Karl Drechsler: Gegenspieler: John F. Kennedy - Nikita Chruschtschow

Gegenspieler: John F. Kennedy - Nikita Chruschtschow

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-596-14158-6

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Das vorliegende Buch ist eine wirklich sehr gelungene Kurzeinführung in Lebenswerk und Politik der beiden Politiker, die zwischen 1961 und 1963 als Gegenspieler an der Spitze ihrer Staaten USA und UdSSR standen und durch die Kuba-Krise in eine direkte Konfrontation miteinander gerieten. Glücklicherweise siegte bei beiden Politikern der Wille zum Kompromiß und so der gesunde Menschenverstand. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass diese Duographie (Doppelbiographie) mit einem Zitat des letzten Briefes von Jacqueline Kennedy an Chruschtschow nach Kennedys Ermordung beginnt: "Sie und er waren Gegner, die jedoch die Überzeugung verband, daß man die Welt nicht in die Luft sprengen darf."
Wie kamen beide Politiker an die Spitze ihrer Staaten? Wie entwickelten sie ihre Vorstellungen? Welches war ihre konkrete Politik? Wie sah ihr Gesellschaftsbild aus?
In dieser faszinierenden Biographie werden Leben und Werk beider Protagonisten ausführlich gewürdigt. Der Aufstieg Chruschtschows unter Stalin, seine Prägung durch den sowjetischen Diktator einerseits, seine allmähliche Lösung von ihm und dessen Vorstellungen andererseits bis zur Entwicklung eigenständiger Vorstellungen - die Entwicklung vom kleinen Pinja zum russischen Herrscher - wird insbesondere bei Chruschtschow faszinierend nachgezeichnet. Bei Kennedy wird im Anfangskapitel dagegen verdeutlicht, wie wichtig familiäre Beziehungen gewesen sind. Wurde Chruschtschow durch Stalin geprägt, so war Kennedys Vorbild Roosevelt - auch wenn es über die Appeasement-Politik und die Haltung gegen Deutschland große Meinungsverschiedenheiten zwischen Joe Kennedy, dem Vater des Präsidenten, und Roosevelt gab, so dass Joe Kennedy von einem Botschafterposten abberufen wurde. Trotzdem arbeitet sich Kennedy zäh nach oben, wird 1956 Vizepräsidentschaftskandidat der Demokraten - allerdings ohne Chance gegen den populären Eisenhower. 1961 schafft es der junge, dynamische Hoffnungsträger, Eisenhowers Vizepräsidenten knapp zu besiegen. Kennedy und Chruschtschow - der Intellektuelle und der Bauernsohn - verkörperten je auf ihre Weise einen Traum - wie Kennedys Inaugurationsrede vom 20. Januar 1961 verdeutlicht, dass Kennedy den "amerikanischen Traum" verwirklichen wollte: "Sie [die Rede; B.N.] beschrieb die Vision eines neuen fortschrittlichen Amerikas, das an die großen revolutionären Traditionen seiner Geschichte anknüpfen und in der Lage sein würde, Schwierigkeiten im Innern wie im Internationalen Leben zu lösen und zu neuer Größe aufzusteigen" (S. 66). Auch Chruschtschow verkörperte nach Stalins Tod Hoffnungen, die insbesondere mit seiner Entstalinisierung und seiner Entlarvung der grausamen Praktiken Stalins auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 einen Höhepunkt erreichten. "Allmählich reiften die Voraussetzungen für einen weitergehenden gesellschaftlichen Wandel und ein geistiges Erwachen heran. "Die dumpfe Angst, der blinde Glauben begannen zu weichen""(S. 65).

So faszinierend die biographischen und gesellschaftlichen Details in dieser Einführung geschildert werden, so kommen Einzelheiten der Wirtschafts- und Außenpolitik etwas zu kurz. Dies wird insbesondere in Kapitel 4: "Big business und Großer Plan" deutlich. Insbesondere die Widersprüchlichkeit der Wirtschaftspolitik Chruschtschows, der ständig zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung in seiner Wirtschaftspolitik schwankte, kommt eindeutig zu kurz. Richtig bleibt jedoch die Feststellung auf S. 106, dass sich der Kremlchef aus der Umklammerung des bürokratischen Apparates lösen, dessen Befugnisse einschränken und ihn gleichzeitig effektiver machen wollte. Beiden, Chruschtschow und Kennedy, war auch in der Wirtschaftspolitik gemeinsam, dass sie ihre Gesellschaften auf der Basis ökonomischer Veränderungen reformieren wollten, ohne die gegebenen Herrschaftsstrukturen in Frage stellen wollten (S: 109). Dennoch kommt eine kritische Würdigung insbesondere der zum Teil recht chaotischen Wirtschaftspolitik Chruschtschows zu kurz. Auch die Außenpolitik, die im 5. Kapitel analysiert wird, kommt leider zu kurz. Insbesondere die Kuba-Krise, die die Welt an den Rand des atomaren Abgrundes brachte, wird zwar in ihren wesentlichen Abläufen auf S. 126- S. 141 dargestellt und bewertet, ihre Gewichtung ist jedoch angesichts der zentralen Bedeutung der Krise für die beiden Protagonisten nicht ausreichend. Auch die Behauptung, der entscheidende "erste" Brief Chruschtschows vom 26. Oktober 1962, in der die wesentlichen Vorschläge zur Lösung der Krise - Abzug der sowjetischen atomaren Mittelstreckenraken gegen eine Nichtangriffsgarantie der USA, sei vermutlich ohne Wissen des Parteipräsidiums (zwischen 1952 und 1966 Name des sowjetischen Politbüros, des Führungsgremiums der UdSSR) erfolgt, kann nach heutigen Erkenntnissen, insbesondere der Erkenntisse Dimitri Wolkogonows in seinem Buch: "Die sieben Führer" und Brauburgers: "Nerv! enprobe" (zumindest ersteres war dem Autor bekannt, er führt es in seinen Quellen auf) nicht aufrechterhalten werden.

Auch die Problematik des Vietnamkrieges wird äußerst kursorisch - auf 2 Seiten, S. 149/50! - abgehandelt.

Sehr gut gelungen allerdings ist wiederum das letzte Kapitel: "Der gewaltsame Abschied und das leise Vergessen", die die Ermordung Kennedys 1963 und den Sturz Chruschtschows ein Jahr später behandeln und die Wirkung der beiden Politiker untersucht. Die Bilanz ist sehr interessant zu lesen, da sich der Autor um differenzierte Einschätzung beider Persönlichkeiten bemüht - dies ist ihm gelungen.
Fazit
Eine sehr gute erste Einführung, die zahlreiche Quellen, die am Ende aufgeführt sind, berücksichtigt, allerdings gewisse Schwächen in der Darstellung politischer Einzelbereiche, insbesondere der Wirtschafts- und der Außenpolitik enthält. Absolute Stärke des Buches ist der "psychologische Falkenblick", mit dem die unterschiedlichen Charaktere der beiden mächtigsten Männer ihrer Zeit beleuchtet und ihr Aufstieg geschildert wird. Daher absolut lesenswert.

Wer neugierig geworden ist und mehr Material zu dieser Epoche lesen möchte, der sei auf das Buch: "Powergame, Kennedy und Chruschtschow" von Michael Beschloss verwiesen (auf das der Autor im Quellenverzeichnis auch verweist), der diese Einführung vertieft.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 14. Januar 2004

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