Heidi Rehn: Der Sommer der Freiheit

Der Sommer der Freiheit

Verlag: Droemer Knaur [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-426-51216-6

Preis: 9,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 11. Dezember 2016]
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Wieder einmal war das luxuriöse Hotel "Bellevue" in Baden-Baden der Ort, an dem die Familie des bekannten Zeitungsverlegers Rosenbaum ihre alljährlichen Urlaubswochen verbrachte. Für Hedda Rosenbaum war diese Sommerfrische, die sie mit ihrer Mutter Meta, ihrem Gatten Josef, der Tochter Selma und dem jüngeren Sohn Christian, genannt Grischa, in der eleganten Kurstadt verbrachte, zur Tradition geworden. Das lockere, sorglose Leben, das frei schien von aller Alltagsschwere, hatte es besonders den jungen Leuten angetan. Mit überschäumender Freude genossen sie die festlich gedeckten Tafeln, die Tanzvergnügen in den strahlenden Ballsälen, das von Mode und Gesellschaftstratsch gesättigte Geplapper und den unterwürfig-exzellenten Service des geschulten Personals, das den begüterten Sommerfrischlern jeden Wunsch von den Augen ablas. Und diese Sommerwochen im August 1913 hatten noch eine zusätzliche Besonderheit, denn mittlerweile hatte sich Selma mit Gero von Sudloff verlobt, dessen schimmernden Ring sie am Finger trug und dessen rotes Cabrio vor dem imposanten Hotelportal nur darauf wartete, mit der emanzipierten, jungen Führerscheinbesitzerin die Gegend zu erkunden. Allein bleiben musste sie auch nicht bei ihren Unternehmungen, dafür sorgte die Bekanntschaft mit Constanze, die mit ihrem Vater, dem Maschinenfabrikanten Otto Weißkirchner aus Metz, ein paar Ferientage in Baden-Baden verbrachte und sich gleich zu der parkettsicheren Selma hingezogen fühlte. Die kopflose Verwirrung, die das Treffen mit dem Franzosen Robert Beck, einem Fotografen aus Belfort, zu stiften vermochte, war allerdings nicht vorhersehbar und brachte ein ziemliches Gefühlschaos mit sich. Aber die Zeit verharrte nicht in Tändeleien und romantischen Glücksgefühlen. Die Schatten des ersten Weltkrieges setzten diesem glücklichen Sommer ein Ende und ließen den Walzer der Unbeschwertheit verklingen. Es ist die geschichtsträchtige Zeit des ersten Weltkrieges, in der Heidi Rehns Roman seinen Platz hat. Mit ungeheurer Detailverliebtheit skizziert die Autorin ihre Protagonisten, ihr Umfeld, Handlungsweisen und Beweggründe. Flüssig ist ihr Schreibstil, die Sprache ist angenehm und sehr gut verständlich, für meine Begriffe hätte es des anhängenden Glossars nicht bedurft, aber das ist natürlich Ansichtssache.

Der Roman ist ein Zeitgemälde, die Darstellung einer bestimmten Gesellschaftsschicht, deren Oberflächlichkeit und Selbstverliebtheit eine Dekadenz enthielt, die nur schwer zu akzeptieren ist. Selma Rosenbaum ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die höheren Töchter, die - verwöhnt, anspruchsvoll und eitel - gedankenlos in den Tag hinein lebten, ihr einziges Streben lediglich auf das eigene Vergnügen und die Befriedigung ausgeprägter erotischer Gelüste gerichtet, deren Umsetzung allerdings so zügellos und ungehemmt vonstatten ging, dass ich als Leser recht befremdet war. Man muss nicht prüde sein, um ein solches Verhalten zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als extrem ungewöhnlich zu empfinden. Trotz dieser überbordenden Leidenschaftlichkeiten bleibt die Person der Selma seltsam ausdruckslos und blutleer, wie auch der Reigen der umgebenden Darsteller in meinem Kopf über ein Schattendasein nicht hinausgekommen ist. Selbst im weiteren Verlauf des Buches, in dem politische und menschliche Veränderungen in hohem Maße vorhanden sind und gute Aspekte mehr Tiefe und Nachhaltigkeit hätten bringen können, bleibt der Eindruck auf mich leider seicht und in einigen Passagen zu unglaubwürdig. Der Ursprungsgedanke, der diesem Buch zu Grunde liegen mag, ist wunderbar geeignet, einen spannenden Bogen über Zeiten und Menschen im Wandel zu spannen. Gefühlsintensität und Ausdrucksstärke, die den Protagonisten Markanz verleihen würden, liegen fast greifbar zwischen den Zeilen. Leider führt hier eine Überfrachtung in Details zum Verlust positiver Werte, durch die sich ein Buch Unvergessenheit schaffen kann. Ich will auf keinen Fall in Abrede stellen, dass einige Leser hier trotzdem gute Unterhaltung finden, nur mein Ankommen im Buch und meine Identifikation mit den Personen hat leider nicht geklappt.
Fazit
Ein Buch mit Potential, das leider viel vermissen läßt.
4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne
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Hexengold

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Vorgeschlagen von brillenbaby [Profil]
veröffentlicht am 14. August 2014

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