neues Buch besorgt, nachdem ich ihn daraus im Frankfurter
Literaturhaus im Januar 2004 lesen hörte. Etwas skeptisch ob der hervorragenden
Rezensionen seines Erstlings "Agnes" im literarischen Quartett, muss
ich sagen, Stamm hat meinen Geschmack getroffen. Erinnernd an Ingo Schulzes
"33 Augenblicke des Glückes" oder die Kurzgeschichten Raymond Carvers,
stellen insbesondere seine Kurzgeschichten, die z.T. 10-11 Seiten nicht
überschreiten, den Menschen in den Mittelpunkt seiner sehr dichten Handlungen.
Erzähltechnisch arbeitet er häufig mit der Methode des Rückblickes. Beispielhaft
etwa in der ersten Kurzgeschichte des vorliegenden Bandes, "Der
Besuch": Gegen Mittag starb der Vater, und Regina und die Kinder gingen
nach Hause und taten, was zu tun war. Aber schon an diesem Abend fuhren wieder
alle. Verena hatte gefragt, ob es in Ordnung sei, ob die Mutter zurechtkomme,
und versprach, früh am nächsten Tag dazusein. Regina schaute den Kindern nach
und sah, wie sie vor dem Haus miteinander redeten. Sie fühlte sich ihnen
ausgeliefert. Sie wußte, worüber sie sprachen. Nach Gerhards Tod war das Haus
noch leerer." Plötlich zeigt sich: trotz aller
"Reizüberflutungen" unserer modernen Massengesellschaft zum Trotz
existieren Trauer und Einsamkeit. Nicht umsonst konstatieren Kritiker seiner
Geschichten eine tiefgreifende Melancholie. Stamm erweist sich, wie Hajo
Steinert im "Tagesanzeiger" zu recht geschrieben hat, als ein
"Meister des Unspektakulären", als "Virtuose der kurzen
erzählerischen Form." Er erweist sich dabei als scharfsinniger Beobachter
der menschlichen Psyche. So fand ich es nicht verwunderlich, dass der Autor
Psychologie studiert hat. Zu genau erforscht er das Innere im Menschen,
beleuchtet die Beziehungen zueinander. Stamm erklärte bei der Lesung, er
konstruiere seine Geschichten nicht nach einem genauen Plan, sondern lasse die
Handlung auf sich zukommen, d.h. er weiß am Anfang selber noch nicht, wie die
Geschichten ausgehen. Auch dies merkt man meines Erachtens. Nun sind meines
Erachtens nicht alle 11 versammelten Geschichten gleich gut. Insbesondere die
Erzählung: "Alles, was fehlt" hat mich etwas enttäuscht; ihr fehlt die
Stringenz und Übersichtlichkeit der Handlungsführung, die seine anderen
Geschichten auszeichnen. Insofern hat mir "Blitzeis", Stamms erste
Kurzgeschichtensammlung, noch besser gefallen. Die dort versammelten Geschichten
sind kürzer und meines Erachtens noch stringenter.
Fazit
Nichtsdestotrotz einer der großen deutschsprachigen Erzähler, die - neben Carver
und Schulze - zu recht zur Generation der neuen hoffnungsvollen Autoren gehören,
die Weltliteratur erschaffen.
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